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Uetzer Sinnestäuschungen
hlaubcrt im Prometheus Oberstabsarzt Dr. ^cHiioald und kommt dabei zu dein Schlüsse, daß häufig als Sinnestäuschung angesehen werde was tatsächlich eine reine BerMudestäuMng sei.. Em ebenso drastisches wie leicht faßliches Verspiel sei hier nneder- 0CSC9hn 6. November zog der König von Spanien in Berlin ein, voran eine Abteilung Kürassiere, daun die Wagen mit den Fürstlichkeiten und dem Gefolge und zruu sckluß wieder Kürassiere. Schon am 8. November wurde im Wintergarten dieser Einzug des Königs Alfons kinematographisch vorgeführt. Es war alles in schönster Ordnung arif den Bildern, die Kürassiere trabten voran, die Wagen rollten dahin, und hinterher sprengten wieder die Berittenen. Aber eines war über die Maßen verwunderlich. Während alles flott vorwärts ging, drehten sich die Räder an den Wagen sämtlich rückwärts, so da« man unwillkürlich das Gefühl hatte, im nächsten Moment mußten dw Räder samt ihren Achsen von den Wagenkästeil losreißen und die Wagenkasten zu Bodeil stürzen. Das Ganze zog langsam genug am Auge vorbei, nm sich zweifelsfrei davon zu überzeugen, daß die Rader sich tatsächlich nach rückwärts drehten, und daß nicht, etwa em bloßer Irrtum vorlag. Ich war von dieser Erscheinung so srappiert, dass ich mir gleich danach auf der Straße die ersten Wagen genau daraufhin ansah, wie sich ihre Räder drehten. Aber die drehten sich alle, wie cs sein mußte, Nach vorwärts, wo der Wagen hin- fuhr. Ich lvill noch erwähnen, daß die kinematographifchen Räder ihre Rückwärtsdrehung ausfallend langsam aussuhrten, viel langsamer, als das Tempo der Pferde und Reiter war.
Zunächst fehlte mir jede Erklärungsmöglimkeit für bicic paradoxe Erscheinung. Man hätte ja daran denken können, das Filmbild sei verkehrt iit den Apparat ge>chobcu worden. Aber dMin nuißte einfach der ganze Festzug ließ, nach der entgegen- ü ei (‘Uten ©fite öewegeu. konnten nicht bie 9i(ibet bet eigen «Hein die verkehrte Richtung einschlagen. Auch andere Deutiings- versnche versagten vollkommen. , , n, .
Zufällig fah ich nun einige Tage spater eine andere Ausnahme dieses Einzuges an anderer Stelle. Aus dieser Projektion boten die Räder der Wagen luieberum eine Ueberraschung, aber eine völlig andere. Sie drehten sich nämlich weder richtig noch
• falsch, sondern überhaupt gar nickt. Sie standen still und führten nur manchmal eine ganz geringe, schwankende Bewegung nach vor- oder rückwärts Mts. Das sah iioch sonderbarer und un- Legreiflicher aus', als das Rückwärtsrvllen der Rader. Eck schien, als ob eine unsichtbare Macht die Räder festhielte, und dabei doch nickt kräftig genug wäre, das' Borwärtsgehen der Wagen selbst zu hemmen. ,, , , .,,
Dieser ziveite paradoxe Borgaiig ist nun wohl ziemlich leickt einer Erklärung zugänglich und vermag dann vielleickt auch über das erste Paradoxon Licht zu verbreiten.
Mali muß bei der Erklärung vor allen Dingen zwei Momente ins Auge fassen. Erstens: eine kinematographlschd Aufnahme besteht aus einer fortlaufenden Reihe von Momentaufnahmen, die schnell auseinander folgen; wir wollen beispielsweise au- nehmen, daß in einer Sekunde zehn Momentaufnahmen gemacht ivurdcu Ziveitens ist zu berücksichtigen, daß jedes Wagenrad aus einer Anzahl von Speichen besteht, von denen eine genau ime die andere aussieht, so daß sie ohne iveiteres Nicht von einander unterschieden werden können. , r , .
In der Regel wird es sich ja n an wohl so tresfen, daß bet jeder der zehn Momentausnahmen, die auf cme «ekünde entfallen, der Speichensteru der Räder eine etwas andere Stellung ' einnimmt, alsl bei der vorhergehenden Wisnahme. Dann erscheinen auch in der Reproduktion die Räder rollend.
ES kann sich aber nun auck einmal ereignen, bab bei der ersten von den zehn Aufnahmen die oberste Speiche genau senkrecht nach oben steht, daß bann bei der zweiten Ausnahme sich das Rad inzwischen so weit gedreht hat, daß die zweite s-pciche gerade ilach oben steht, bei der brüten Ausnahme die brüte Speiche nsw. Wie werden bie Räder sich nun auf der kinemato- graphischen Wiedergabe verl-alten?^ Mi jeder der,zehn Aufnahmen ftcTyt eilte ©iieidye gendu iidd) oben, otibftc.'^>t)etcf)ieii)ielfuitgeit kommen überhaupt nicht Vor. Da eine Speiche genau wie die andere aussieht, kann das Ange nicht entscheiden, ob es immer die erste Speiche ist, bie genau nach oben steht, oder eine der folgendem In allen Einzelbildern sieht das Auge stets.eine Speiche — und, wie es ännimmt, dieselbe Speiche, da dem Auge ja keinerlei Hinweis auf einen Wechsel der Speichen geboten wird —■ genau nach oben gerichtet und schließt logischerweise daraus, daß das Rad also ruhig stehen müsse. Da bie Geschwmdigteü der Wagen nun leicht einmal eine spur wechselt. Versteht man auch, wie bie Räder zeitweise ein leichtes Schwanken nach Voroder rückwärts zeigen konnten. , .
Drehen sich die Räder nun noch etwas langsamer, als m dem eben gewählten Beispiele, so wird bei der ersten Mfnahme bie erste Speiche gerade uack oben zeigen. Bei der zweiten Unß- nahme ist die zlveite Speiche Nock nicht ganz nach oben gelangt, also noch ein bißchen gegen die erste Speiche zuruck geblieben. Bei der dritten SknfnahMe ist die dritte speiche wieder gegen die zweite zurückgeblieben usw. Mi der Reproduktion erhalt nun das Ange, das ja die einzelnen speichen nicht, von einander unter»
scheiden und numerieren kann, den Eindruck, daß die Speiche, die sich oben befindet, stets bie erste sei, bei jeher folgenden Ansuahnie aber ein Stück zurück versetzt sei, und baburch entsteht dann fcmfequentertoeife bie Vorstellung, baß mit dem allmählichen Rückwärtswanbern der ersten Speiche auch bas ganze Rad sich langsam rückwärts drehe, wie dies ja tatsächlich tm Wintergarten zu sehen war. , „ , ,. , .
Der unsinnige Fehler liegt also auch hier weder au dem Apparat, noch an dem Auge, sondern ganz^alleiu wiederum an unserem Verstände. Der Verstand sagt, die speiche, bie ick oben sehe, ist stets die erste, denn ich sehe ja nichts davon, daß eine andere an ihre Stelle tritt. Tatsächlich, ist aber be, dem ichembar ruhenden Rade die oberste Speiche in jtfmcllem Wechsel die erste, zweite, dritte usw. Da dies dem Berstand aber durch das Ange nicht sinnfällig gemacht wird, kommt er gar nicht auf bte^bce, daß bie Speiche fortwährend eine andere ist. Da eine speiche wie die andere aussieht, erklärt der Verstand einsach, es ist immer dieselbe, und wenn es immer dieselbe ist, muß das Rad natürlich ruhig stehen oder im anderen Falle sich sogar rückwärts drehen. Wären die einzelnen Speichen deutlich von einander unterscheidbar gemacht worden, indem z. B. jede zweite speiche mit weißen Rosen umwunden wurde, so hatte der Verstand nicht in diese Täuschung verfallen können. .
EI liegt also auch hier einfach eine Verstandestauschiing vor.
Für die Dilettattteutznhne.
Es kommt bald wieder die Zeit des heftigen TheaterjpieienS im Kränzchen, sagen ivir: „Thalia", seit einige Herren aus der Liedertafel beigetreteu sind, geht es tote geschmiert. _ A>e Herren sind jung, die Damen auch, wie nett ist.es da, em „Volksstück mit Gesang und Tanz" in fünf Akten aufzumhren, namem- ich. bii auch der dicke Zigarrenhändler, der bekannte Herr Lehmann von bet Ecke, fleißig mit macht, welcher immer ro koimsth ist, daß bas Publikum gleich lacht, toenn er nur die Nase zur Türe hereinsteckt, unb weil ihn ^ch. alle kennen. Nun, baA muß man sagen, das Kvänzchen „Thalia iü ein rühriger Bcr- ein, man unterhält sich ba gut, immer neue stucke, manckmta. sind sie geradezu rührend, und fast,immer schon.
Wenn wir nun den Blick aus den Verem „Melpomene lenken, entrollt sich uns ein anderes Bild. Zuerst mn Leseverem, der alle vierzehn Tage eine ältere ober neuere Dichtung mit bet- teilten Rollen las, ist er auf Betreiben bey neuen Vorstandes in einen Aufsühruiigsverein umgewandelt worden, und erplaiüd uickls Geringeres, als eine Austuhrung der „Weber von Girhart Hauptmann. Leider hat sich dieser Plan zMckuagen, denn die Schwierigkeiten waren doch zu groß, und die Buhne für die, Menge Menschen zu klein. Die Mitglieder, durch das lange Hmziehcn mißnintig geworden, grollen dem Vorstand, nnd der weiß nicht reckt mehr, was beginnen. Die „Thalia" aber triumphiert und nimmt täglich zu an Alter, Mitgliedern unb Ansehen vor der
Nun wäre es aber doch schade, toenn gerade der Verein eingehen sollte, der das Theaterspielen nicht um seiner leibst willen, mit der Kunst als Borwand, betreiben will, souoern als ein Mittel, tiefer in den Geist der R i chtu n g einzu- dringen. Es fehlt ihm nicht an Fleiß, an gutem Willen, es stylt an Einsicht in seine Kräfte. Unb dock liegt das Brauchbare jur ihn sozusagen auf der Straße, und wenn maus naher befielst, gehört cs zum besten und allerbesten unserer Literatur. ®aritnt soll der „Melpomene" zum Beispiel nicht „Minna von Baruhelm gelingen? Das Stück ist freilich lang und die Rollen lernen und mieten sich nicht so leicht, aber man braucht es ja auch nicht zu übereilen, denn nicht in der Aufführung, sondern in oer Vorbereitung liegt der Gewinn. Von Goethe konnte man .Geschwister" reckt wohl aufführcn, auch find sie kurz. Vcar Schiller ist „Wallensteins Lagers .schon von manchem Gymnasium trefflich gegeben worden, bie Kostüme sind in jedem der za.st- reichcii großstädtiscken Leih -.Institute zu haben. Kleist- ,^o'i- brochener Krug" ist sehr schwierig, aber nickst unmöglich, wenn nur einer den Torfrichter Adam gut darzustellen weiß. tragische Seitenstück ur „Minna von Barnhelin" ergäbe Hebbels „Maria Magdalena" - gewiß, das ist eene große Aufgabe, aber äußere Schwierigkeiten gibt es da kaum. Dir zweialtige
Michelangelo" Hebbels Paßt am besten m einen Kirnst- oder Knn st- lerverein aber er hat hübsche Volksszeneu nnd interessiert durch feine Gestalteii die Gebildeten aller Klassen. Von Otto Ludwig kann man das artige Reimlustspiel „Hanns tyrei (m ber geh Wen Dresdener Bearbeitung) geben — es frielt un alten Ammera — und warunl nicht auch den „Erbjorster ? Ein Wald mit Fels und Brücke findet sich dock unter den Dekorationen ichon vor, schwieriger freilich ist der Darsteller fnr dre Titelrolle zu beschaffen. An guten Lustspielen haben wir ja leider Mangel,, doch sind Freitags „Journalisten erst einmal zu versuchen, ehr man ie kopfschüttelnd beiseite legt. Sodann emPfieUt stck Banern- felhs Zweiakter „Das Tagebuch" des wundervollen Dialoge» wegen, a'ich Jordans „Durchs Ohr" ist sicher für Dilcttautenziingeu mcht zu schwer es' verlangt nämlick flüssige Rebe in Versen. Von neueren Stücken werden wir bie des blutsverwandten Srmdeus nicht a8 ungesund oder dergleickstn einfach verachten dürfen, Ibsen wird mit feinen „Stützen der Gefeilscht tch i»s allem auch mist


