395
Leider verstand ich die verdeutschten technischen Ausdrücke des Herrn Professors Bouchacourt bei Begründung der Vermehrung der Geschworenen nicht, sodaß ich meinte, ich verstände das Französisch des Herrn Gerichtspräsidenten besser als das Deutsch des Herrn Professors, was natürlich von dessen anwesenden ehemaligen Schülern und den jungen Damen, die in starker Zahl in glänzenden Toiletten den Sitzungen ständig beiwohnten, entsprechend belacht wurde. Ich habe mich immer französisch verteidigt, und Professor Bouchacourt nur ab und zn als lebendes Wörterbuch benutzt. Mein Äjaccioer Dolmetsch, Professor Froissy, hatte mir mitgeteilt, daß auch die studierten Lehrer in Frankreich sehr schlecht besoldet würden. Es freute mich daher, daß ich ihm wie seinem Bastiauer Kollegen eine nicht un- bedeutende Nebeneinnahme aus der Staatskasse verschaffen konnte.
Wie ich aus einigen Ausschnitten ersah, die meinem Rechtsanwalt von Magdeburg aus übersaudt und von diesem mir vorgelegt würden, hatte man über mich die schrecklichsten Schauermären verbreitet.
Der Untersuchungsrichter hatte mich als Zeuge, wie folgt, gefragt: „Haben Sie Direktor M. außerhalb des Hotels in Gefellschaft eines Fremden oder Einheimischen gesehen?" Ich hatte der Wahrheit entsprechend mit „Nein" geantwortet. Nach Ankunft des Sohnes fragte mich derselbe Beamte: „Sind Sie außerhalb des Hotels in Gesellschaft des Direktors M. gewesen?" Ich antwortete: „Ja, zweimal; einmal trafen wir uns auf der Salariostraße in der Nähe der Villa Belvedere, ich von meiner Tour zurückkehrend, er auswandernd. Tas zweite Mal hatte er mich aus freien Stücken in die Stadt begleitet, obwohl er einige Tage vorher erklärt hatte, er dürfe unterwegs nicht viel sprechen und wolle deshalb seine Spaziergänge allein machen." Die abgeünderte Frage des Untersuchungsrichters bedingte eine andere Antwort meinerseits. Das französische Wort „sehen" konnte nicht als „sich sehen" oder „sich befinden" gedeutet werden.
Die Bemerkung des Untersuchungsrichters, daß ich erst bei meiner zweiten Aussage gewußt hätte, daß ein Tagebuch, das Direktor M. sehr genau geführt hätte, bestanden, und ich deshalb meine Anssage geändert hätte, ist auch hinfällig, da ich gerade des Tagebuches in dem Kondolenzbrief an die Witwe vor Ankunft des Sohnes gedachte. Dieses Fallenstellen mag als juristischer Trick beliebt sein, ich sand es aber überaus kläglich, daß die Behörde sich auf diese Weise selbst betrog, und trotzdem sie bei dieser Sache ertappt worden war, mangels besserer Beweise, die abgedroschene Sache in der Schwurgerichtssitzung wieder aufwärmte.
Die aus dem Kopse der Leiche hervorgeholten Revolverkugeln könnten nach der Aussage des Sohnes vielleicht deutsches Fabrikat sein, doch kenne er die Fabrikate Frankreichs und anderer Länder nicht. Ich habe mein Lebtag keinen Revolver besessen. Rechtsanwalt Deeori betonte, daß, trotzdem die Einfuhr ausländischer Munition verboten wäre, in Korsika Patronen aus aller Herren Länder erhältlich tocirem- Er legte davon ein ganzes Arsenal vor.
Nach meiner Festnahme hatte man sofort durch die Zeitungen das Gerücht verbreitet, Blutflecke auf meinem Mantel hätten mich verdächtigt. Da natürlich Blutflecke auf meinem Mantel gar nicht vorhanden fein konnten, half man sich in einer anderen Weise. Ich hätte meinen Mantel mit Seewasser gewaschen. Nach der Fragenfolge beim Verhör schien man dies anfangs damit begründen zu wollen, daß ich in der Rohprodnktensirma R. B. Hennig, Magdeburg, gelernt hätte, in der nufer Reisender nnd die reisenden Chefs mit Färberkundschaft verhandelt hätten und rch vielleicht lernen konnte, daß Blutflecke mit Seewasser entfernt werden könnten. Tre Seewasserflecke aber stammten von meiner dreizeyntägigen Seereise 1. Klasse auf dem Dampfer „Prinz .Heinrich" vom Norddentschen Lloyd, ans der ton- im wildstürmenden Kanal und Golf von Biskaya manch argen Spritzer abbekamen. Auch am Kap St. Am- peglco in Bordighera, in der Sturmflutzeit in Menton oder beim Muschelsammeln in Ajaccio hat mein Mantel häufiger Bekanntschaft mit übermütigenderen Wellen getüncht. Bei diesem Punkte tritt die Verdächtigung offen zutage. Wenn Mademoiselle Ruby von den Blutflecken auf oein Mantel, die mich verdächtig machten, noch sprechen konnte, mußten diese noch im Mantel sein, als ich interniert wurde. Ich hätte also die Blutflecke erst im Ge
fängnis mit Seewasser entfernt. Im Gefängnis bin ich aber mit Seewasser nicht zusammengekominen. Die Blutflecke im Taschentuch stammen von einem schlechten Zahn. Zahnbluten habe ich häufiger gehabt, dies bewiesen die Taschentücher, die ich bei Verlesung des betreffenden Passus aus der Anklageschrift als' sofortige Widerlegung zum größten Gaicdium der Zuhörer und Merger des Gerichtshofes eins nach dem andern hervorzog. Ter Oberstaatsanwalt bemerkte späterhin, daß man auch auf dieses Taschentuch wenig Wert legte.
Welche Rolle der Autosuggestion bei Zeugenaussagen spielt, zeigt folgendes Beispiel. Als der Hotelportier mich im Lesesaal zum zweiten Male nach dem Direktor M. fragte, soll ich zusammengefahren und rot geworden sein. Ich hatte zum Schreiben den Stuhl', auf dem ich saß, nahe an den Tisch herangeschoben und schob ihn, um mich besser bewegen zu können, zurück. Ein Rotwerden zu bemerken ist aber bei Gasglühlicht, wie wissenschaftlich festgestellt ist, ausgeschlossen.
(Fortsetzung folgt.)
In den Wald!
„Hinaus, hinaus in das dultige Grün In des Waldes blatlrauschendes Dunkel Auf die Wiesen, wo lacheiwe Blumen blühu Geschmückt mit des Taues Gefunkel, — O wonniger Frühling, o Sommerzeit! — Und laßt nur die Sorgen recht weit, Recht weit dabinten zurücke 1"
Allen Brost schüttle du schwerbedrängtes Herz hertiuter, entfliehe dem Getöse zwischen den Mauern und eile hinaus auf die Flur, >vo die segenschwere Aehre im frischen Winde das Haupt hebt und senkt. Mächtiger noch lockt der kühle Wald, still, ’ träumerisch und weltverloren, in heiligem Schweigen. Wie hehr, wie feierlich, wenn im purpurnen Frühlichtscheine der sauste Windcshanch die dustgeschivellten Blütenzweige aus der träumerischen Nachtruhe werft. Die windbewegten Wipfel rannen und flüstern fick) zu. Die Amsel flötet mit Macht ihre melodischen Weisen über den erwachenben Wald hin, sich wnnbernb, daß im Gebüsche noch alles fort» schläft. Der leichtbeschwingte Sängerchor des Haines hört den schmetternden Weckruf der Amsel und gibt in vielstimmigem Konzerte seine Freude über das heraufkonnnende Tagesgestirn kund. Ach, manches unter den Jubelnden hat eine bange, sorgenschwangere Nacht hinter sich. In den Lüften die lichtscheue Eule, auf den Aesten der klettergewandte Marder, auf dem Boden der schleichende Reinecke — überall hat das Verderben gelauert, viele bange Stunden lang. Mit dem Beginne des Morgenkonzertes in den grünen Hallen des Waldes ivecki die Natur mit süßem Rufe das Echo sanft im Herzensgründe. Das Rauschen und Raunen des grünen Don>es wird zuur Gebet. Dem Schoße des Waldes entquillt berauschender Duft, die Kinder der bunten Flora locken mit wohlgefüllten Nektartöpfchen die leichtbeflügelten Insekten, bie' fmnmenb dem Honigseim nachgehen.
Nach kurzer Wanberung in bem erfrischenden Waldes- bnft ladet ein schwellendes Mooslager unter den himmel- anstrebenden Buchen zum Ruhen ein. Das üppige, in saftiger Fülle strotzende Buchenlaub tändelt mit dem nerfigen Winde und spielt im lachenden Sonnenschein in bem anmutigsten Lichterwechsel. Unter ben Pfeilern bes hohen Buchendomes zieht nicht mehr das wehmütige, feierliche Sehnen, mit bem uns sonst ber Wald im Tiefinnern erregt. Es ist ber Geist stärkender Gewalt, der hier seine Flügel rührt und der ermatteten Seele neue, freudige Spannung verleiht.
Unter den von tauschwerem Farnkraut uinwticherten Felsblöcken bringt ber feuchtaiinige, klare Quell hervor und zieht, einem Silberfade» auf düsterem Grunde ähnlich, bem Ausgange bes Naturtempels zu, wo im sattgrünen Wiesen- grimbe leuchtende Dörfchen winken und von fernher melodisches Herbengeläut freundlich grüßt.
Sieh I Aus schützender Fichtenschonung kommt ein Rubel Rehe itnb jagt spielend auf die freie, hainumwobene Wiese, wo das Morgenlicht bie Gräser goldig umrandet und die Tautröpfchen diamanten erglänzen läßt. Dort steckt ber Fingerhut seine Kerzen auf und es grüßen Dich buntfarbige


