Ausgabe 
9.4.1906
 
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Mittelksse Mädchen.

Aoman von H. E h r h a rb t- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

10.

Viel zu langsam für Suse Meridies herzklopfende Er­wartung war der Tag zur Rüste gegangen, an dem das Regiment im Kasino seinen Ball gab. So hell und so lange wie nie hatte die Sonne an diesem Februartage geschienen, und die Zeiger der Uhr waren bestimmt heute langsamer vorwärts gerückt als sonst, da Suse sich weniger um sie kümmerte. Ihre quecksilberne Unruhe hatte förmlich an­steckend auf ihre Umgebung gewirkt. Frau Meta war bei der Toilette gegen ihre sonstige Gewohnheit mit dem und jenem unzufrieden gewesen, und hatte im letzten Moment ein anderes Kleid befohlen, an dem noch eine Spitze anzuheften war, und die kleine Zofe war glühend vor Eifer mit zittern­den Fingern bemüht gewesen, den Wünschen zweier Balldamen gerecht zu werden. Nun wartete der Hausherr im Wohn­zimmer auf seine Damen. Auch er ging ruhelos auf und ab, im Vorbeischreiten zuweilen einen Blick in den hohen Spiegel werfend, bis er endlich vor demselben stehen blieb, den Wasfenrock, auf dem eine Anzahl Orden befestigt war, in der schlanken Taille glatt strich und die dunklen Haare sorgfältig über den schon ein wenig kahlen Hinterkopf bürstete. Eigentümlich forschend betrachtete er sich dabei. Er sah gut aus. Mit seiner brillant gewachsenenen Gestalt und dem stolzen, gebräunten Gesicht brauchte er den jüngsten Leutnant nicht zu fürchten, luenn es ihn gelüstete, mit einem solchen in die Schranken zu treten. Und warum nicht?

Wars die Antwort darauf, die in dem Moment in Ge­stalt seiner Frau ins Zimmer trat?

Ein empörtes Aufzucken ging über das harte Mäuner- gesicht. Meta von Vroekhaus zog die Schleppe ihres erdbeer­farbenen, reich mit echten Spitzen garnierten Kleides ohne jede Grazie hinter sich her. Ihre Schultern hoben sich trotz des verhüllenden Spitzenstoffes eckig zu beiden Seiten des mageren Halses empor und die farblose Haut ihres Körpers bekam durch die leiehte Puderschicht noch etwas Starreres, Maskenhaftes.

Suse noch nicht da?"

Ihr matter Blick wanderte mißbilligend durch das große Gemach.

Wie Du siehst, nein! 216er da kommt sie."

Durch die Tür schwebte es wie eine weiße Wolke, duf­tiger, von Tauperlen überrieselter Tüll siel an Suses zierlicher Gestalt nieder, flatterte in vielen schmalen Volants um rwei

winzige, weißbeschuhte Füßchen, wehte wie Schmetterlings­flügel von den Schultern, welche rund und rosig aus dem glitzernden, weißen Gekräusel auftauchten. Außer einem dünnen Goldkettchen mit einer alten Goldmünze als An­hänger, das sie sich um den vollen weißen Hals geschlungen, trug sie keinen Schmuck, aber gerade in dieser Einfachheit kam der jugendliche Reiz ihrer Erscheinung voll zur Geltung. Und eine naive Freude an ihrer eigenen Schönheit sprach aus ihrem beweglichen Gesichtchen.

Frau Meta lobte, ihre Befürchtungen einer kleinstädtischen Toilette vernichtet sehend, aufrichtig den Geschmack Ruths, die mit Hilfe einer Hausschneiderin das duftige Kleidchen an­gefertigt hatte, ober der Hauptmann blieb unliebenswürdig stumm, so daß Suses rote Lippen sich trotzig schürzten. Der Mensch hatte doeh sicher keinen Tropfen warmen Blutes in seinen Adern.

Da waren seine jungen Leutnants andere Menschen. Im festlich mit Tannengrün geschmückten Tanzsaal des erst vor wenigen Jahren erbauten Kasinos wurde ihre reizende Erscheinung jubelnd begrüßt. Die Herren umringten sie, rissen ihr die kleine Tanzkarte fast aus den Händen und wer zu spät kam, ließ sich traurig auf eine Extratour vertrösten. Suse hatte Blühe, die beiden Tänze für Trautendorf zu be­halten, der endlich atemlos, vom Kommandeusendienst frei, auf sie zustürzte und ihr in zärtlichem Entzücken die Hand drückte, sie ein wenig länger in der seinen haltend, als just nötig war. Dabei bemerkte er deutlich, daß ihre Finger zitterten.

Haben Sie Ballsieber, mein gnädiges Fräulein?" fragte er neckend.

Ich glaube, ja!" gestand sie lachend, während ihre Blicke in unverhohlener Seligkeit an seinem schmalen braunen Gesicht hingen,es muß wohl auch so sein. Aber ich dachte mirs noch viel schlimmer. Meine Schwester behauptete immer, sie käme sich vor, als würde sie auf einem Markte zur Schau ausgestellt, sie begriff natürlich auch nicht, daß ich meinen ersten Ball kaum noch erwarten konnte. Ich glaube, er wird himmlisch werden und Ruths Unkenrufe werden sich nicht erfüllen."

Ein amüsiertes Lächeln teilte seine Lippen.

Ihr Fräulein Schwester scheint also ganz anders ge­artet zu sein, als Sie."

Suse faltete ihren 'weißen Federfächer, ein Geschenk Frau Metas, auseinander und ließ ihre heiße Wange über den weichen, kühlen Flaum gleiten.

Ja, sie ist ganz anders, sie ist sehr ernst und sehr vernünftig, ich bin ein ganz törichtes, dummes Mäd«i neben ihr."