Ausgabe 
9.7.1906
 
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Antlitz glühte wie von einem inneren Feuer durchleuchtet, und uni den feinen Mund lug ein liebenswürdiges Lächeln.

Und nun hätt'st du deine Cousine mul auf dem Hin­weg sehen sollen. Ich will gar nicht daran denken. ES war dumm, daß ich keine Droschke genommen hätte, aber ich dachte, gerade der Spaziergang durch denGroßen Garten" würde ihr gut tun. Und nun flennt das Mädel und der Wind heult und die Bäume tropfen, na, wenn sie dabei nicht heiser geworden ist ich dachte, nicht 'nen Ton bringt sie raus, aber hin müssen wir . . . du, Della, nimm noch ein bißchen Kartoffelsalat . . . der Nanzoni erwartet un§ . . . nicht wahr, er ist gut? nach 'nem Rezept von Frau Sanitäts­rat Meinecke ... ja also, und dann legt sie lo§, na, weißt du . . . geh, ich bitt' dich, Kind, tu's mir zu Liebe, nimm noch ein Kotelettchen und etwas Gemüse . . . nee, Lucie, das kannst du dir einmal nicht vorstellen. Erst ein wenig schüchtern, so die ersten drei, vier Töne, aber auch schon rein wie 'ne Glocke, ja, das hat er gesagt, wie eine Glocke, und dann weg alle Angst . . . Du, ich glaube, Dellchcn, Käse schadet der Stimme . . . und mit einer Kraft und einem Ausdruck hat sie gesungen, wie die Engel im Paradies . . . eh sind amerikanische Äepfel, Herzchen, ausgezeichnet im Ge­schmack .... und eh' ich überhaupt noch was sagen konnte, hat der Professor sie schon beim Kops, küßt sie auf die Stirn und sagt: ,Das ist die Weihe der Kunst!' . . . Wenn Du Hammelkoteletts nicht gern ißt, kannst du es ungeniert sagen, ich lasse dir dann etivas anderes braten, ich esse sie sehr gern und Lutz auch . . . alle Italiener posieren, das muß man schon hinnehmen, aber es war doch ein erhebender Moment . . . Mahlzeit, Kinder! Ich lasse zu Ehren des Tages Eierpunsch machen, und dann wollen wir drüben im Wohnzimmer weiter plaudern von dieser großen Sache. Bei dem scheußlichen Herbstwetter tut's gut, inwendig etwas einzuheizen. Mich fröstelt, wenn ich an heute vormittag denke."

Sie hatte sich erhoben und die beiden Mädchen waren ihrem Beispiel gefolgt. Lucie hatte stillschweigend dem Be­richt der Mutter zugehört, die während des Essens die Er­lebnisse beim Professor Nanzoni auskramte. Adele weilte mit ihren Gedanken bei der für sie hochwichtigen Stunde, aber es machte ihr Spaß, die Tante in dieser komischen Art davon erzählen zu hören, wie sie zwischen Braten und Gemüse die Frage servierte.

Was alles in diesen Stunden in ihr vorgegangen, das ahnte sie doch nicht.

Sie hielt sich an die Aeußerlichkeiten des Erfolges, dessen man sich wirklich erfreuen konnte, auch bei einem guten Nachtmahl. Die Hauptsache war, daß Nanzoni Adele zu seiner Schülerin gemacht hatte. Das bestätigte auch Lucie, als sie endlich zu Wort kam. Sie hatte eine Stickerei vor­genommen, die Lampe dicht zu sich herangezogen, und sagte zu ihrer Cousine:Du hast wirklich Glück, Della, daß er dich so ohne weiteres annahin. Hunderte kommen jedes Jahr her, um sich von ihm prüfen zu lassen, und kaum drei bis vier behält er zur Ausbildung zurück. Ec ist schrecklich kritt- lich und launenhaft. Im Pensionat von Fräulein Heise habe ich neulich amüsante Geschichten von ihm gehört. Eine Amerikanerin, die ihm dreißig Mark für die Stunde bezahlen wollte, habe er einfach abgewiesen, weil sie schielt."

Man singt doch nicht mit den Augen," meinte Frau Handtke verwundert.

Ja, aber er sei so nervös, daß er nicht vertragen könne, wenn jemand ihn schief anblicke. Ueberhaupt die Erscheinung der Schülerin soll sehr wichtig sein bei seinen Entschlüssen" ihr Auge flog zu Adele hinüber, die ganz im Dunkeln saß, so daß sie die flüchtige Röte nicht bemerken konnte, die über ihr Antlitz flog.

Da hat er eigentlich ganz recht. Eine Künstlerin muß schön sein", entschied die Mutter,und bei sonem alten Herrn hat das nichts zu bedeuten."

Na, und Della hats dazu!" sagte Lucie etwas hämisch.

Gott sei Dank! Die herrliche Stimme, und hübsch wird sie auch werden, wenn sie erst voller und reifer sein wird."

Das junge Mädchen erhob sich. Es berührte sie peinlich, so über sich verhandeln zu hören, und sie sagte:Wenn du erlaubst, liebe Tante, möchte ich mich zeitig zur Ruhe be­geben. Der Tag hat mir doch viel Aufregendes gebracht und ich bin etwas müde. Auch möchte ich noch, bevor ich schlafen gehe, an die Eltern schreiben."

Ja, natürlich, tue das. Ich werde an meine liebe Schwester wohl auch einige Zeilen schreiben müssen über ihres Töchterleins Einzug in Dresden und in das Haus ihrer Tante und vor allem über ihren Sucres bei Meister Nanzoni, Morgen früh kann der Brief dann fortgehen/'

Gute Nacht, Tantchen!"

Soll ich dir vielleicht noch ein Gläschen Eierpunsch in dein Zimmer schicken?"

Nein, danke! Ich bin an geistige Getränke gar nicht gewöhnt. Ich glaube, ein Glas war schon zu viel für mich."

Ach, Unsinn! Das lernt man und es tut gut."

Gute Nacht, Lucie!"

Gute Nacht! Und ruhe gut auf deinen Lorbeeren.. Ich denke, du wirst dich von jetzt ab auf diese Lagerstatt ein­richten müssen."

Diese Worte ihrer Cousine, so liebenswürdig sie auch klangen, hatten ihr nicht wohlgetan. Und als sie später er­müdet ihr Bett aufsuchte, tönten sie ihr im Ohr wider, höhnisch und spöttelnd. Die Träume aber, die sie umfingen, führten sie in einen Garten, dessen bunte, trügerische Herbst­schönheit sie durchschauerte. Herb und dumpf stieg es ans der Erde zu ihr empor, und als sic fliehen wollte, fand sie sich plötzlich an der Kirchhofmauer ihrer Vaterstadt. Und über die Mauer hinweg reichte ihr jemand ein herrliches Diadem aus großen, weißen Perlen. Sie wollte es sich aufs Haupt setzen, aber als sie näher hinsah, waren es Eisbeeren, und die dürren Stengel, an denen sie hingen, ragten wie Dornen empor.

Erst am frühen Morgen verfiel sie aus diesen unruhigen, wirren Träumen in einen festen, tiefen, gesunden Schlaf.

(Fortsetzung folgt.)

157 Tage korsischer Waubmö'lder.

Erinnernngcn au Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Tiemann.

(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)

Was soll ich schreiben, wie die leichteren Gefangenen, die herumgehen konnten, mir jeden Morgen von den Re-j sultaten der anderen Verhandlungen derselben Schwur- gerichtsperiode durch das Schauloch berichteten, wie sie mir Taschentücher abbettelteu, während ich ihren Bitten um wollene Hemden widerstand. Soll ich auch erwähnen, daß kurz vor Beginn der Schwurgerichtstagung Rechtsanwalt Lausranchi, der sein Honorar schon erhoben hatte, mich I im Gefängnis aussuchte mit beit Worten:Parole d'hon- I neur, das sind meine letzten Frauken, und ich habe noch I meine Hotelrechnung zu bezahlen." Ich gab ihm daraufhin' 100 Fr. . . .

Die Schwurgerichtsverhandlung dauerte vom 8. bis 12. Juni, täglich von 121/4 bis gegen 5 Uhr. Wie bereits am 10. Ium das Bastia-Journal schrieb, enthielt die Anklage­schrift, ein Sammelwerk von Lügen, wie sich Rechtsanwalt Decori ausdrückte, nichts Bestimmtes zugunsten der An­klage, unbestimmte Vermutungen, viele leere Kombinat timten, und das war alles. Aüders konnte es auch nicht sein. Mer der geschundene Esel ninßte begraben werden, damit der Prussien die Gloire einer französischen Schwur- gerichtssitzung bewundern konnte. Wie oft hatte ich Rechts-? anwalt Campiglia gesagt:Schade um das schöne Papier, das vergeudet wird." Er antwortete mir stets darauf: Frankreich ist reich, sehr reich.", und doch rechneten korsische Blätter nach, daß deutsche Touristen niemals die Kriegsentschädigung einbringen würden, die Frankreich 1871 an Preußep (nicht Deutschland!) zahlen mußte. wären die Engländer ganz andere Leute, diese müßte män viel herzlicher aufnehmen. . :

Bei der Auslosung der Geschworenen verwarf mein Rechtsanwalt Decori sämtliche Offiziere. Wegen der Lange der Verhandlnng würden zwei Hilfsgefchworene hinzugefugr.

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