Ausgabe 
9.6.1906
 
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1906

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WitLettole Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Nur sie steht allein da, sie, die strenge, harte, mit ihrer schweren Art, das Leben zu nehmen. Was hat sic erreicht mit all ihren, Pflichtgefühl, mit den tausend heimlichen Opfern, die sie dem Wohl der Ihrigen bringen zu müssen geglaubt?

Nichts, als daß sie jetzt einsam unter ihnen ist, daß man sie verhöhnt und ihre Ansichten bespöttelt, ja, daß man sie gering schätzt, ihr pflichtenschweres Leben verachtet. Wie hat doch Suse eben gesagt?"

Du, die Du keine Leidenschaft kennstI"

Das Wort brennt mit ätzender Schärfe in ihrer Seele. All die Qual vergangener Tage steigt vor ihr auf, das lockende Rufen des Glückes, dem sie, Todesweh im Herzen, das Ohr verschlossen, das wilde Käinpfen schlafloser Nächte, ehe der sehnsüchtige Schrei ihrer Sinne verklungen war.

Und was mar das alles gegen die Schwerter des Schnicrzes, die heut ihre Brust zerfleischten? Sie hatte den Becher der Wonne schon an den Lippen gefühlt und die rauhe Hand des Schicksals ivandclte den Trank, da sie ihn schlürfen durfte, in Enttäuschung und Bitterkeit. Noch einmal glitten die wechselnden Empfindungen des heutigen Tages an ihr vorüber, das jauchzende Glückshoffen, die schwüle, heiße Leidenschaft, das lähmende Entsetzen, der grenzenlose Ekel, das ans Neid und Empörung gemischte Gefühl für die junge Schwester, der schneidende, wütende Schmerz, in dem alle diese Eindrücke gipfelten es war zu viel für ihre Kraft. Mit Anstrengung nur entledigte sie sich ihrer Kleider ihre Hände waren schlaff und heiß und förmlich willenlos, oft kaum fähig, einen Knopf zu öffnen ihre Augen brannten und schmerzten, daß selbst der gedämpfte Schein der Lampe sie blendete, und Siises geräuschvolles Auf- und Abgehen, das Plätschern mit Waschwasser und das Klirren des Por­zellans tat ihren Nerven weh, wie eine körperliche, rohe Be­rührung. Es war ihr eine Wohltat, daß die Schwester in kindischem Trotz mit ihr schmollte und kein Wort zu ihr sprach sie hätte ihre Stimme jetzt nicht ertragen können.

Wie eine Scheintote, sich des Wachens bewußt und doch wie gelähmt an allen Gliedern, verbrachte sie die Nacht. Eine Last schien auf ihrer Brust zu ruhen, ohne daß sie die Arme rühren konnte, sich davon zu befreien. In ihrem Kopfe war ein verworrenes, wüstes Chaos, durch ihr schwer schlagendes Herz zuckte zuweilen der wehe Stich eines klaren Erinnerns.

Der Morgen dämmerte bleifarben durch die Fenster, als sie sich endlich diesem qualvollen Lähmungszustande entwand.

Mit dem neuen Tag, der heranbrach, kam ihr das Be­wußtsein, daß sie sich aufraffen, daß sie handeln mußte, nicht nur für sich, sondern auch für Suse. Der alte Stolz er­wachte und peitschte ihre Willenskraft empor. Ihr Verstand begann klar und scharf zu arbeiten mit dem ersten Sonnenstrahl, der sich durch die herabgclassenen roten Vor­hänge stahl, war ihr Entschluß gefaßt. Sie würde an Leutnant Trautendorf schreiben, von seiner Ehrenhaftigkeit fordern, daß er sein Verhältnis mit Suse löste, und Willy Hammer würde sie, sollte er's wirklich wagen, ihr von seiner Liebe zu sprechen, ganz kalt und hohnvoll sagen, daß sie ihn nicht liebte. Es war unmöglich, daß sie danach ihre Stunden bei ihm noch einmal aufnahm auch darüber war sie sich ganz klar und was das für ihr Fortkommen bedeutete aber sie nahm cs hin als notwendige Folgerung. Es wa? eben der rollende Stein, der nicht fragte, was er alles in den Abgrund riß.

Und das alte Leben würde beginnen, das schwerfällig» Dahintrotten in der Arbeitstretmühle des müheseligen Er­werbes, die stumpfe Resignation des alternden Mädchens die feige Angst vor irgend einem neuen Schicksalsschlage> und daneben laufend jetzt immer der Gedanke, wie es hätts anders sein können, wenn

Ruth preßte in stummer Qual die Hände an die Schläfew Nicht denken, nicht denken!

In fliegender Hast schrieb sie den Brief an Trauten­dorf eine rührende Bitte halb halb ein verzweifeltes Fordern sie fühlte, beides würde nicht ungehört ver­hallen.

Als sie den Brief fonuertiert und in ihrem Kleide ver­borgen hatte, trat sie leise an Suscs Bett. Die schlief noch fest und süß, die Röte der Gesundheit auf den Wangen, ei^ Lächeln um die purpurnen Lippen. Aus dem geöffneten Nacht­jäckchen leuchtete ihr weißer, voller Hals, ein dünnes Gold­kettchen stahl sich zwischen den billigen Spitzen der Wäsch) hervor und endete in der kräftigen, geballten Mädchenhandi Ruth wagte nicht, die rosigen Finger zu lösen, sie ahnte wohl, was sie so fest umschließen mochten! Ein heißes Erbarmeij giioll in ihr auf. Kein Zürnen war mehr in ihr, nur Lieba nachsichtige Liebe für dieses jimge, schöne Geschöpf, dem sii ein jaiichzendes Glück zertrümmern Niußte, weil die Pflicht es ihr gebot.

Und sie neigte sich über die Schlafende und weckte si» mit einem versöhnenden Kusse.

XI.

Um die Mittagsstunde desselben Tages stieg Willy Hammec leichtfüßig die Treppen zu feinem Damenatelier empor. Gl trug der Hitze wegen einen weißen Flanellanzug, einen gleich»