Ausgabe 
9.2.1906
 
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Speziesse Kygiene der OelstesarSelt

(tum Beamten, Lehrer«, Schriftstellern, Kaufleuten).

Bon Dr. Otto Gotthilf.

(Nachdruck verboten.)

Den Menschen macht vergnügt und froh Unendlich selten das Bureau, Es ist vielmehr fast allemal Genau das Gegenteil der Fall.

(Edm. von Hacken.)

Bon Jahr zu Jahr mehren sich Bücher und Statistiken über Gewerbehygiene, über die Berufskrankheiten der Industrie- und Eelverbearbeiter. Staat, Gemeinden und Großindustrielle wett­eifern, bei diesen Arbeiten die aus ihrer Tätigkeit entstehenden Eesundheitschädigungen zu beseitigen oder ihnen vorzubeugen. Wahrlich ein edles Streben! Wer leider hat man bisher noch gänzlich die ebenso wichtige Aufgabe versäumt, die Berussi- krankheiten der Geistesarbeiter (im weitesten Sinne des Wortes) zu verringern oder zu verhüten. Und doch mehrt sich die Zahl gerade dieser Berufsklasse zusehend. Das Heer der Beamten ist bedeutend gewachsen; die zunehmende Bevölkerung braucht immer mehr Lehrer; der größere Bildungstrieb vergrößert die Zahl der Schriftsteller auf jedem Wissensgebiet; Handel und Gewerbe fesseln Millionen Angestellter an die enge Burcaustube. Sie alle leiden mehr oder weniger an Eigentümlichkeiten und Sci-ädlichkeiten ihres Berufes, der, gerade weil er so einseitig, andauernd, ohne Abwechslung mit andersartiger Beschäftigung betrieben wird, allmählich nicht nur dem Gang, der Haltung und Physiognomie seinen Stempel ausdrückt, sondern auch auf Ge­sundheit, Konstitution, Lebensdauer, bestimmend einwirkt. Krank- heits- und Todesstatistiken beweisen das.

Während das Uebermaß körperlicher Arbeit sich alsbald durch Ermüdung, schnellen Herzschlag, heftige Respiration und Schweiß­ausbruch warnend bemerkbar macht, ist das Maß geistiger Arbeit schwer zu begrenzen, da sie zeitweilig einer fast unermeßlichen Steigerung fähig ist, ohne augenblickliche Uebernrüdung hcrvor- zurufcn. Darin liegt eine sehr große Gefahr; denn auch sie zehrt nm Körperstoff, besonders an der Nervenkrast.Wer aber mehr von seinen Nervenkräften ausgibt, als er einnimmt, der ist aus der schiefen Ebene angelangt, die zur Erschöpfung führt, und wird gesundheitlich bankerott, auch wenn er ein Millionär wäre", sagt sehr treffend Dr. Paul Marö in dem unlängst (bei Krüger u. Cie. in Leipzig) erschienenen Büchlein:Hygiene des Geistes". Daher bei vielen eifrigen Geistesarbeitern die spätere gänzliche Erschlaffung und Ermattung, welche allmählich zu ner­vöser Reizbarkeit führt und das traurige Krankheitsbild der Neurasthenie entstehen läßt. Beethoven hat dies an sich selbst erfahren, und iagt darüber:Meine Organisation ist so nervös, daß mich eine Kleinigkeit aus dem glücklichsten Zustande in den unglücklichsten versetzt."

Meist noch schneller und merkbarer stellen sich bei den Bureaumenichen Unterleibsbeschwerden ein. Die beim langen Sitzen zusammengepreßten Organe und Adern (Pfortadern) daselbst führen in der Regel zu Verdauungsstörungen und Blutstockungen, bereit weitere Folge ein ganzes Heer von Krankheiten ist. Zunächst tritt das Gesühl von Völle, Schwere, Druck im Magen und Darm aus; es entsteht Ausstößen und Gasbildung, später Stuhlver- stopjung. Die Blutstauungen im ganzen Psortadersystem bewirken Hämorrhoiden, Stauungen in Leber, Niere, Galle, was oft schwere Organerkrankungen hervorruft. Werden diese mannigfachen Unter» leibsstürungcn des Stubenkitzers nicht durch hygienische Maß­regeln beseitigt, so wird die ganze Persönlichkeit derartig davon beeinflußt, daß allmählich das Charakterbild des sich selbst uno den Seinen zu Leide lebenden bureaukratischen Hypochonders entsteht.

Frühzeitig muß man daher diesen Unterleibsstockungen aller Art vorbeugen. Dies geschieht durch Selbstmassage und Gym­nastik. Morgens im Bett massiert und knetet man mit den Händen den Unterleib und seinen Inhalt. Das wirkt höchst vvrteilhast auf Fortbewegung des Speisebreies, peristaltische Bewegungen des Darmes. Blutverteilung und Blutmischung. Dazu kommt nachher am offenen Fenster (schlimmsten Falles auf dem Wege zum Bureau) energische Atmungsgymnastik. Man gehe nicht zu schnell und atme langsam möglichst tief ein und aus; beim Ausatmen zieht man den Unterleib ein, beim Einatmen weitet man ihn aus. Die kräftig arbeitende Lunge wirkt dabei wie eine mächtige Säugpumpe, welche das Blut mit Gewalt durch die Adern treibt. Schnell stellt sich wohlige Wärme im ganzen Körper ein. Das langsam fließende Blut in den kalten Extremitäten, das stauende Venenblut in den Unterleibsorganen; alles wird mitgcrissen tn den rasch strömenden BlutkreiNauf. Nachmittags, oder abends vor dem Essen, wird dann energische Körpergymnastik vorgenom- men, bestehend hauptsächlich in: Rumpsbeugen vor- und rück­wärts (10 bis 30 mal). Niederlassen in Kniebeuge (5 bis 25), Knie Strecken und Beugen nach vorn und hinten (je 5 bis 10 mal), Knie hoch heben (je 5 bis 20 mal), Rumpfkreisen (5 bis 20 mal). Das. ist für alle inneren Organe des Unterleibes und die er­schlafften äußeren Bauchmuskeln von außerordentlich günstigem Einfluß. Hieraus möge man noch bei offenem Fenster einige Minuten recht tief atmen, damit die nötige Menge sauerstoff­

haltiger Lust in' die Lungen einströmt und alle mit Köhlensäure verunreinigte Lust aus dem Körper entfernt wird. Denn bei sitzender Lebensweise atmet der Mensch nur ganz oberslächlich und unvollkommen. Und doch ist gerade die Lust (nicht Speise, oder Trank) das Erste und Letzte, bei Geburt und Lebensende, was der Mensch braucht; der Sauerstoff ist das Lebenselixier, der Sauerstoff bildet gleichsam die Dampfkraft, welche unsere Lebensmaschine treibt. Also: ost recht tief atmen!

Die meisten Geistesarbeiter essen und trinken mehr als ihnen gut ist. Zwar klagen sie vielfach über ihren schlechten Magen und dostcrn fortwährend daran herum, aber doch essen sie im allgemeinen viel schwer verdauliche Speisen.Was dem Grobschmied bekommt, hält der Schneider nicht aus." Gerade bei sitzender, bewegungsloser Lebensweise darf man nur leicht­verdauliche Kost genießen. Uebrigens ist es ganz gut, wenn der Magen nicht alles verträgt, sondern immer mal durch Schmerzen vor demZuviel des Guten" warnt. Denn Vielesser und Vieltrinker verkürzen mutwillig ihr Leben; ihre Gefäße füllen sich zu reichlich mit Blut, die Zellen werden verstopft, die inneren Organe gedrückt; solche Personen werden schwerfällig, asthmatisch, die geringste Bewegung setzt sie außer Atem; sie sterben vor der Zeit o m Schlag-Stickfluß oder an Arterienverkalk­ung. Man esse nahrhaft, jedoch wenig: gute Suppen, leicht verdauliche Gemüse und Fleisch, Eier und Eierspeisen. Aber Vorsicht mit Hülsenfrüchten, Sauerkraut, fettem Fleisch oder Wurst.

Ihrem Magen tvidmen die Stubeufitzer bedeutend mehr Aufmerksamkeit als ihren Füßen.Kopf kühl, Füße warm!" sollte als erste hygienische Regel in jedem Bureau augeschrieben stehen. Die meisten Zimmer find überheizt; die hitzestr,.hienden Lampen befinden sich zu dicht an oder über den Köpfen; der Fußboden, ohne Decken, ist oft sehr kalt; daher: heißer Kopf und kalte Füße. Zur Abhilfe versehe man die Füße zunächst mit künstlichen Wärmequellen, als da sind: Filzschuhe, Einlege­sohlen, stets trockene (oft gewechselte) Strümpfe, Wärmest scheu. Dann sorge man für ständiges Durchwärmen mit der inneren Hauptheizleitung: dem Blutkreislauf. Durch häufige Bewegung muß die Zirkulation beförbert, das Blut in den Füßen rasch er­neuert werden. 200 bis 300 malmarsch, marsch, auf der Stelle" in einem abgelegenen Orte kann Jeder zur sofortigen Erivärmung der Füße vornehmen. Beim längeren Sitzen darf man die Füße nicht übereinander schlagen, denn in den geknickten und gedrückten Knieen wird der Blutumlaus sehr erschwert. Gehen, Bergsteigen, Radfahren, Schlittschuhlaufen, Tanzen sind Haupthilfsmittel zur Erzeugung warmer Füße.

Für die Erwärmung des ganzen Körpers ist besonders ge­eignet Frottieren der Haut, verbunden mit einem Luftbade. Am besten nimmt man dies im Freien, wo das nicht möglich ist, im Zimmer bei offenem Fenster. Dreimal wöchentlich ein Luftbad, mit tüchtigem Reiben der Haut am Anfang und Schluß, H oder Keulenübungen während der ganzen Dauer gewöhnt ixn Körper an selbsttätige Wärrneregnlierung und bildet daher das zuverlässigste Verfahren zur maßvollen. Abhärtung. Selbst frostige, blutarme, schtvächliche Personen können sich unbeschadet dies Na- turheilmittel zu nutze machen. Denn im Luftüade verliert der Körper weit weniger Wärme, als im Wasserbade, weil Lust die Wärme etwa 25 mal schlechter leitet als das Wasser. Für den Bureauarbeiter bildet die Lust einen nertienanregenben Reiz, der von der Hautobersläche aus sowohl öttlich als auch in die Tiefe auf den ganzen Körper einwirkt und dadurch beiträgt zur Erhöhung der Lebensbetatigung, zur Ausscheidung der schäd­lichen Kohlensäure und der giftigen Stoffwechsclprodukte. Die Haut wird durch die häufige direkte Berührung mit der Luft v w- traut mit derselben und geübt im Gebrauch ihrer Schul gegen Abkühlung, nämlich der Eng- und Weitstellnng ihres G , apparates. Bei frostigem windigem Wetter wirkt auch ein längerer Spaziergang im beschleunigten Tempo wie ein Luftbad; die an- dringende Luft von kalter Temperatur regt die Nerven an und bewirkt ein wohliges Wärmegefühl. Das erfrischt Geist und Ge­müt, stählt Herz und Sinn. Ueberhaupt trägt Körperbewegung am sichersten dazu bei, die Nachteile des Bureaulebens hintan- zuhalten, Gesundheitsschädiguugen vorzubeugen und, wenn solche erfolgt, sie auszugleichen.Wer hätte nicht an sich selbst nach ausgiebiger Körperbewegung das Gefühl von Wohlbehagen er­fahren, die Schaffenslust, die Schaffenskraft, den leichten Fluß der Gedanken, die geistige Frische, Erquickung und Erstarkung?" schreibt Dr. Mars in dem oben erwähnten BucheHygiene des Geistes".

Wer Zeit und Geld hat, möge im Sommer auch für einige Wochen einen Ortswechsel vornehmen, in eine Sommerfrische gehen. Das ist namentlich den Nervösen sehr anzuraten.Die Um­gebung, welche dich krank gemacht, kann dich nicht wieder gesund machen", sagt schon Hippokrates. Gerade für viele Burean- arbeiter ist es von großem Vorteil, immer mal herauszukommen aus der einförmigen, schablonenmäßigen Beschäftigung, in anderer Umgebung und unter anderen Menschen neue Eindrücke zu be­kommen zur Erfrischung des Geistes. t

Wohl bieten auch Vergnügungen, sowie städtische und staatliche politische Betätigung reichliche Abwechslung im ewigen Berufs­einerlei. Aber das sind gefährliche Spielzeuge. Wer sich ihnen widmet, wird ost ganz in ihren Bann gezogen, opfert Erholung,