KW
Dem Waßren, Gdtsn, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fcdor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Jnzwischeir hatte sich der Zuschauerrauin zu fülle» begonnen. Es gab an diesen: Abend wohl nur wenige, die nicht einen Laut der Bewunderung, einen Ausruf des Entzückens Beim Eintritt in diesen Wunderraunt ausgestoßen hätten. Auch hier übte zunächst der Gesamteindruck eine gewaltige Wirkung aus: die ungeheure Halbrotunde in ihrer satten Farbenpracht, mit der kühnen und schönen Wölbung des Plafonds, auf beit die geniale Hand eines Wiener Meisters ein olympisches Bild gezaubert hatte, das seiner ganzen Ausführung nach das Werk eines großen Künstlers war und durch die geschickte Verkürzung der einzelnen Figuren förmlich frappierte. Und auch hier ging wieder mit der glänzenden Originalität der Architektur und der Farbenharmonie die erstaunlich gewandte, zugleich zweckmäßig wie künstlerisch gegliederte und gefügte Anordnung der elektrischen Beleuchtungskörper Hand in Hand. Und auch hier wieder dokumentierte stch das vollendete Feinempfinden des Erbauers, das jedes Detail berücksichi- tigte und in Einklang mit dem Ganzen brachte, sei es die Farbe des Ueberzugs der Sitzplätze oder die Raffung der Velourportieren vor den Fremdenlogen oder die Ornamentik zwischen den Rangreihen oder der Reliefschmuck über dem Proszenium.
In dieses Haus gehörte freilich auch eine äußerlich so glanzende Zuschauerschaft wie die von heute. Die Damen iin den Logen und im ersten Rang waren durchweg in großer Soireetoilette erschienen, die Herren meist in: Frack. Es war ein Schillern und Glitzern und Gleißen, ein fröhliches Farbenspiel. Es war auch eine sehr interessante Gesellschaft. Imhoff als Mann für alles und vielgewandter Oberregisseur hatte sich hinter den Kassierer gesteckt und die Einladnngslisten geprüft. Und nun gab es denn im Mittelbalkon einen ganzen Kranz von Berühmtheiten, die da gewissermaßen auf den: Präsentierteller faßen und das Haus schmücken halfen: alle Schriftsteller von Namen, die jeder Preinierenbesucher von Ansehen kannte, Schauspieler, von denen mm: sprach (unter ihnen auch Carolus Dreckhoff mit halb süßem, halb sehr säuerlichem Gesicht), höhere Beamte aus den Ministerien, ein paar vielgenannte Musiker, hie und da des koloristischen Motivs halber ein Offizier litt Gala, und genau in der Mitte des' Balkons der Zensor des Polizeipräsidiums, Geheimrat von Elgersburg, mit seiner vergnüglichen harmlosen Miene. Ringsuin als Garnierung des Präsentiertellers ein Flor von Damen in Hellen und duftigen Toiletten: viel Dekolletierung und viel blitzende Brillanten — eine Reihe bunter Farbentupfen mit aufgesetzten Glanzlichtern. Weiter: die Logen. Da schwirrte es' von Bekannten: da saßen die Protektoren und
Donatoren, die Herren vom 'Aufsichtsrat, die gewichtigeren' Aktionäre, auch wieder vereinzelte Berühmtheiten: Malep und Bildhauer, die sich an der Ausschmückung des Hauses, beteiligt hatten. Da saßen Fridolin Meyer, der große Genuß-, mensch und gute Kerl, in einem englischen Frack mit dunkelblauen: Sammetkragen und einer starr den gewaltigen Leib umspannenden weißen Weste mit Goldki:öpfen — Josef Bern- dal und Frau Anita, sehr aufgedonnert/ ein liebliches! Lächeln auf dem dümmlichen Gesicht — der Konsul Werner, und der Syndikus Brandes, hinter letzterem Harry Priestap, blaß und aufgeregt, mit sehr hohem Kragen, und weiß wie dieser die Wangen; da sag. auch Herr Sven Trusen mit den: goldumrandeten Monocle und dem grauen Querstreifen im dunklen Haar, Herr Sven Trusen, den Imhoff gar nicht in das Hans lassen wollte, und der sich, weiß Gott, auf welchen Wegen doch noch ein Billet verschafft hatte und. zwar eins in den ersten Logenreihen; da saßen die Minister des Kultus und von: Innern und ein verabschiedeter Kriegsminister, der vor kurzen: ein Drama geschrieben hatte; es saßen da auch viele aus der hohen Aristokratie und. noch mehr aus der hohen Finanz; Hofchargen und Leute, die mau an der Börse nicht mehr grüßte; Exzellenzen, Kammerherren, wirkliche Geheime Räte und mancher mit dem Flecken des Differenzeinwands. Es saß da alles durch^ eiuander; da hatten Siebung und Sichtung aufgehört; da! verwischten sich die Standcsunterschiede, und die berufs- mäßigen Premierentiger berührten sich Arm an Arn: mit dem viel gerühmten „naiven Publikum", das jeder Dichter, sich wünscht und noch, nie einer bekommen hat.
Hinter den: Vorhang der rechten Fremdenloge stand Prinz Arenstein, hatte das Glas vor dem Auge und suchte jemanden. Aber er fand die nicht, die er suchte. Unten in der Orchesterloge sah er eine ältere geschminkte Dame mit turb an ähnlich em, buntem Kopfputz: das war die Prinzessin Luise. Sie saß nicht in der Hofloge, denn sie war so gut wie verbannt, und keiner des regierenden Hauses mochte! mit ihr zu tun haben. Sie stammte aus einem rheinischen. Fürstengeschlecht, das zur Zeit Königs Jerome jede Würde infam mit Füßen getreten hatte — und daß der Prinz Adalbert Arthur sie einst geheiratet, hatte der alte Kaiser dem Neffen nie verzeihen können. Prinz Adalbert Arthur war tot,' und inan hatte gehofft, die Witwe werde sich für immer auf ihr Lustschloß am Gardasee zurückziehen; aber sie liebte es, die Winter in Berlin zu verbringen, fiel durch ihre wahnwitzigen Toiletten auf, tat viel für die Tugend und war doch eine abscheuliche Heuchlerin. Ein hoher Herr hatte gesagt, sie sei eilt weiblicher Tartüff, und da dieser hohe Herr int allgemeinen viel zu sagen hatte, so haßte die Prinzessin ihn bitter. Freilich drang nur wenig von dieser Antagonie in die Oeffentlichkeit, und bei Gelegenheit der Einweihung eines neuen Waisenhauses hatte man die Prinzessin sogar neben der Gattin des hohen Herrn gesehen. Aber die Tatsache bestand, und wer die Glocken läuten Börte, wußte auch, daß gerade, zurzeit die.


