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Attttosphäre zivischen Schloß und Prinzessinueupalais' elektrisch geladen war.
Mit großer Aufmerksamkeit sondierte Prinz Arenstein die linke Orchesterloge. Plötzlich zuckte ferne Hand. Ein schmales Gesicht mit lang fließenden Favoris wurde über dem Turban der Prinzessin sichtbar. Frehliughaus war im Dienst feiner Gnädigen. Da hatte die arme Freda wieder daheim bleiben müssen . . . Heros knirschte leise mit den Zähnen. Winter und Sommer waren dahingegangen: er hatte nicht mehr die Freh-linghanSsche Schwelle überschritten. Und 'nur einmal in dieser ganzen langen Zeit hatte der tückische Zufall cs ihm vergönnt, sie zu sehen. Das war in Ostende geivcsen. Sie promenierte am Arm ihres Gatten auf der Tignc, und Heros hatte nur grüßen dürfen. Ihm war ausgefallen, wie müde sie aussah, und wie die Resignation ihre Mundwinkel gesenkt hatte... Er hatte gehofft, sic würde heute im Theater sein. Sie hatte das Entstehen des Hauses mit regem Interesse verfolgt, und sie liebte die Bühne leidenschaftlich. Aber cs Ivar klar: Frehlinghaus hatte ihr den Theaterbesuch verboten — vielleicht, nm sie nicht mit seiner schrecklichen Prinzessin zu- sainmenzubringen, die sie nicht leiden konnte, vielleicht auch, um ein Wiedersehen mit ihm, mit Heros, zu vermeiden . . .
Arenstein wandte sein'Glas von der Orchesterloge ab: er konnte das gelbe Gesicht mit den granblonden Backenbärten nicht mehr sehen. Sein Blick fiel auf .Herrn von Priestap; er stand im Hintergrund einer Loge des ersten Ranges und sprach mit zwei Herren, von denen der eine ein schlanker brünetter Mensch mit tiefliegenden heißen Augen, der andere ein hagerer Blonder mit zerzaustem Knebelbart und wüsten Zügen war. Er kannte die beiden nicht — und auch Priestap war unangenehm beriihrt, leit längerer Zeit wieder einmal mit dem Grafen Lust und dessen Genossen bei den mystischen Orgien ihres verbrecherischen Kults, dem polnischen Schriftsteller mit dem unaussprechlichen Namen, zusammenzutreffen . . .
Im Parkett klappten noch die Sitze. Bekannte begrüßten sich, nickten sich zu und reichten sich die Hand. Tie ersten Reihen gehörten den Vertretern der Kritik; aber es waren nicht nur die Musikreferenten zugegen: alles, was Rezensionen schrieb, schien sich eingesunden zu haben, selbst der Zeilen-Knappe fehlte nicht, obschon er zu der bescheideneren Sippe der Reporter zählte; doch er war heute kaum wieder- zuerkennen: er hatte seinen erbsengelben Paletot mit dem fehlenden untersten Knopf in der Garderobe abgeben müssen. In der fünften Parkettreihe saß mit hochklopfendem Herzen eine junge Dame, die niemand kannte, und die auch wohl keinen Bekannten im Hause hatte. Doch! Mit rascher Hand- bewegung winkte sie nach der Mitte der Ranghöhe hinauf, lind von dort aus winkte eine gewichtige Dame mit braunem Antlitz und einen: Schnurrbartanflug aus der Oberlippe mit allen zehn Fingern den Gruß zurück. Agnes und Genoveva hatten sich gefunden, und auf unsichtbarer Bahn flogen ihre Herzen einander zu, ihre klopfenden Herzen, die so voll von Liebe und guten Wünschen waren. Von nun ab saß Agnes ganz still auf ihrem Platz und rührte sich nicht mehr. Aber wie glänzten ihre Augen! . . .
Josef Berndal machte ein zufriedenes Gesicht. An diesem Hause hatte er viel verdient. Er war auch sonst noch zufrieden; er hatte neben dem Proszenium die Schauspielerloge entdeckt: das machte ihm viel Spaß. Da sah man die hervorragendsten Mitglieder der Komödie — den dicken Gieseckc und die Tora Held, die Anstandsdamen Vieweg und Lobedanz und ein Fräulein Eberhard, ein hübsches Mädchen, das übermorgen in Wolfgang Schwerdts „Fata Morgana" debütieren sollte, dahinter eine Reihe Herrentöpfe und, ganz in eine Ecke gedrückt, ein verhutzeltes Frauenzimmerchen: die alte Liesegang. An die Schauspielerloge schloß der dritte Rang sich an, hoch überragt vom- Olymp, auf dem eine freiwillige Claque sich seßhaft gemacht hatte: die Bauarbeiter des Prinz Ferdinand-Theater.
. .Nur die Hosloge stand noch leer. Tas erste Klingelzeichen war bereits gegeben worden. Das wogende Schwirren der Unterhaltung verstummte; es rauschte, knisterte und klappte: man begann Platz zu nehmen. Da lösten sich aus dem Hintergründe der Hofloge ein paar Gestalten; ein Kammerherr in großer Tenne rückte an den Stühlen, ein paar Generalsepauletten, silberne Fangschnüre und blanke Knöpfe blitzten auf; dann erschien der Kronprinz, und zu
gleich traten die Prinzen Eduard und Karl mit ihren Adjutanten in die Loge. Dann wieder eine Bewegung: der greise Prinz Ferdinand stand dicht an der Brüstung, der hohe Protektor des Hauses, dem er den Namen gegeben hatte. Ein paar Zuschauer im ersten Rang erhoben sich — alle anderen folgten. Prinz Ferdinand verbeugte sich; ein gütiges Lächeln flog oer sein mildes altes Antlitz; er nahm Platz und griff nach den: auf der Logenbrüstung liegenden Programm ♦ . .
Ein Klingelzeichen und ein heller Klopflaut: die Ouvertüre begann.
Dem Publikum gefiel sie. Zwei Kritiker schüttelten die Köpfe. .Knappe gab das Zeichen zum Applaus; aber während des aufrauschenden Beifalls spielte die Musik weiter und ging zur Handlung über; die Gardine teilte sich und rollte empor, der Tenor Bertuch setzte mit dem Eröffnungslied ein . . .
Der erste Akt war musikalisch ziemlich dürftig; nur eine Arie der Bogner-Wettin schlug lebhafter an, so daß auch bei offener Szene Beifall gespendet ivurde. Aber kaum hatte sich die Gardine geschlossen, so brach ein gewaltiger Sturm los. Das Haus erdröhnte unter dem Applaus; hundert Stimmen riefen nach dem Komponisten, der Vorhang mußte wieder empor. Während Nafaöli, an der einen Hand Bertuch, an der anderen dir Bogner-Wettin, vor die Rampe trat und das Klatschen sich erneuerte, hörte man von der Galerie herab den Namen Hammer rufen. Sofort wurde der Ruf ausgenommen; die Zuhörer erhoben sich; „Hammer! Hammer!" schrieen die Massen, nur eine dicke Dame mit Schnurrbartanflug im dritten Gang und vor Erregung braunrotem Gesicht schrie unaufhörlich „Urbano! Urbano!" — Rafael: sprang hinter das Proszenium und zog Hammer hervor. Vielstimmiges „Hurra" und „Bravo" empfing ihn, dann folgte abermals wütendes Händeklatschen. Hammer verschwand und ivurde von neuem herausgejubelt; diesmal kau: er allein. Das wiederholte sich ein halbes Dutzend mal, und immer stürmischer wurde der Jubel. Es war nur eine einzige Person im Parkett, die sitzen blieb und sich nicht regte und rührte, eine junge Dame mit blassem und doch so glücklichem Gesicht. Sic klatschte nicht, sie rief auch nicht den geliebten Namen. Aber ihr übervolles Herz jubelte laut . . ♦ Ein paar Kritiker schüttelten die Köpfe . . .
Hinter der Bühne stand Rafaöli keuchend vor der Bogner-Wettin. „Nun hören Sie bloß", zischte er, „man ruft den Baumeister, aber nicht uns. Ist denn dies Publikum wahnsinnig?! Hier gilt cS doch unserer Kunst! . . ." Eine Kulisse weiter hing Nina zitternd am Arme ihres Vaters. „Vater, o Gottcgottegott, ich ängstige mich so schrecklich!" stammelte sie; „ich habe fürchterliche Angst! Wenn ich nur nicht stecken bleibe . . ." „Unsinn", sagte Imhoff; „kalt Blut, mein Kind. Die Souffleuse schlägt gut an; du bleibst nicht stecken . . ." Nafaäli stürmte herbei. „Ist die Imhoff hier? — Imhoff, kommen Sic um Gottes ivillen mit der Stimme heraus und drücken Sie nicht in der Kehle! Liebes Fräulein, regulieren Sie den Atem. Keine halben Töne, immer voll, voll, voll! . . ." „Immer voll, voll, voll", wiederholte Nina in Gedanken und ganz mechanisch; sie hätte laut losweinen können.
Ihr Vater und Herr von Serben überwachten inzwischen aus der Bühne den Umbau der Szene. Prospekte rolltet: herauf und hinab, Kulissen tvnrden festgeschraubt, Versatzstücke herbeigeschleppt; ein brennender Kronleuchter senkte sich von der Höhe nieder, ein Podium ivurde ge- zimmert, man stellte Tische und Stühle auf; vereinzelte Statisten erschienen. Tie Pause war nur kurz. Tas Publikum sah, daß Prinz Ferdinand den Baunteister Hammer in seiner Loge empfing und angelegentlich mit ihm sprach. Die Klingel schlug au; im Orchester erhob Rafaöti bet: Taktstock...
Tie ersten Szenen des zweiten Aktes gefielen außerordentlich. Die bunte Böhßmewirtschast im Kabarett zun: lahmet: Pegasus amüsierte; auch die musikalische Illustration war hübsch und charakteristisch. In der sechsten Szene hatte Nina aufzutreten, als leichtsinnige kleine Putz- macherm, die, ihren Liebhaber (den Baßbuffo Hauermann) am Arm, ein Lied trällernd, in das Kabarett stürmt, .Sie


