211 —
Schlafe, manchmal mit durchdringendem Schreien verbunden. Oft genug muß dann die Mutter die Nachtlampe, die sie vernünftigerweise sogar von den Bettchen der ganz kleinen, gesunden Kinder verbannte, wieder hervorholen, was wiederum nicht zum ruhigen Schlaf beiträgt, der nur in völliger, augenberuhigender Dunkelheit ganz erquickend und tief sein kann! Und des Abends, welche Szenen gibt es, bis die Mutter ihre Schar ins Lett gelockt hat Sie soll da bleiben, dabei sitzen, bis auch der letzte Angsthase em geschlafen ist, die Tiire zum Wohnzimmer offen stehen lassen. Ansgehen kann sie kaum mehr, WiU Jic nicht nachträglich von Ausbrüchen der Furchtsamkeit hören, die manchmal das ganze Haus in Aufruhr gebracht haben!
Und doch ist die Furchtsanikeit der Kinder fern angeborener, sondern ein ancrzogener Fehler. Die Mutter, die später damit geplagt ist, hat vielleicht ihre Kinder früher viel zu viel den Dienstboten überlassen, sich nicht darum gekümmert, auf Welche Art das Mädchen die Kinder unterhielt, mit welchen Schauer- geschichten es sie für den Augenblick still und artig machte.
Denn leider sind unsere Dienstboten fast immer die Krankheitsträger des Furchtsamkeitsbazillus. Ihre höchste Wonne sind ja uieistcns jene grausigen Mord- und Hintertrcppengejchichten, von dein Johannes Wickler, genannt der Schinderhannes, an, ms zur geheimnisvollen Gräfin — sie erzählen Nichts lieocr, als Gespenstergeschichten mit möglichst dcamatsicher Ausmalung eisiger Doteuhände, feurigen Atems und klappernden Gebems. Ihtö sie finden immer williges Ohr bei dem kleinen Publikum; denn alle Kinder sind, wie der niedere Mensch nberhanpt, fensations-
Bon Natur kennt das Kind keine Furcht. Es schläft ruhig im dunkeln, einsamen Ziiiimer, es sieht nichts in der Nrmster- nis, so lange cs jene schlimmen Phantasiegebilde nicht, m sem kleines Gehirn anfgenoimncn hat. Ei>i Lichtstreit durchs Mylnsiel- toch ist ihm kein Gespenst, weil cs eben fern, solches kennt. Auch die dingst vor Mäusen und die Furcht vor Gewittern ,ehen die Kinder'den Erwachsenen ab. . .
Die Furchtsanikeit i|t bedeutend leichter emzuimpfen, atu1 zii vertreiben. Mit Gewalttätigkeit. ist da, selten etwas auszurrchtcn, im Gegenteil, man kann die Kinder sogar krank mamen, wenn man sie zwingen will, trotz ihrer Angst die>c oder jene Kraftprobe zii machen. Krämpfe und Ohnmächten können die augenblickliche Folge solcher Unvernunft sein. ,
Biel besser ist es, in Güte auf oas Kind zu Wirten, es UÄ beruhigen zii lassen, ohne sehr viel Wesens aus jemer ^AnM zu machen, und ihm nachher den Gegenstand feiner H-nrcht ganz in der Nähe zu zeigen. Hat es erst einmal dessen Harmlosig- keit selbst erkaniit, schämt cs sich seiner Leichtgläubigkeit und Einfalt, so ist cs manchmal von seiner Furcht kuriert.
Aber freilich, noch lange nicht immer. Am andern Abend geht vielleicht wieder dieselbe Geschichte los — oder, wenn sich unser Junge, unser Mädel auch nicht mehr gerade vor diesem fürchtet, so bamt desto mehr vor jenem, ^ic Furchtsamkeit bleibt ihm vielleicht noch als erwachsenem Menschen anhajten. Nicht mehr in der Form von Gespensterfurcht — aber etwa in der schrecklichen Einbildung, ermordet oder beraubt zu werden, rn dem Unvermögen, auf einen Kirchhof zu gehen, tut nervösen Weinen bei Gewittern. rr * r „ , <
Besser ist cs schon, seinen Kindern die schreckliche Qual des Fürchtens ganz zu ersparen. Das ist wohl nicht ganz lercyt. Es setzt sehr treue, zuverlässige Dienstmädchen voraus — viel gewissenhaftere Mädchen, als man sie heutzutage hat — die sich em Gewissen daraus machen würden, gegen das Verbot Schauergeschichten zu erzählen. , -
Und unsere schönen deutschen Acarchen, die Quelle jo tiuUt Poesie? Spielen sie nicht auch oftmals tn diisteren Zauber- wäldern, in denen jeder Ton erschreckt, jeder Ast be>ondere Gestalt gewinnt? Soll man sie den Kudern vorenthalteni
Nun, man darf sie wenigstens nicht ohne Sluswahl erzählen. Eine ganze Reihe von unseren Märchen eignet sich iiber- haupt noch nicht für Kinder in dem surchtsamen Alter, foz. B. das Märchen von Jorinde und Joringel, von den neben Raben und der treuen Schwester, von der Königstochter und ihrem Rößlcin Fallada. Diese und viele andere haben ihren für Erwachsene, durch die interessanten Einblicke tn iiralte ^olk»- sitten und Gebräuche, die sich in ihnen treuer als in den meisten anderen Ueberlieferungen widerspiegeln. Was die Mutter aber ihren Kindern von Märchen erzählt, sei so, daß kemes Has Gruseln lernen kann. Sie ivird es selbst ivohl am besten suhlen, wo zu mildern, wo aufzuhören ist, ivelche Kinder Märchen ertragen und welchen es Gift bedeutet! . ,
Ein sicheres Mittel, aus harmlosen Kudern seme imd fnrckt- same zu machen, ist auch die UeberangstltWeit, die Wchleidig- keit mancher Mütter, die ans einem kleinen Fall, einem schmerz alcich eine Haupt- und Staatsaktion machen mochten und bet einem wehen Finger am liebsten nach dem Doktor rufen. Kinder gewöhnen sich das Laminern und schreien über solche Kleinigkeiten von selbst gar nicht an, wenn ihre Umgebung mchtS daraus macht, vielmehr solche Dinge mit Lachen behandelt:
Die feigen, die ängstlichen, die surchtsamen Kinder werden viel seltener geboren als erzogen. Wenn die Ncutter sich darüber nur ganz klar wären, so gäben es später nicht so viele Er-, wachsene, die fick noch mit der Furchtsanikeit plagen, müssen!
KW ungedruckter Mief Scheff ks.
our 20 Wiederkehr seines Todestages am 9. April.
Heute jährt sich zum 20. Male der Todestag Scheffels Der unvergeßliche Dichter des „Trompeters von salungeu und des Ekkehard", dessen Lieder und sonniger Humor. auch heute so lebendig find wie ehemals, hatte ein Leben, reich an sthwereu Schicksalen, zu bestehen gehabt Zu alle» halsen besonders tn keinen letzten Lebensjahren Verkennung und Mißgunst mit,, daß bem Dichter sein Lebensabend nickt so heiter bmging. 'Die er selber es sich friedvoll wünschte. Kem Wunoer, reeim fern Unwille denn zn Zeitcit aufbrauste und gerechteÄvetse ans die uiederfiel die ihm die ersehnte Ruhe trüben ivmlten. ^n oia- dolfzell und auch Mettnau, wo Scheffel in den letzten zehn Jahren seines Lebens meistens wohnte, zog manch erner, mit seinem Verlangen, den Dichter sehen oder ihn gar zu emem Ausflug auf den Hohentwiel bewegen zu wollen, unverrichteter ri' ab Natürlich glaubten cs die Mgermesenen denn nicht t-i .. . wett« andere, die Scheffel besser und tiefer kannten , mtmer Wiener seine unantastbare Güte und hersitchc me^nrnvurcigwit und Wärme priesen. So er^tcU einmal 3™u
cJuma Mackenrodt-Heim m W a l d s h n t, Meine, deren Beziehungen zu Scheffel jüngst eine größere PEikatimi hervor- liefen, einer. Brief, in bent sich der anonyme schretoer beklagte, daß er in Karlsruhe bei Scheffel nickt das Entgegenkommen gefunden Hatte, das er erhofft hatte., Wie gewohiilich bei derartigen Schreiben, litt auch dieser Brief an emer übertriebenen Feinfühligkeit, foweit sie die eigene Person betraf, sparte aber andererseits nicht mit ziemlich rückhaltsloscn Bemerkungen über die Persönlichkeit des Dickters. Emma Mackenrodt fanbte darum den originellen Brief ihrem Vetter nach Karlsruhe, und der liest dem Anonymus durch 'seine Base eine Antwort erteilen, die sich jener sicherlich nicht hinter den spiegel gesteckt hat. Herz- ersrischend deutlich und deutsch schrieb scheffel:
Liebe Cousine!
Die Waschweiber, Welche die Schandtaten schon vorwtssen, die ich in den nächsten Jahren zu begehen gedenke, sind leider sehr unvollkonimen unterrichtet.
Der Sachverhalt ist vielmehr folgender:
Nachdem ick, wie Jedermann weist, meinen Baler mit Arsenik vcrgistet und meinem Bruder die Augen anshestocheit, gehe ich gegenwärtig mit dem Gedanken um, meinen Sohn anfzufresscn. Da ich bereits ein kupfernes Gefäß getauft, ist die Tatsache ganz sicher, M es zum Abkochen bestimmt ist. Nur der Zweifel, ob ich "ihn gebraten oder blatt gesotten besser verzehre, hat bis jetzt die Ausführung dieses Verbrechens verhindert. , . . . „ r.
Da alsdann meine hiesige Stellung „fatal werben durste, richte ick schon jetzt die Mettnan ein, aber nicht sür eine Dame, sondern sür ein ganzes Harem. Da ich bereits bet Pirazzi in Kasanlik ein Fläschchen Rosenöl bestellt habe, kann diese Schandtat meiner Zukunft nicht mehr bezweifelt werden. Leider haben sich meine Anschautingeu über die Europäerinnen 1 so verschlechtert, daß ich ihnen die Negerinnen weit vorziehe; bin daher mit einem Sklavinnenhändler in Kairo in lebhafter Verbindung und vier Schwarze sind bereits' für mich erworben • und unterwegs. Natürlich brauche ich zur Bewachung, der Mettnau auch einige Eunuchen und habe deshalb au einige ' erprobte Ehrenmänner bereits die Anfrage gestellt, ob sie das wegen der Mettnau Erforderliche gegen gutes Honorar besorgen wollen. _ „ . ...
In diesem Stadium befindet sich gegenwärtig diese Angelegenheit und ich Vertraue Deiner Gewissenhaftigkeit, daß Du sie bei den Waldshntcr und anderen Waschweibern demgemäß berichtigen wirft
In alter Ergebenheit Dein
in Schandtaten ergrauter Vetter Karlsruhe, 7. Januar 1878. Jos. Victor v. Scheffel.
Die Furchtsamkeit der Kinder
ist eine Erscheinung, die sich im Winter viel stärker bemerkbar macht, wie sonst. Ganz natürlicher Weise: die langeii Abende, baS ungewisse Schneelicht, daS in dämmerige Räume fällt, halb erleuchtete Gänge mit ganz dunkeln Winkeln, alles spielt in der erwachenden Phantasie des Kindes seine Rolle. Das .ist die richtige Umgebung, um die Gespenster-, Hexen- und Fabelwesen darin spielen zu lassen — die richtige Zeit, um in Kücken und Kinderstuben Geschickten zu erzählen, bei deren Häufung auch den mutigsteii Knaben zuletzt das Gruseln überläuft.
Datin ist schoii in der Regel das Unglück da. Nickt nur ängstliche, zarte, kleine Mädcken gehen nicht mehr allein in ein halbdunkles Zimmer, in den leeren Flur hinaus, sondern selbst die Jungens, die am Tage ganz großsprecherisch und dreist von ihrer Courage prahlen, werden ganz klein und wissen hundert Ausreden, wenn sie für die Mutter etwas am anderen Ende der Wohnung holen sollen. Um keinen Preis würden sie allein in den Keller oder auf den Boden gehen.
Der höhere, fast schon krankhafte Grad von Furchtsamkeit zeigt sich bei Kindern durch nächtliches Ausschirecken aus dem


