Ausgabe 
9.6.1906
 
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farbigen runden Strohhut und Helle Schuhe und sah so flott und jung aus, unterstützt noch durch den vergnügten, saft strahlenden Ausdruck seines geröteten Gesichts, daß er auf der Straße noch mehr als sonst die Aufmerksamkeit weiblicher Passanten geweckt hatte. Darum hatte er sich heut aber blutwenig gekümmert.

Ein neuer Mensch schien in ihn eingezogen zu sein. Er fühlte sich so jung, frisch und glücklich wie damals, als er, ein Achtzehnjähriger, sorglos und zuversichtlich ins Leben hin- eingcstürmt war, ahnungslos all der Untiefen und Gefahren, die dort auf ihn lauerten. Nun, er ivar ihnen wohl unter­legen, war oft gestrauchelt und gefallen, aber sein bestes, innerstes Fühlen, das tief wurzelnde Gute und Eble, das eine reine, herzenswarme Mutter ihm eingepflanzt, hatte er sich doch aus all dem Schmutz und Leichtsinn gerettet und das rang sich nun siegreich durch und würde unter dem Sonnenschein der Liebe eines echten Weibes seine schönsten, fruchtbringenden Blüten treiben.

Noch einmal war ihm am Abend vorher vor Augen ge­führt worden, in ivelch unwürdiger Weise er seine Gefühle als Mann vergeudet hatte. So sehr er Günther von Bohlen zuerst gezürnt, daß er ihn heimtückisch zu dem intimen Ab- schiedssonper der blonden Lora geschleppt, ihm erst vor der Tür des Restaurants, als jeder Widerstand lächerlich und auffallend gewesen wäre, dieFreunde", mit denen er sich verabredet, genannt hatte, so sehr hatte er ihm schließlich ge­dankt, daß er ihm noch einmal Gelegenheit gegeben, den lln- terschied zwischen dieser geschminkten, raffinierten Kokette und seiner süßen, reinen, stolzen Ruth so recht intensiv zu fühlen. Er war nur eine Stunde geblieben und als er unter einem Vorwande schied, geschah's mit dem befreienden Bewußtsein, daß man ihn in solcher Gesellschaft nie mehr sehen werde.

Es war ja auch seit Wochen wieder das erste Mal ge­wesen, daß er sich in dem Anbetcrkreise Loras gezeigt hatte, und die witzelnden Bemerkungen über seinePhilisterhaftig- keit", die deutlichen Anspielungen auf eine neueFlamme" hatten nicht gefehlt. Wirkungslos waren sie an ihm ab- geprallt. Er hatte diese Andeutungen nicht einmal in Ge­danken mit Ruth verbunden, so hoch stand sie über dem, was die leichtsinnigen Gefährten sich bei ihrer Neckerei vor­stellten.

Nach all den Erfahrungen seines Lebens trieb er jetzt einen förmlichen Kultus mit dem geliebten Weibe, dessen stolze Reinheit ihm köstlicher erschien, als alle irdischen Schätze, seltener, als Gold und Edelsteine.

Ihre körperliche Schönheit gehörte gleichsam zu dem Reiz ihres inneren Wesens, war so mit demselben verschmolzen, daß er nicht wußte, was er mehr an ihr liebte und begehrte. Die dunklen Samtaugen hätten ja an Reiz verloren, sobald das tiefe, reine Licht darinnen fehlte, und der rote Mund, der so lieblich und stolz zugleich lächeln konnte, wäre entstellt gewesen durch ein kokettes Lachen.

Wie er nach ihrem Anblick lechzte! Wie nach einem Trank erquickenden Wassers!

Ungestüm stieß er die Tür zum Atelier auf. Augen­blendend flimmerte das grelle Sonnenlicht über dem nn- wirtlichen, öden Raum, in dem eine drückende Schwüle brütete.

Nur zwei der regellos umherstehenden Staffeleien waren besetzt Fräulein Riemers brauner Kopf, struppig wie immer, tauchte hinter der einen auf, nickte dem Meister mit einem trockenenGuten Morgen" zu und verschwand dann mit etwas maliziösem Lächeln wieder hinter ihrer Leinwand. Es galt dem zerstreuten Blick, den Willy Hammer nur für ihren Gruß gehabt hatte, denn seine Augen waren anfleuch- ienb weitergewandert, um mit leidenschaftlicher Innigkeit an Ruths schlanker, hoher Gestalt hängen zu bleiben. Sie stand vor ihrer Staffelei, Malstock und Palette in den Händen, doch augenscheinlich unbeschäftigt. Ihr Werk war wohl auch so gut wie vollendet.

Als er rasch auf sie zutrat, hob sie den Blick, den sie bis dahin hatte prüfend auf der Leinwand ruhen lassen und sah ihm entgegen.

Sie war eine Meisterin in der Kunst der Selbstbeherrsch-. ung und obgleich ihr Auge gierig den Schein der Liebe in seinem männlichen Gesicht einsog, obgleich ihr Herz wie wahn­sinnig klopfte, kämpfend mit dem Glauben an ihn und der Verachtung dessen, was sie selbst gestern abend hatte mit ansehen müssen, das sie nicht vertrauend Verleumdung nennen konnte, traf ihn ihr Blick so kühl und fremd, daß der ge­wandte Weltmann förmlich die Fassung verlor. Die Sprache versagte ihm einen Moment, so erschreckte ihn der Ausdruck dieses blassen, starren Mädchengesichts.

Wie geht es Ihnen, Fräulein Ruth?" sagte er endlich und ärgerte sich gleich darauf über die banale Frage, da ihm so viel innige warme Worte auf den Lippen geschwebt hatten, die er ihr heute jeder Zeugin zum Trotz gleich zur Begrüßung hatte zuflüstern wollen.

Aber Ruth schien seine Frage ganz in der Ordnung zu sinden. Sie neigte leicht den Kopf.

Ich danke, Meister, es geht mir gut."

Aber sie reichte ihm nicht wie sonst die Hand, obgleich es auch absichtslos sein konnte, da sie die Hände nicht frei hatte. Ihm aber war es wie ein Schlag ins Gesicht, wie ein Eiseshauch, der unbarmherzig über das warme Blühen in ihm wehte. Er trat dicht an sie heran.

Sind Sie mir böse, Ruth, daß ich gestern früh nicht kam?" fragte er in einer jäh aufblitzenden tröstlichen Hoff­nung,ich hatte den sehr ehrenvollen Besuch einer Königlichen Hoheit, deren Porträt ich"

Sie unterbrach ihn mit einer leichten Handbewegung.

Aber bitte, keine Entschuldigung, Herr Hammer!" sie legte einen merkbaren Nachdruck auf das WortHerr",ich habe Sie ja gar nicht erwartet, Sie pflegten doch auch sonst nicht täglich zu kommen."

Es klang durchaus nichts bitteres, empfindliches durch ihre Worte und Willy Hammer fühlte genau, daß es das nicht mar, was sie so auffallend verändert hatte. Sie war eine ganz andere, wie die Ruth der letzten Wochen. Wo mar das schlecht verborgene zärtliche Leuchten der angebetenen Samtaugen, mo das scheue Lächeln des roten Mundes, wo die bebende Weichheit der leisen Mädchenstimme, all diese beglückenden Zeichen, aus denen er sich den Rausch des Sieges geholt hatte.

Der Rausch zerfloß in kläglicher Nüchternheit angesichts dieser ruhigen, kühlen Gleichgültigkeit, mit der das heiß- begehrte Weib ihm plötzlich gegenübersland. Er wurde ganz und gar irre an ihr. Der sieggewohnte Frauenkenner fand sich vor einem Rätsel, dessen Lösung über sein Lebensglück entscheiden würde und vor dem er fürs erste ratlos stand.

(Fortsetzung folgt.)

Aas Krdbeii-n in San Aramislw.

Nachfolgender Brief, der dieser Tage tu die Hände eines Einwohners von Ulfa, Kreis Schotten, gelangte, schildert die Eindrücke eines Augenzeugen von dem Erd­beben in San Franzisko.

San Franzisko, 6. Mm.

Wahrscheinlich habt Ihr schon gehört von dem gräß­lichen Unglück, das uns hier in San Franzisko befallen hat. Es war am Mittwoch, den 18. April, morgens 5 Uhr 16 Minuten. Wir waren ungefähr mit der Brotbäckerei fertig, ich nahm gerade dias letzte Brot und die Wecke aus dem Ofen, als auf einmal die ganze Erbte anfing zu hüpfen wie ein Gummiball. Blecherne Schüsseln und Kuchenformen fielen von den Seitbrettern herunter, wir konnten selber nicht mehr stehen, ohne uns anzuhalten. Einen Augenblick standen wir da und schauten uns verzweiflungsvoll an; denn ein jeder dachte, das Ende der Welt sei gekommen. Ich habe jetzt hier schon viele Erdbeben mitgemacht, aber eines mit solcher furchtbaren Gewalt noch nicht, denn die ganze Erde schien auf einmal federleicht geworden zu sein. Mein erster und einziger Gedanke war, hier im Backhaus ist mein Grab. Als es nach einer halben Minute noch nicht aufhörte, sprang ich, so schnell mich meine Füße im furcht­barsten Schrecken tragen konnten, nach oben und durch den Laden auf die Straße. Hier angekommen, rief ich nach Frau und Kindern, um diese so schnell tote möglich aus