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Sein warmer Blick glitt liebkosend über ihre Gestalt.
»Das ist ja gerade das Süßei" sagte er leise und sehr zärtlich, sich an ihrer Verlegenheit weidend.
Dann nahm er ihr den Fächer aus der Hand und legte nun seinerseits die Wange an die Stelle, die Suses Gesicht berührt hatte. Erschrocken sah diese sich um, ob jemand seine Kühnheit bemerkt und richtig gedeutet habe und ein Gefühl heißer Scham überflutete sie, denn an der Tür zum Rauchzimmer lehnte unbeweglich Hauptmann von Brockhaus, ein spöttisches Lächeln in den stahlfarbenen, auf sie gerichteten Augen. Als er ihr Hinübersehen bemerkte, wandte er sich brüsk, fast verächtlich ab und verließ den Saal.
Suse biß geärgert die kleinen Zähne in die Unterlippe. Was hatte denn der Hauptmann, für den sie im Hause kaum zu existieren schien, für ein Recht, sie zu bevormunden?
Was ging es ihn an, wem sie und wer ihr gefiel? Sein Geschmack war sie augenscheinlich glicht, das krankte die kleine Eitelkeit.
Als Trautendorf nun noch zuni Ueberfluß ihren Fächer so energisch auf- und zuklappte, daß er in allen Stäben krachte, fuhr sie mit funkelnden Augen auf ihn los:
„Sie haben wohl die Zerstörungswut, Sie werden mir den Fächer zerbrechen, nicht genug, daß mein gestrenger Pflegevater cs schon shocking fand, weil Sie mir ihn wegnahmen."
„Ach, der olle Brummbär! Lassen Sie den doch laufen. Und den Fächer — wenn ich ihn zerbreche, schenke ich Ihnen einen neuen."
Und er begann sich übermütig lachend zu fächeln. Suse stampfte mit den Füßchen im weißen Lederschuh trotzig den Parketbodcn.
„Ich mag aber nichts von Ihnen geschenkt haben."
Und mit einer geschickten Bewegung hatte sie ihm ihr Eigentum entwunden, schnitt den: Üeberraschten eine allerliebste Fratze, wobei sie ein ganz klein wenig die rosige Zungenspitze zeigte, und lief davon.
sah sie erst wieder, als sie im Arm eines Kameraden durch den Saal flog. Sie tanzte mit viel Anmut, das Köpfchen leicht zur Seite geneigt, in dem glühenden Gesichtchen Freude und Genuß am Tanz, und ihr duftiges weißes Kleid, das sie wie eine lichte Wolke umwehte, vervollständigte den l Eindruck, als schwebte sie über dem Fußboden.
„Haben Sie schon mit der kleinen Meridies getanzt?" hörte er ein paar Minuten darauf einen Dragoneroffizier aus einer Nachbargarnison zu einem anderen sagen, „die tanzt wie eine Elfe, überhaupt ein entzückendes Geschöpf. Ein paar Lichter im Kopf, Donnerwetter!"
Da ging Fritz Trautendorf, von einer jähen Eifersucht gepackt, sich durch das Gewühl der Tanzenden schiebend, zu Suse hinüber und bat um eine Extratour. Als er den Arm um sie legte, fragte er leise, fast demütig:
„Noch böse?"
Sie schmiegte sich kaum merklich an ihn.
„Nein!" gab sie lächelnd zurück. „Im übrigen wäre I oaS),?8öfefein eigentlich an Ihnen, ich war recht ungezogen |
Er neigte sich im Tanzen tief über ihr blondes Köpfchen. I ^Wer könnte Ihnen denn böse sein?"
Fester zog er sie an sich und sie tanzte mit halbgeschlossenen Augen, nichts denkend, nichts fühlend, als die Wonne, das klopfende Herz des geliebten Mannes an dem ihren zu spüren.
Sie saß kaum wieder an ihrem Platze, als plötzlich die hohe Gestalt Hauptmann v. Brockhaus vor ihr auftauchte. Seiner Bitte um eine Extratour willfahrte sie mit so er- stauntem Aufblick, daß eins seiner seltenen Lächeln sein ernstes Gesicht verschönte und er im leichten Plaudertone sagte:
„Sie zweifeln wohl daran, daß ich tanzen kann?"
»O, durchaus nicht, Herr Hauptmann!" versicherte sie Übereifrig, wie stets seinen eigentümlich forschenden Augen gegenüber völlig ihre reizende Unbefangenheit verlierend; selbst
! beim Tanze mit ihm fühlte sie sich unsicher und geniert, er mar ihr ganz fremd geblieben.
Meta v. Brockhaus nahm erstaunt die langstielige Lorgnette vor die kurzsichtigen Augen, als ihr Mann mit Suse an ihr vorübertanzte.
Sie wußte besser als diese, daß er seit Jahr und Tag nur noch zu den dringendsten Pflichttouren zu haben war, und m ihrem Herzen wallte neben leisem Mißtrauen zum ersten Male quälender Neid empor, Neid auf dieses Geschöpf im Wm ihres Mannes, das ihr alles voraus hatte, Jugend und Schönheit, Temperament und Anmut.
Fast unfreundlich kühl wehrte sie bald darauf Suses be- geisterte Reden über den „himmlischen ersten Ball" ab, konnte auch eine tadelnde Bemerkung über ihr allzu lebhaftes Benehmen nicht zurückhalten, aber das junge Mädchen drehte sich sorglos lachend auf dem Absatz herum und entfloh aus der Nähe des „Gletschers". Ein neuer Tänzer wartete ihrer schon und raste im flotten Galopp mit ihr über das Parkett, die Musik lachte und jubelte, die heiße Luft des Ballsaals umwehte ihre glühende Stirn, schwül und sinnverwirrend dufteten die sterbenden Blumen, welche ihre Besitzerinnen erst freudig begrüßt und nun achtlos in eine Ecke geworfen hatten, in erhöhter Lebensfähigkeit strahlten die Augen der Tanzenden, verheißungsvoller lächelten rote Frauenlippen und die Arme der Herren legten sich fester um schmiegsame Mädchentaillen.
Die Göttin Genuß schwang ihr leuchtendes Szepter über alle diese Menschen. Weit, weit hinter Suse Meridies lag die Misere, in die sie gehörte.
Sie war in einem Rausch von Glück. Bei Tisch neben Fritz Trautendorf glich ihre Stimme einem Becher überschäumenden Weines.
Sie kokettierte unbewußt eigentlich mit allen Herren und bis zum verheirateten Kommandeur hinauf schwärmten sie an diesem Abend alle für die kleine Meridies.
Und da auch die Frau Oberst ihr „Dornröschen" entzückend fand und wiederholt an ihre Seite rief, wagte keine der Damen ihrem emporquellenden Neid durch abfällige Urteile Ausdruck zu geben. Was bedeutete auch schließlich der Erfolg dieses Abends für ein Mädchen, das keinen Pfennig Mitgift zu gleicher Zeit ins Treffen zu führen hatte? In ein paar Wochen, wenn sie erst wieder fort war, krähte kein Hahn mehr nach ihr. Und dadurch getröstet, gefielen sie sich in einer großmütigen Regung und gönnten der hübschen Suse ihre Triumphe.
„Ich weiß gar nicht, warum meine Schwester mir einen Ball so vergraulen wollte!" sagte diese zum Abschied strahlenden Auges zu Fritz Trautendorf, „ich habe mich einfach himmlisch amüsiert, von Neid und Gehässigkeit habe ich nichts gemerkt, alle waren ließ und nett zu mir, Damen und Herren, getanzt hab' ich, bis ich kaum mehr Luft schnappen konnte, und so viel Blumen bekommen, sehen Sie nur —"
Sie wies fast zärtlich auf ihren linken Arm, mit dem sie eine Fülle kleiner, bunter Sträußchen an sich gepreßt hielt.
„Die hebe ich mir alle auf zur Erinnerung."
Der junge Offizier lächelte, hingerissen von der Kindlichkeit und Genußfähigkeit dieses jungen Geschöpfes, das noch nicht daran dachte, einen Ball als eine Heiratschanee zu betrachten und nach diesen Erfolgen zu kritisieren.
„Warum heben Sie all die welken Drahtgestelle auf, mein gnädiges Fräulein? Wissen Sie, daß es mich eigentlich sehr betrübt, daß dieses Zeug so viel Wert für Sie hat."
Und als sie erstaunt die dunkelblauen Augen zu ihm erhob, flüsterte er heiß:
„Was gäbe ich darum, wenn Sie nur ein einziges Veilchenstränßchen in Ihren Erinnerungskasten einschließen würden —."
(Fortschmkg folgt.)


