1906 — M. 21
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Jem Waörett, Edlen, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Tie immer ins volle wirtschaftende Macenatennatur Hammers verleugnete sich leinen Augenblick. Tie Pläne lagen da; aber auch an den Einzelheiten sollten nur künstlerische Hände mitwirken. Tie Statuen für den Wandelgang wurden bei sieben der ersten Bildhauer bestellt. Tie Mosaiken nach Zeichnungen Hammers wurden nach Venedig tn Auftrag gegeben. Tie Glasmalereien im Hauptsaal des Restaurants sollten durchaus erlesene Kunstwerke "sein. Für das Plafondbild wurde ein vielgenannter Wiener Meister gewonnen; für die Gemälde im Foyer, die Temp-rlspiele in Ephesus oarstellend, eine Münchener Berühmtheit. Aber alles das waren gewissermaßen nur Kleinigkeiten. Hammer hatte es sich in den Kopf gesetzt, in diesem Bau, an dem eine ganze Seele hing, etwas Vollendetes zu geben. Und )a war ihm nichts recht. Zwei Säulen des Portikus waren ertig gestellt worden; plötzlich gefiel Hammer die Farbe und die Aederung des Marmors nicht: die Säulen wurden zurückgestellt, und man verschrieb neues Gestein. Noch kostspieliger waren seine plötzlichen Eingebungen. Berndal sollte die Stoffe für Parkett- und Logensitze liefern. Wer Hammer fand alles ihm Borgelegte schauderhaft. Ta zeigte ihm Berndal den Rest eines eigentümlich gebleichten malvenfarbenen Velours. Ten fand Hammer entzückend. Doch es war nur ein Rest. Der Stoff stanunte aus einer Fabrik in -Oesterreich. Hammer reifte mir Berndal dorthin. Ter Bleichton war schwer zu erreichen und erforderte teure Versuche. Aber Hammer wollte gerade diesen Ton, nicht eine Nuance anders, und der Fabrikant versprach, sein möglichstes zu tun. Auf dem Rückwege besuchte Hammer in Wien ein paar Ateliers. Er fand da ein Erzbild, ein riesiges Medaillon mit Apoll und den Musen in Hochrelief, das ihn begeisterte. Er kaufte es für einen ungeheuren Preis unter der Bedingung, daß die Form vernichtet werden müsse. Es sollte den Wandelgang abschließen.
Hammer hatte nie zu rechnen verstanden; er konnte es jetzt weniger denn je. Und wahrhaftig: er brauchte es auch nicht. Neue Gelder flössen ihm zu. Imhoff lief mit dem Klingelbeutel herum, und die Taschen öffneten sich. Tie Popularität Hammers war sichtlich im Steigen. Man glaubte an ihn unb sein Genie. Waldemar Henkel zog sich neidisch in die Einsamkeit zurück; er grollte dem Publikum, daß es diesen Faiseur bevorzugte; selbst der Hof wurde auf ihn aufmerksam: der Kaiser hatte Hammer gelegentlich zur Audienz befohlen.
Hammer selbst lebte wie in beständigem Fieber. Sein Ruhegefühl war dahin. Er schlief nicht mehr wie sonst bis weit in den Vormittag hinein. Er war früh auf, schnauzte Genoveva an, wenn das Frühstück nicht rechtzeitig aus dem Tische stand, und fuhr dann aut den Bauplatz,
Hier herrschte ein gewaltiges Leben. Der Winter war milde gewesen; man hatte fast durcharbeiten können. Aber alles ging Hammer zu langsam. Mehrfach war die Arbeiterzahl erhöht worden. Es wimmelte von Menschen auf dem großen Terrain. Die Mauern stiegen auf. Schon ließ sich die Gliederung der Fassade erkennen, die man mit pente- lischem Marmor belegte. Ein wirres Liniennetz von Eisen und Holz umkreuzte die Frontseite, und in ihm glitten Hunderte von Arbeitern auf und nieder. Tie Krahne und .Hebewerke ächzten; aus dem Jnnenhofe erscholl das Schnaufen einer großen Dampfmaschine; metallenes Wimmern klang durch die Luft und der gleichmäßige Stoß der Rammaschinen. Hier wälzte man ungeheure, viereckig behauene Granitblöcke heran; drüben meißelten die Steinmetze an einem Säulenknauf; die aufwärts gereckten Arme einer Karyatide lugten aus einer Hülle von Stroh und Leinwand hervor. Drähte glühten in offenen Kohlenpsaunen, Zyklopen schwangen mächtige Hämmer, Ziegelgestein wanderte von Hand zu Hand, eisern- Barren schwebten an festen Ketten empor. Kalkftaub trieb umher, und über den Körben mit glühenden Kohlen flimmerte die Luft. Mitten in dem Getriebe sah man immer den Baumeister, stets in blankem Zylinder, in fest anschließendem Paletot und grauen Handschuhen.
In dieser Zeit der Rastlosigkeit waren die Nerven Hammers wie Spinniveben. Ties vibrierende Nervensystem stimmte alle Sinne feiner und reizbarer. Tie Leidenschaft zum Weibe wachte plötzlich in Hammer auf. Er war wütend über die Standhaftigkeit der kleinen Nina. Er wollte sich nicht lächerlich machen. Kam er auf das Bureau und fragte wie gelegentlich nach Nina, so hieß es, sie sei im Musikunterricht. Tie verwünschte Gesangsstunde machte die Kleine unsichtbar; man wurde ihrer nicht habhaft. Hammer kam auf alle möglichen Einfälle. Er schickte ihr Blumen, brachte ihr Geschenke von seinen Reisen mit,erwies ihr Aufmerksamkeiten, die nicht mißzuverstehen waren und die eine Dame von Welt hätte zurückweisen müssen. Wer die kleine Nina hatte keine gesellschaftlichen Skrupel; sie nahm alles an, freute sich darüber und schrieb jedesmal mit zierlicher Handschrift auf neu gekauftem, feinem Briefpapier eilten; hübschen Tankbrief an Hammer.
Einmal, an einem Märzabend, ging Hammer in ziemlich später Stunde vom Bau nach Hause. Es war ihm angenehm, daß er keinen Wagen bestellt hatte. Es war wundervolle Luft, und es machte, ihm Spaß, die belebte Lindenpromenade hinabzuschlendern. Mancherlei Bekannte begegneten ihm und grüßten. Er grüßte zurück, ohne jemanden aufzuhalten. Aber als er den Prinzen Arenstein traf, blieb er unwillkürlich stehen und reichte ihm die Hand. Er hatte diesen liebenswürdigen Gentleman aufrichtig gern.
Arenstein war auch nur auf der Bummeltour. „Wir haben heute über die Gebühr lange getagt," sagte er, „im Herrenhause, mein Lieber. Allerhand Dinge, über die man


