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1906 ■"
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Der Stern.
Roman von Ulrich Fran k.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Um Himmels willen, Kind, was hast du? Was fehlt dir denn? So kannst du unmöglich zu Ranzoni gehen, und wenn wir heute die von ihm bestimmte Stunde versäumen, das wäre schrecklich. Wer weiß, wann man dann wieder mal 'rankommt. Es hat Mühe genug gekostet, ehe ich cs erreicht habe, und wenn nicht der Kapellmeister Richter und der Direktor Streitmann sich für uns verwendet hätten, ja, aber Della, was denkst du dir denn?"
Tie Erregung der Tante gab der Fassungslosen die Be- sinnting zurück.
„O, Tante, bitte, nur einen Augenblick, es wird vorübergehen. Es ist nur das Neue, was mich verwirrt und erschreckt, und dann der Abschied gestern von Hause, und ja . . , und die Furcht vor dem Professor . . ." Sie brachte die Worte stoßweise hervor, als müsse sie sich erst allgemach sammeln.
„Gott, aber Kind, das geht wirklich nicht. Du darfst dich nicht so gehen lassen. Erst gestern diese unnütze Aufregung und diese ganz überflüssigen Tränen, und heute wieder. Das schadet der Stimme. Du darfst dich deinen Gefühlen nicht so willenlos hingebcn, das ist bei dir nicht wie bei andern jungen Mädchen, die weinen und lachen können nach ihrem Belieben und sich von jeder Stimmung hinreißen lassen. Du mußt auf dich achten ... deine wunderbare Stimme . . . das legt dir Pflichten auf. Nicht umsonst hat dir die Natur ein so köstliches Geschenk verliehen." Sic war in einen pathetischen Ton verfallen und legte mahnenden Nachdruck in ihre Worte: „Ist dir das klar?"
„Ja, Tante ..." flüsterte sie kaum hörbar, und dann schweifte ihr Blick umher, als suche sie etwas, was ihr einen festen Stützpunkt geben könnte in dieser verzweifelten Unruhe ihrer Seele.
Sie waren inzwischen weiter gegangen und betraten einen großen Park, der zu dem Stadtteil führte, in dem der Professor wohnte. Herbstschaucr fröstelten durch das Laub der Bäume, über denen es in bräunlichem Hauch lag. Auf den breiten Pfaden und Wieseuflächen moderten vergilbte Blätter, und Astern und Dahlien, die zu Gruppen vereint den herbstlichen Schmuck des Gartens bildeten, standen frierend in der feuchten Luft. Die prangenden Farben, die in dem grauen Tag hell aufleuchteten, gaben ihnen keine Wärme und keine sommerliche Schönheit. Trügerisch war alles. Und doch, war diese bunte Pracht nicht ein köstliches Geschenk, das die
Natur ihnen verliehen halte? Aber die Astern und Dahlien weinten. In feuchtem Geneset tropfte der Herbstnebel von ihnen ab.
Sie weinen, trotzdem die Natur sie mit köstlichen Gaben bedacht hat.
Mechanisch griff sie nach dem Strauchwerk, das die Wege umsäumte. Es trug weiße Elsbeeren auf dürrem Gezweig. Sic hatte ein Acstcheu abgebrochen und blickte zerstreut auf die runden, weißen Kügelchen.
„Wie große, kostbare Perlen sieht das aus, Della"» rief die Justizrätin, „solche werden einst dein Haar schmücken und deinen Nacken, wenn du auftreten wirst. Und die Menschen werden dir zujubeln und du wirst gefeiert sein und reich und glücklich."
Mit weitem, traumhaftem Blick sah Adele in die herbstlichen Nebel, die sich jetzt dichter zusammengeballt hatten- Es fing leise zu regnen an.
„Liebst du Perlen mehr oder Brillanten?" fragte bi« Tante.
„Ich weiß cs nicht", gab sie wie aus wachen Träumen zur Antwort, „aber die Eisbeeren haben mich immer traurig gemacht. So weiß und kalt. In Bernstadt wachsen sie an der Kirchhofsmauer."
Frau Handtke erwiderte nichts darauf und beeilte ihre Schritte. Es schicn ihr das beste, so schnell wie möglich der feuchten Luft und Adcleus trüben Gedanken zu entkommen.
*
Als der Abend die Justizrätin mit Tochter, und Nichte um den behaglieh gedeckten Tisch vereinte, war die Stimmung eine ganz andere. Das große Ereignis des heutigen Tages wurde lebhaft besprochen. Professor Ranzoni hatte Della nicht nur singen lassen, sondern nach eingehender Prüfling erklärt, er selbst wolle die Ausbildung ihrer Stimme über- nehmen.
„Den hättest du sehen sollen, Lutz", lachte die Rätin und legte sich ein zartes Hauunclkotelett auf ihren Teller. „Eßt, Mädels, und laßt's euch gut schmecken. Du mußt besonders kräftig essen, Dellchen, so 'ne Stimme braucht Futter. Viel Eier und Fleisch und mal ein Gläschen feinen Wein oder ein Kognäkchcn und so allerlei, nein, die hättest du hören sollen, Lutzchen, so was! Der alte Ranzoni riß die Augen auf und war ganz paff. Es Ivar aber auch phänomenal -— ja, phänomenal hat er nämlich gesagt. Nicht wahr, Dellchen?"
„Ja, Tantel Das sagte er." Sie sah in diesem Augenblick stolz und froh aus. Ihre Augen leuchteten, ihr


