— 266
„Na, es war höchste Zeit!" warf Heinz spöttisch lächelnd ein, „hab' Dich man nicht so — die Olle merkt so was ja gar nicht an ihren, Geldbeutel — sie wird sich wohl nicht zn arg angestrengt haberr."
„Schweig!" schrie Ruth empört auf, „Du bist noch viel zu jung, um in solchem Tone von einer alten Frau zu reden, die uns nur Gutes und Liebes erwiesen hat — im übrigen müßte es unser Stolz verbieten, daß wir bei gesunden Gliedern zu anderen Leuten betteln gehen, mögen die es auch tausendmal im Uebersluß haben."
Während Heinz von der Schroffheit ihres Auftretens momentan cingeschüchtcrt schwieg, brauste Suse auf:
„Ich habe gar nicht gebettelt. Tante hat mich gebeten, eine Besorgung mit ihr zu machen und im Laden hat sie dann ein Kleid für mich verlangt. Sollte ich da vielleicht vor allen Leuten erklären, ich brauche keins oder ich ließe mir keins schenken? — Nee, is nicht, um den Hals bin ich ihr gefallen und hab sie halb tot geküßt. Aber da klingelts, das ist sicher der Bote aus dem Geschäft."
Wie ein Sturmwind fegte sie aus der Tür und kam gleich darauf strahlend mit ihren Schätzen zurück. Ruth stand machtlos vor der vollendeten Tatsache — sie sagte kein Wort mehr. In diesem Punkte kämpfte sie vergebens, das wurde ihr stündlich klarer, sie mußte sich zufrieden geben, daß Suse wenigstens ihre Klckbierstunden ernst nahm und zur Zufriedenheit der verschiedenen Eltern ausführte.
Sie erhob auch keinen Einspruch, als Suse Mittwoch nach Tisch ihre neuen Sachen zum ersten Male anzog, aber als das junge Mädchen in ihrem Schuldbewußtsein etivas verlegen und hastig sich von ihr verabschiedete, blieb sie doch sehr nachdenklich und bekümmert zurück. Suse ivar im Grunde eine viel zu offene, impulsive Natur, als daß sie geschickt genug verborgen hätte, daß irgend eine Umwälzung sich in ihrem Leben vollzog oder wenigstens vorbereitete.
„Suse wird am schwersten zu hüten sein!"
Daß ihr auch gerade wieder die Worte des Vaters einfallen mußten. Entsetzliche Schreckbilder knüpften sich daran und Ruth drückte verzweifelt die Hände an die pochenden Schläfen.
„Nur das nicht, lieber Gott, nur das nicht!" betete sie in beklenunender Angst, während ihre fleißige Hand mechanisch fast den Pinsel über die Leinwand führte.
Unterdeß wanderte Suse mit federnden Schritten ihrem Ziel zu, das Herz hännnernd vor seliger Erwartung. Vorübergehende blieben stehen und sahen der schlanken, graziösen Mädchengestalt wohlgefällig nach. Das billige schwarze Kostüm mit den: kurzen losen Jäckchen kleidete sie vorzüglich und unter dem schwarzen, flachen, breitrandigen Jilzhut leuchtete ihr hellblondes Haar, ihr rosiges Gesichtchen, über die Trauer triumphierend, die sie trug.
Fritz Trautendorf wartete bereits ungeduldig an der bezeichneten Straßenecke. Er hatte ein dunkles Zivil angelegt, um weniger aufzufallen und amüsierte sich köstlich über ihr erstauntes Gesichtchen. Sie hatte ihn noch nie in Zivil gesehen und wäre beinahe an ihm vorübergelaufcn.
Entzückt begrüßte er sie mit einem Händedruck. War sie doch ganz so reizend wie in vergangenen Tagen, nachdem sie, wie er wohl sah, sorgfältig Toilette gemacht hatte.
Und wie die großen blauen Kinderaugen ihn anstrahlten! Und diese Grübchen in den Wangen bei ihrem zärtlichen, verschämten Lächeln. Nein, es gab für ihn wahrhaftig kein zweites, so süßes Geschöpf auf der Welt, er konnte nicht von ihr lassen.
Arm in Arm gingen sie, ein paar innige Begrüßungs- wortc tauschend, die Potsdamer Straße entlang.
Vor der Tür einer Konditorei machte der junge Offizier Halt.
„Komm hier herein, Liebling!" forderte er Suse auf, „wir trinken im Hinterzimmer eine Tasse Kaffee, um diese Zeit sind wir vor jeder Störung sicher. Was wir uns zu ?agen haben, verhandelt sich besser im geschlossenen Raum."
Die freudige Röte ihres Gesichts wich einer leichten
Bläffe. Unwillkürlich drückte sie sich fester an ihn, als fürchte sie ihn zu verlieren.
„Ja, ich habe Dir viel zu beichten!" gestand sie kleinlaut und folgte ihm willig die Stufen^ zur Ladentür hinauf.
Ein leises gerührtes Lächeln spielte um seine Mundwinkel unter dem flotten schwarzen Bärtchen. In ihm war ja längst kein Zweifeln mehr an ihrer Liebe, keine Furcht vor ihrer Beichte. Aber er fand sie so herzig in ihrer heimlichen Angst, in der Ueberzeugung von ihrer großen Schuld, daß er sie gern noch ein Weilchen zappeln ließ.
In der kleinen Konditors waren sie wirklich die einzigen Gäste. Das ältliche Ladenfräulein brachte rasch die bestellte Schokolade mit Schlagsahne für das Süßmäulchen Suse und den Kaffee für den „Herrn Leutnant", natürlich auch Kuchen dazu und verschwand dann von der Bildfläche. Das Liebespärchen war allein.
„Mach ein bischen den Hut ab, Schatz!" bat Trautendorf und nachdem sie errötend seinem Wunsche willfahrt hatte, zog er sie stürmisch neben sich anf das kleine Sofa.
„Du, in eurer Konditorei gibts massig baisers!"
Seine dunklen Augen blitzten sie verliebt an, aber fast ängstlich wich sie ihm aus.
„Nein, laß mich, Fritz — erst mußt Du alles wissen, vielleicht magst Du mir dann gar keinen Kuß mehr geben."
Es kam ganz kläglich aus dem rosigen Munde, so daß er sie trotz ihres Widerstrebens zärtlich umfaßte und an sich drückte.
„Ach, Du kleines, dummes Mädel! Hast Du denn wirklich ein so schlechtes Gewiffen?"
Sie nickte nachdrücklich.
„Ach, Fritz!" ein tiefer, seufzender Atemzug folgte, „ich bin ja so kokett gewesen damals in N., ganz unverzeihlich kokett, obgleich ich mir nichts böses dabei dachte — es machte mir Spaß, daß man mir die Cour schnitt, aber", sie barg ihr heißes Gesichtchen an seiner Schulter, „daß ich einen anderen lieb haben könnte, als Dich, das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen — ich Habs doch schon damals gewußt, als Du beim Zapfenstreich vor mir auf dein Fensterbrett saßest, daß ich nur Dich lieben würde — immer immer —"
Sie hatte zuletzt leise, wie träumerisch gesprochen, mit einem wunderbar innigen Klang in der Stimme, der dem lauschenden Manne bis ins Herz drang.
„Mein Süßes!" flüsterte er bewegt, das gesenkte blonde Köpfchen am Kinn emporhebend, „für das Wort mußt Du einen Kuß kriegen, da hilft kein Sträuben."
„Nicht, Fritz, hör doch erst —"
Seine Lippen, die sich auf ihren weichen Mund drückten, erstickten ihre stammelnde Abwehr. So schnell kam sie nicht wieder zu Worte. Wie hatte er sich nach jenem Ball in N. darauf gefreut, diese süßen, roten Lippen nach Herzenslust küssen zu können und wie endlos lange hatte er auf die Erfüllung dieses Wunsches warten müssen.
Ein Geräusch im Laden veranlaßte ihn endlich, sie freizugeben und sie benutzte rasch die Gelegenheit, um hervorzusprudeln :
„Du bist abscheulich, ich hab dir noch immer nicht gebeichtet und Du weißt doch, wie gern ichs los sein möchte und immer hinderst Du mich daran."
Aufsteigende Tränen netzten ihre goldigen Wimpern. Das konnte er gar nicht mit ansehen.
„Maus, quäl Dich nicht länger", beschwichtigte er, sie von neuem an sich ziehend, „ich bin ja ein Barbar, daß ich Dich so lange in Angst ließ — ich weiß doch alles."
Ungläubiges Erstaunen malte sich auf ihrem reizenden, erhitzten Gesichtchen.
„Fritz, Du wußtest —"
„Daß Hauptmann von Brockhaus sich rasend in Dich verliebt hatte, kleine, kokette Suse, daß er Dirs gesagt und Dich im Stall geküßt hat."
Ihre kalten, zitternden Hände klammerten sich um seine Rechte, während sie ihr Antlitz zu ihm emporrichtete.
(Fortsetzung folgt.)


