Ausgabe 
9.6.1906
 
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liehe erste Zeitung in Frankfurt gab der Postmeister von Frankfurt, Birghden, im Jahre 1616 heraus, wie in dem Ausstellungskatalog von Franz Mttweger näher nachge- wiesen wird. DasAvisendrucken" fand aber bald Kon­kurrenz, aus der sich umfangreiche Prozesse entwickelten. In der Ausstellung ist u. a. eineUnvergreiffliche Post- zeitung" von 1622, eineOrdinari-Wochen-Zeitung" usw. zu sehen. Die Gründung desFrankfurter Journals" fällt m das Jahr 1665, doch sind nur noch einzelne Exemplare von 1674, 1698 usw. vorhanden. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die alte Postzeitung den TitelFrank­furter Kayserl. Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung" angenom­men, und eine Bekanntmachung von 1762 besagt, daß die Zeitung viermal wöchentlich erscheine. DieFrankfurter Gelehrten-Zeitung" erschien zuerst im Juli 1736, aber schon 1747 tauchte ein Konkurrenzunternehmen auf, das sich!Un- gelehrte Zeitung" nannte und diesen Titel tote folgt motivierte:Alle Zeitungen, die man bißhero gehabt, sind entweder dem Titul oder dem Inhalt nach gelehrt, denn wenn die Zeitungsschreiber auch in gar keiner Art den Wissenschaften erfahren sind, so sind sie doch zum wenigsten Staats- und Cabinets-Verständige, so gut als die Calender- macher des Wetters und der Zeit, wenn es gut Aderlässen und schröpffen ist. Hier tritt nun auch die ungelehrte Zeitung an's Licht. Sie nennt sich ungelehrt, weil sie nicht nach' den Regeln der Gelehrsamkeit oder Staatskunst, sondern bloß nach der natürlichen gesunden Vernunft und Erfahrung redet" usw. Auch die moderne Frauenbewegung findet bereits im 18. Jahrhundert ihren Ausdruck durch die 1795 erfolgte Gründung einerFrauenzimmer-Zeitung", da die andern Blätter immer nur von den Mann'sthaten sprechen, von männlichen Verrichtungen, von großen oder kleinen, graben oder schiefen, löblichen oder taüelhaften Handlungen der Männer. Und das schöne Frauenvolk, diese Wonne der menschlichen Gesellschaft, diese Helfferinnen der Ordnung, diese Erholung nach verrichteten Geschäften sollen keine Zeitschrift, keine Beschreibung ihrer guten oder bösen Handlungen und keine Bekanntmachung ihrer Bedeutenheit verdienen?" Die damalige Frauenbewegung scheint aber trotz dieser schönen Grundsätze nicht den richtigen Nährboden gefunden zu haben, denn dieFrauenzimmer-Zeitung" ist bereits im Jahre 1797 wieder eingegangen. Von einer schon 1783 angekündigten Gründung einesJrauen-Jour- nals" durch eineGesellschaft von Frauenzimmern", das allmonatlich erscheinen sollte, ist bisher kein Exemplar auf­zufinden gewesen.

Es ließe sich aus den ausgestellten Zeitungsmaterial noch viel des Interessanten herausgreifen, so besonders aus denFrankfurter gelehrten Anzeigen", an denen 1772 Schlosser, Herder, Merk, Goethe u. a. mitarbeiteten, und der im selben Jahr von dem Frankfurter Gymnasiallehrer Benedikt Schiller viermal wöchentlich herausgegebenen Zeit­schriftFrankfurter Staats-Ristretto", die nach seinem Tod auf den Sohn, den Fürstlich-Hessen-Darmstädtifchen Rat Dr. Georg Ludwig Schiller überging. Auch über die vielen, vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu den Freiheits­kriegen erschienenen Preßerzeugnisse und den Einfluß Na­poleons auf die öffentliche Meinung sind viele interessante Beläge vorhanden. Wir wollen uns indes damit begnügen, hier noch eine Probe von der originellen Reklame zu geben, die vor etwa 200 Jahren der weltbekannte Dr. Eisenbart gelegentlich seines Besuches in Darm­stadt vom Stapel gelassen hat. Da ist zu lesen imJour­nal" vom 7. Febr. 1705:Auß der Bergstraßen, 3. Februarii. Nach deme der höchst-berühmte Operator Herr Joh. Andreas Eysenbart, welcher sich anjetzo in Darmstadt aufhält und dahin wegen seiner aller Orten höchst-berühmten Euren ver­langet worden, am 21. verflossenen Monats Januarti im Beysein der Herren Leib- und anderer Madicorum, auch Gräfl. und verschiedener Standespersonen, von einem Koch- sungen einen großen Blasen-Stein nicht allein glücklich geschnitten, sondern auch denselben nun völlig curiret; wie dann wohlgemeldeter Herr Eysenbart durch seine grosse Experieux und viele Stein-Schäden so weit kommen, daß er alle curable Stein, sonder Gefahr, vermög eines Schnittes und curiosen Handgriffes aus der Blasen nehmen kann und erst vor wenig Monaten dergleichen vortreffliche Proben an 11 Personen, als von welchen er erschröckliche, theyls wie Hühner-Eyer grosse Steine aus der Blasen gezogen,

felieissimi erwiesen; nicht weniger auch Brüche und Augen- Euren in grosser Zahl höchst-rühmlich verrichtet, gestatten er dann in Deutschland wegen vieler herrlicher Proben genugsam bekannt ist. Als wird dieser weitberühmte Herr? Dr. Eysenbart, so an obgedachtem Ort dieses Mal zu finden, sonsten aber zu Magdeburg im güldenen Apfel wohnet, jedermänniglich, der seiner Hülfe benöthiget ist, sowohl auch sein köstlicher Spiritus Apopleet in Schlag, Gicht, blöde Augen, verlorenem Gehör, das Loth a 1 Gülden, samt seiner unvergleichlichen Stein-Tinctur vor dergleichen Preiß zum besten reeommandirt. Logirt zu Darmstadt im Bier­garten bei Frau Salseldin."

LstSL'Kmsches.

Die im Verlage von Ed. Avenarius in Leipzig erscheinende 14tägige ZeitschriftSchöne Literatur", heraus­gegeben von Prof. Dr. Ed. Zarncke in Leipzig, verdient in weiteren Kreisen Beachtung. Sie bemüht sich mit schönstem Erfolge, ein Organ zu sein, in dem nur unparteiische, mit künstlerischem Maßstabe messende Fachmänner ersten Ranges über die Erscheinungen der modernen Literatur nach ein­gehender Erwägung und in sachlicher Form, wenn auch unter Umständen mit der nötigen Schärfe berichten. Ein Probeabonnement aus ein Vierteljahr (zu 1.50 Mk.) ist zu empfehlen.

Komm:

(Aus: Einsame Sterne, Neue Dichtungen.)

Nun zeige mir endlich ein ander Gesicht Als das der büßenden Nonne. . .

Die Welt liegt hell in jungem Licht, In Seligkeit und Sonne.

Der Flieder blüht ivegauf, megab Mit duftigblauen Trauben . . . Was redest du mir noch vom Grab? Laß mich ans Leben glauben.

Das lacht so laut in Herz und Ohr Und ruft nach Glück und Freude . . . Ter siegende Frühling hält vorm Tor Mit seliger, sonniger Beute.

Er sieht mich an so voll so tief, Wie einen lieben Bekannten . . . Und alles was verwintert schlief, Das ist nun attferstanden.

Es tollt und tobt in Brust und Blut, Das ist das heischende Leben . . . Die Welt ist voll von Gluck und Glut Und ivill uns Freude geben.

Drum laß den Gram und laß den Harm,

Wir wollen ins Leben gehen . . . Da ist so wohlig weich und warm, Da ist ein großes Verstehen.

Was ich Dir tat, es ist geschehn, War Weh . . . und war doch Wonne . . . Komm, laß rins froh in den Frühling gehn, In Seligkeit lmd in Sonne.

Karl Neurath.

CitaLenrätfel.

Nachdruck verboten.

Aus jedem der folgenden Eitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues 15itat ergiebt:

1. Nichts Bessers weiß ich mir au Sonn- und Feiertagen, Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei.

2. Jeder freut sich seiner Stelle, Bietet dem Verächter Trutz.

3. In großes Unglück lernt ein edles Herz

Sich endlich finden, .....

4. Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist Unsinn?

Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen.

5. Du hast Diamanten und Perlen,

Hast Lilles, was Menschenbegehr 1

6. Dachtet ihr, der Löwe schliefe, weil er nicht brüllte?

7. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

8. War es immer wie jetzt? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen.

Nur das Alter ist jung, ach 1 und die Jugend ist alt.

Auflösung in nächster Nummer.

Atiflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer)

Junger Verschwender, alter Geizhals.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,