Ausgabe 
9.5.1906
 
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1906

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MiiLellole Mädchen.

Roman von H. E h r Hard t.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Da sagte cr endlich neckend:

Nun ist's aber genug, mein SüßeS, Du weinst mir ja den ganzen Aermcl naß. Na, schnell, guck mich mal an."

Unter Tränen lachend folgte sie seinem Wunsche. Im Laternenschein sah er deutlich das ungläubig-glückselige Leuchten der geliebten Blauaugen, das noch vom Weinen zuckende rote Mündchen.

Nasch neigte er sich zu ihr herab und drückte einen flüchtigen Kuh auf die halb geöffneten Lippen. Er genügte, sie beide in einen Wonnerausch zu versetzen.

Hast Du mich denn noch lieb, Fritz?" jauchzte Suse, die erst allmählich zum Bewußtsein ihres Glückes kam und hing sich mit beiden Armen in den seinen.

Ich hab' Dich sehr, sehr lieb, Suse!" bestätigte er ernst.

Sie verschluckte die Frage, die unwillkürlich in ihr anf- stieg, warum er sie dann damals im Stich gelassen habe, wenn cr ihr sogar heut noch gut sei.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen in diesem Punkt und schob ganz gern die Erörterung über denselben noch ein wenig hinaus.

So fragte sie zunächst nur:

Wie kommst Du denn hierher, Liebster? Bist Du etwa nur auf der Durchreise?"

Er schüttelte glücklich lachend den Kopf.

Nein, so bald wirst Du mich nicht wieder los, Lieb­ling, ich bin auf drei Jahre zur Kriegsakademie kom­mandiert."

Sie schlug in Hellem Jubel die Hände zusammen.

Ach, Fritz, wie mich das für Dich freut. Es war ja schon damals Dein Wunsch."

Die Erinnerung an die Vergangenheit warf einen leichten Schatten über beide hin, den sie vergebens bekämpften.

Ich muß jetzt nach Haus!" flüsterte Suse befangen, hier ist meine Tür."

Er hielt sie am Arme fest.

Bleib' noch! Wir haben uns ja noch so viel zu sagen, so vieles o fzuklären Suse, ich war mal sehr böse auf Dich und sehr unglücklich"

w 9tr.f$ werd' Dir schreiben!" stotterte das verwirrte Mäd-

' 'fsiher Angst befallen,sag mir Deine Adresse ich kann fetzt nicht länger bleiben, Ruth ist so streng, sie rechnet mir aenau die Feit nach, in der ich au Hause sein

muß. Und da ich ihr doch nicht sagen darf" setzte sie in halber Frage hinzu.

Ec runzelte flüchtig die Brauen.

Nein, sage noch nichts, Sus', erst müssen wir beiden uns völlig ausgesprochen haben. Wann imb wo treff' ich Dich wieder, Lieb?"

Eine tiefe Betrübnis huschte über ihre beweglichen Züge.

Das wird schwer halten, ich weiß wirklich nicht"

Wo kamst Tu denn heut her, Süßes?"

Ich gebe Klavierstunden" sagte sie leise,es geht uns sehr schlecht, Fritz, seit auch Mama tot ist."

Er biß sich auf die Lippen. Seine Nasenflügel zuckten in verhaltenem Schmerz.

Mein armes Kleines!"

Er war neben ihr in den matterhellten Hausflur ge- treten iuid legte nun zärtlich den Arm um ihre jungen Schulterii.

Komm, laß Dir den traurigen Zug um den Mund fortküssen mir ist's auch nicht gut ergangen, ich erzähl' Dir davon das nächste Mal"

Er küßte immer wieder den rosigen Mund, der sich ihn« willig darbot und als sic sich endlich trennten, hatte er ihr das Versprechen abgeschmcichclt, daß sie nächsten Mittivoch ihre Klavierstunde um 2 Uhr absagcn und ihn an der Ecke der Potsdamerstraße treffen ivoltc,

*

Suse Meridies verlebte die folgenden Tage wie im Rausch. Der schäumende Becher ihres Glücks lief beständig über, was sich in plötzlichen ZärtlichkcitsauSbrüchen gegen die ältere Schwester und in tollen Neckereien der beiden Brüder offenbarte.

Sie sprach wieder sehr viel von dem Glück, das ]ie sich doch noch erzwingen werde und trug eine Zuversicht und einen Uebermut zur Schau, der Ruth förmlich beängstigte. Am Montag erklärte sie, früh direkt von der Klavierstunde aus Tante Hertzberg einen Besuch abstatten zu wollen, schlüpfte zu diesem Zweck in ihren ältesten Rock und die abgetragene Winterjacke, stülpte die stark mitgenommene Pelzmütze aus das Blondhaar und machte sich in diesem schäbigen Aufzuge triumphierend hinter Ruths Rücken davon.

Als sie nach drei Stunden (die Geschwister saßen schon beim Mittagbrot) zurückkehrte, führte sie vor allen Dingen einen wahren Indianer-Freudentanz auf, dem endlich die Mitteilung folgte, daß Tante Hcrtzbcrg ihr als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk heut ein vollständiges Kostüm, Rock, Bluse und Jacke gespendet und daß sie selbst sich aus eigenen Mitteln einen neuen Hut gekauft habe.