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die Straße zu bekommen. Heinrich öffnete zuerst das Fenster i an der Kinderschlafstube, worauf alle drei herausschauteu und mich in ihrer leicht begreiflichen Angst fragten, was das wäre. Ich sagte ihnen: „Es ist ein furchtbares Erdbeben, macht, daß ihr alle ans dem Hause kommt, so schnell wie möglich." Ueberall sah man dre, Leute halb anaekleidet aus den Häusern eilen und ein jeher dachte, das Ende der Welt sei gekommen. Ungefahr etwas über eine Minute hatte diese schauerliche Szene angehalten. Alle Häuser, welche auf felsigem, bergigem Boden standen, waren mit verhältnismäßig leichter Beschädigung durch diese gewaltige Erdvolution gekommen. Auch unser Hans war nur durch einige kleine Risse über den Türen beschädigt worden: aber von den Häusern, welche auf ausgesulltem Grunde oder ebener, steinloser Erde standen, waren sehr viele ganz eingestürzt und haben eine große, jetzt noch Nicht bekannte Zahl Menschen unter Steinen und Schutt begraben. Hunderte von Menschen waren auf der Straße erschlagen worden von ein stürzen den Schornsteinen und Backstein- Häusern. Die Bretterhünser waren die sichersten. Doch sind auch in diesen viele Menschen in ihren Betten durch die einstürzenden Schornsteine, welche drei und vier Stockwerke durchschlugen, umgekoncmen. Aber nach all diesen schreck- licheii Erlebnissen sollte der Stadt San Franzisko das Schlimmste noch bevorstehen. Durch die gewaltige Erd- erschütterung waren überall die elektrischen Drähre und die starken elektrischen Maschinen in den Straßenbahn-Be- triebshäusern zerrissen worden, wodurch au mehr denn 50 Stellen in der Stadt das Feuer zugleich ausbrach. Es ist eine sehr starke und tüchtige Feuerwehr hier, ausgerüstet mit den neuesten und besten Maschinen, jedoch ihr Arbeitsfeld war zu groß. Die Feuerwehr und zwei Regimenter Militär arbeiteten anstrengend, um dem schrecklichen Elemente Einhalt zu tun, aber nun wurden sie gewahr, daß das Wasser versagte, denn durch die gewaltige Erderschütterung waren alle Hauptröhren der Wasserleitung aus ihren Fugen gegangen, und somit war, nm den Schrecken auf den höchsten Punkt zu bringen, der Stadt das Wasser zum Löschen abgeschnitten. So stand nun über eine halbe Million Menschen dem furchtbaren Feuer, dem über 3/i der Stadt zum Opfer wurden, machtlos gegenüber. Daß das Militär eine Menge Gebäude mit Dynamit sprengte, konnte ebenfalls dem gewaltigen Feuer nicht den geringsten Einhalt tun. Nun hieß es, so schnell wie möglich die besten Sachen zusammenpacken und hinaus aus der Stadt, weg von dem gräßlichen Feuermeer. Es ist mir unmöglich, diesen Auszug zu beschreiben, denn dieses Schreckliche kann nur derjenige begreifen, der es mit erlebt hat. Aus allen Häusern kamen die Leute mit ihrem Möbel und sonstigen guten Sachen, und wer keinen Wagen bekommen konnte, trug oder schob und zog dieselben über eine halbe Stunde Wegs, weit aus der Nähe von Gebäuden; denn ein jeder sah ein, daß beinahe die ganze Stadt ein Fraß der Flammen werden sollte. Auch wir mußten dasselbe tun. Mittwoch morgen nach dem Erdbeben war das Feuer ausgebrochen, und Donnerstag gegen mittag hatte dasselbe auch unsere Bäckerei erfaßt und brannte dieselbe nieder bis auf den Erdboden. Nachdem wir unsere neuen Möbel, die uns über 1000 Mk. gekostet hatten, schon den halben Weg aus der Stadt gebracht hatten, waren wir alle so ermattet (denn Frau und Kinder hatten tüchtig mitgeholfen), daß wir, mit unseren Sachen nicht mehr weiter konnten. Dieses läßt sich leicht verstehen, wenn man bedenkt, daß wir über einen ganzen Tag vor Schrecken und Aufregung beinahe nichts gegessen hatten. Zum Glück fanden toir endlich einen Wagen, welcher unseren großen Koffer und das Bettzeug mitnahm zur Stadt hinaus an den stillen Ozean ganz in der Nähe der Kasernen. Die Soldaten hatten Zelte aufgeschlagen, in denen die ausgebrannten Familien untergebracht wurden.. Auch wir haben ein rundes Zelt bekommen, in welchem wir jetzt wohnen — ein großer Unterschied zwischen der schönen Wohnung in der neuen Bäckerei; doch danken wir dem lieben Gott, daß er uns gesund und heil durch diese schreckliche Verwüstung gebracht hat. Alle Leute, welche durch das Erdbeben und Feuer ihr Heim verloren haben, werden bis' auf weiteres von der Regierung erhalten. Die Zukunft ist also, wie Ihr leicht ersehen könnt, für uns ziemlich trübe. Viel Lust, in San Franzisko zu bleiben, haben wir nicht. Wir haben aus dem Feuer, wie ich schon gesagt habe,, weiter nichts gerettet, wie unseren großen Koffer mit Kleidern und das Bettzeug. Unsere neuen Möbel und sonstige wertvolle
Sachen sind, da wir sie nicht weiter bringen konnten, auf der Straße verbrannt. — Lieber Bruder Karl, ich möchte Dich bitten, gleich zu schreiben, denn ich kann nicht sagen, wie lange ivir hier noch bleiben."
Iie g;nhv ck u»g des deutschen ZeitungsWi-ens.
(Original-Art. d. Gieß. Fmn.-Bl.)
Das Zeitungswesen hat sowohl in Deutschland, wie in den meisten übrigen Kulturstaaten während der letzten Jahrzehnte einen Aufschwung genommen, der die Errungenschaften auf vielen anderen Gebieten des modernen Lebens weit in den Schatten stellt. Die Zeitung ist längst zu einem Kulturfaktor ersten Ranges geworden und gehört heute zu den Bedürfnissen des täglichen Daseins wie das liebe Brot. Während aber alle dem Verkehr und dem öffentlichen Leben dienenden Einrichtungen unter den machtvollen Fittichen des Staates in weitgehendem Maße Schutz und Förderung erfahren, hat das Zeitungswesen in den meisten Staaten nicht nur keine wirksame Unterstützung gefunden, sondern man hat es sich vielmehr noch angelegen sein lassen, ihm hindernd in den Weg zu treten. Diesem Umstand ist es in erster Linie zuzuschreiben, daß wir über die geschicht- liche Entwicklung und den Werdegang der „6. Großmacht" eigentlich noch recht im Unklaren sind. Man hat verschiedene Postmuseen errichtet und tiefsinnige Nachforschungen über die Geschichte des Streichholzes und der Zigarre, der Briefmarke und der Fahrkarte veranstaltet, aber die ältesten Dokumente der „Encyklopädie des Tages" bleiben vergilbt und wurmzerfressen in den Rumpelkammern der Archive oder in verborgenen kleinen Sammlungen zerstreut. Es ist deshalb mit F-reude zu begrüßen, daß ähnlich, wie im vorigen Jahr im Buchgewerbehaus zu Leipzig, jetzt auch in Frankfurt a. M. der Versuch unternommen worden ist, eine übersichtliche Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des gesamten Zeitungswesens zu geben. Kann die in der ehemaligen Weißfrauenschule arrangierte Ausstellung auch keinen Anspruch darauf erheben, als eine allgemeine deutsche oder gar, wie sie sich nennt, eine „internationale Zeitungsausstellung" bezeichnet zu werden, so bietet sie doch des geschichtlich Interessanten genug, um die volle Aufmerksamkeit nicht nur des Zeitungsfachmannes, sondern auch des gebildeten Laienpublikums zu erwecken.
Die Ausstellung hat zwar von den in Sammlungen versteckten alten handschriftlichen Originalen nichts auf» zuweiscn, aber sie enthält dafür namentlich viele bemerkenswerte Druckproben aus den ersten Anfängen des westdeutschen Zeitungswesens. Das älteste Dokument ist eine illustrierte „Copia der Newen Zeytung aus; Prasilly Landl", die aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, jedenfalls der Zeit vor 1510 entstammt (Brasilien wurde im Jahre 1500 von den Portugiesen entdeckt). Dann folgt eine „Antzeygendt Newtzeyttung" aus dem Jahre 1525, „wie es aigendtlich mitt der schlacht vor Paula ging" (Pavia, wo am 24. Februar 1525 Franz I. von Frankreich von den Kaiserlichen gefangen genommen wurde). Bon historischem Interesse ist' auch „Ain Kurtzer Begriff des Kriegs, / So sich zwischen den Fünss Orttcn / unnd den andern orttern der Cydgnoschafft Der lauf fett hat", verfaßt von dem schweizerischen Reformator Ulrich Ztvingli im Jahre 1531, weiter „Christliche bündtnuß vun Kriegßrüstung Keyser Carls, unser aller Herrn tc." (1538). Daß man auch im 16. Jahrhundert schon stark auf Neugier und Sensationslust der Menge spekulierte, zeigt eine Reihe sogenannter Relationen, so „Wahrhafftige und schröckliche vor nie erhörte neuwe zeyttung von einem ungerathenen Ehemann Georg Weber aenand, welcher sein Weib sampt seinen 5 Kindern erbärmlich nmbgebracht hat" (1575), „Zwo Newezeittung. Von den Erschröcklichen Wnnderzeichen. Die Ander: Ein erschrock- liche und erbärmliche Geschicht (1581) usw. Das waren indes alles nur Gelegenheitserscheinungen. Die ersten regelmäßig wiederkehrenden Druckerzeugnisse bildeten die sog. Frankfurter Meßrelationen, die Michael Eyzinger aus Oesterreich seit dem Jahre 1584 unter dem Titel „Relativ Htstorcca erscheinen ließ, „getruckt zu Cölln ausf der Burg mawse, bey Godtsridt von Kempen". Diese Relationen scheinen aus der alljährlichen Frankfurter Ostermesse viel Absatz gefunden zu haben; sie schilderten stets die wichtigsten Ereignisse in der Welt, die von Messe zu Messe zu verzeichuen waren, und wurden außer in Cölln auch in Halle, Magdeburg, j Wallstadt, Heidelberg, Li ch, Ursel usw. gedruckt. Die eigent-


