Ausgabe 
9.2.1906
 
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Ah ja die Nina Imhoff!

Ja, die. Ich plauderte ein bissel mit ihr, und Priestap falzte die Sache ernsthaft auf. Er war wild hinter dem Mädelchen her. Ist nichts aus der Amourschast ge- ivorden? , . .*

Hammers Gesicht wurde unwillkürlich finster.Ich ahne nicht, Durchlaucht", erividerte er kurz,ich habe das Mädchen auch seit Monaten nicht gesehen. Uebrigens soll Priestap wieder zuruck sein."

Der Mensch interessiert mich", sagte der Prinz lebhaft; ich habe niir seine Geschichte erzählen lassen: stofflich ein Roman und doch auch ein psychologisches Drama. Die Millionen seiner Mutter sind sein Unglück. Dazu kommt die schlechte Erziehung durch seine Stiefeltern. Es wäre vernünftiger geivesen, der alte Priestap hätte den Jungen ein paar Jahre lang zwischen seinen Margarinefässern arbeiten lassen, statt ihn zum Staatsbuuiinler heranzuziehen."

Und doch steckt viel Gutes in ihm", warf der Bau­meister ein.Es geht mir wie Ihnen, Durchlaucht. Ich habe viel Sympathien für Priestap ganz abgesehen davon, daß im letzten Grunde er mir meinen Theaterbau er­möglicht hat. Er ist mehr Idealist als Lebenskünstler. Ich meine sogar, er steht dem Leben in völliger Naivität gegen­über. Er ist in vielen Dingen noch ein absolutes Kind."

Es ist schade um ihn. Ich halte ihn auch für nicht unbegabt; jedenfalls könnte er mehr sein als ein höchst unnützes Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Sie sollten sich seiner annehmen, Hammer. Es ist noch etwas aus ihm zu machen. Was für eine jämmerliche Rolle spielt er jetzt! Auf der Rennbahn lacht man über ihn und seine erheuchelte Sportpassion; in den Klubs spöttelt man über seinen merk­würdigen Adel; seit es durchgesickert ist, daß die Perettt seine Mutter, verkehren überhaupt nur noch wenige mit ihm."

Ich glaube, das war auch die Ursache für ihn, für einige Zeit auf Reisen zu gehen", sagte Hammer.Im übrigen finde ich cs unrecht, daß man ihm der Perettt wegen den Rücken wendet."

Aber selbstverständlich, Baumeister! Und weil auch ich das als Unrecht empfinde, nehme ich ihn in Schutz, wo ich nur kann. Tie Rosalba so t viel besser gewesen sein, als man ihr nacherzählt; aber wäre sie selbst eine Dirne ge­wesen was hätte der arme Bursche dafür gekonnt! . . , Es macht mir Spaß, zuweilen gegen die Mteingesessenheit der gesellschaftlichen Anschauung Front zu machen."

Sie können das wirksamer als unsereiner, Durchlaucht. Aus dem Munde eines Hohen Aristokraten klingt eine frei- geistige Kundgebung überzeugender als aus dem eines Bürgerlichen"

Kann auch wie Koketterie klingen, Baumeister. Uebri­gens will ich mich nicht loben. Ich- stecke noch tief in tradi­tioneller Besangenheit. Nur heucheln kann ich nicht. Ich kann nicht ja und Amen jagen, wenn alles in mir nein schreit. Aber ich gestehe: es platzt mir zuweilen eine Wahr­heit heraus, die besser oder wenigstens praktischer unaus­gesprochen geblieben wäre. Man soll nicht alles sagen, was inan denkt. Auch dem gewöhnlichen Sterblichen tut diplo­matische Ueberlcgung gut. Man braucht dabei nicht gleich seinen Charakter in die Brüche gehen zu lassen."

Charakter", seufzte Hammer.Ich glaube, ich hab« gar keinen!"

Arenstein lachte.Seien Sie nicht allzu betrübt dar­über; er kann auch zur Last werden. Wer keinen Charakter besitzt, ist kein Mensch, sondern eine Sache, sagt Chamfort. Aber er sagt Unsinn. Künstlernaturen fehlt fast immer die Charakterstrenge. Charakter haben, heißt Konsequenz besitzen. Tie mangelt den meisten Künstlern, weil in ihnen die Phantasie überwiegt, die sich lute ein unwirkliches Ge­wölk zwischen ihr Tun und oie tatsächliche Ordnung der Dinge schiebt. Nehmen Sie s nicht übel, daß ich das sage. Ich wollte, ich wäre an Ihrer Stelle. Ter Charakter ist angeboren; jedenfalls ruht er auf der Persönlichkeit, nicht aus der Begabung. Und er kann zuweilen recht unbequem sein. Hätte mir Gott ein leichtsinniges Künstterherz ge­schenkt, dann . .

(Fortsetzung folgt.)

sich nicht aufznregen braucht. Aber man kriegt doch Sehn­sucht nach frischer Luft. Und dann liebe ich dies gedanken­lose Ua,herschweifen zwischen fröhlich aiissehenden Leuten. Ist Ionen noch nicht ausgefallen, daß die Menschheit in den Abendstunden immer vergnügter aussieht, als am Tage?"

Gewiß," antwortete Hammer lachend,der Tag gehört der Arbeit, und wer sollte nicht froh sein, wenn sie vorüber

ist. Tie Arbeit gibt deui Gesicht Ernst, die Nasi Heiterkeit. Aber in Ihren Zügen find' ich sie nicht, Durchlaucht, Sie sind blaß >ino sehen abgespannt aus. Waren Sie krank?"

Doch nicht", entgegnete der Prinz.Wenigstens nicht körperlich. Aber die gesunde Brust ist ja nicht allein Herr­scherin über uns; mehr das, was drinnen schlägt."

Herzweh, Durchlaucht?"

Sagte ich ja, es war' nicht das richtige; sagte ich nein, auch nicht. Vielleicht ist Stimmungswechsel das Be­zeichnendste. Es geht einem so manches verquer im Leben."

Ach, Durchlaucht, wem sagen Sie das! Drüben steigen die Mauern meines neuen Baues auf. Meine heißeste Sehn­sucht wird dadurch zur Erfüllung gebracht, ein Traum langer Jahre. Man sollte meinen, das mich das glücklich macht. Aber es schürt meine innere Unzufriedenheit nur noch mehr. Ich könnte alles, was da steht, wieder herunter- reißeu und neu aufbauen lassen. Nicht einmal: zehnmal hintereinander bis das Ganze so ist, wie ich es will und wünsche."

Vielleicht würden Sie niemals völlig zufrieden fein, Baumeister", entgegnete Arenstein.Tas ist der Fluch des Künstlertums; der Genius strebt weiter und gibt sich nie genug. Warum heiraten Sie nicht? Tie Frage klingt un­geheuer banal. Aber sie ist ganz ernsthaft gestellt. Tie Ehe fettet Sie nicht und würde Ihren Höhenflug nicht hemmen. Sie würde nur einen ruhenden Pol für Sie bilden, ein Gegengeivicht zu Ihrer Rastlosigkeit."

Hammer lächelte.Ten Heiratsvorschlag habe ich auch kürzlich einem jungen Freunde gemacht, der in der Gefahr schwebt, im Großstadtsumpfe zu versinken. Tie Naturen sind verschieden, Turchlaucbt. Ich habe mir immer ein­gebildet, außerordentlich kühl dem Weiblichen gegenüber zu fein und bleiben zu können. Ich stehe am'Ausgang der Dreißig und wüßte wirklich nicht, daß mich einmal eine zärtliche Neigung heimgejucht hätte. Aber das kann plötzlich kommen"

Gewiß", fiel der Prinz ein;seien Sie vorsichtig, Baumeister. Gerade in anscheinend kühlen Naturen lodert die Leidenschaft zuweilen rasch auf."

Aber mit einer Leidenschaft heiratet man nicht, Durch­laucht."

Auch richtig; mag es wenigstens fein. Es ist wohl besser, man tritt gut temperiert in die Ehe, als mit flam­mendem Herzen. Tie Flammen verlöschen leicht."

Durchlaucht, Sie sind jo gütig int Raterteilen. Warum raten Sie sich nicht selber? Wollen Sie Zölibatär bleiben?"

Der Pernz nickte.Vielleicht kommt es so", sagte er. Eigentlich dürfte es nicht. Der Walsnnger Besitz fleht auf meinen beiden Angen. Sterbe ich ohne Erben, so geht die Herrschaft an die belgischen Vettern über, die auch schon den Fürstentitel geschnappt haben."

Na, sehen Sie", lächle Hammer;da wäre es also mir vernünftig und zweckdienlich, wenn Sie schleunigst in die Ehe steigen wollten."

Das wäre es schon, lieber Baumeister. Aber dazu ge­hören immer zwei. Die ich kriegen kann, ungefähr drei Dutzend, die in Frage kommen würden, die will ich nicht; und die ich haben möchte, kriege ich nicht . . . Sagen Sie, Baumeister, was macht eigentlich der kleine Priestap? Den hab' ich ewig lange nicht gesehen, auch nicht bei den letzten Rennen. Steckt er nicht mehr in Berlin?"

Er war in Paris und an der Riviera, soviel ich weiß."

Mit seinem Liebchen oder seist!?"

Welches Liebchen, Durchlaucht? Ich kenne mich in seinem weiblichen Anhang nicht aus."

Er hat mir einmal sein Herz ausgefchüitet. Wissen Sie, am Tage der Grundsteinlegung, da ivar auch eine nied­liche Soubrette mit bei Dressel, das Töchterchen Ihres Aller- welts-FaktotumS"

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