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sich tttft der Gegenwart beschäftigen. Eine Erziehung des Publikums zur Architektur kann nur als Ausgangspunkt die besten Beispiele der von Gegenwartsgeist getragenen Werke der Architektur wählen. Gegenwartswert hat stets nur das im besten Sinne Moderne.
Weihnachts-Literatur.
— Wilhelm Holzamer: Um die Zukunft. Drama in drei Akten. — Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W. 35. — Preis 2 Mk. — In dir Reaktionszeit als dec Minister v. Dalwigk der Gewalt des geistvollen aber tyrannischen Bischofs Kettcler in Mainz die Schule ausgeliesert hatte, kämpfte der alte Schullehrer Krafft, der mit dem Großvater des Verfassers identisch fein soll, um seine eigene Existenz und Freiheit und die Freiheit seines Standes gegen den allmächtigen Bischof. Es tvird ein Kampf gegen Spionage, gegen Lüge und Mißbrauch der Gervalt. Die freiheitliche Bewegung der Jahre 1830 und 1848 zitterte nach in Rheinhessen. Biele träumten noch den alten Freiheitstraum, seine Verwirklichung durch die Revolution. Andreas Krafft, geistig der Stärksten ' einer in ganz Rheinhessen, glaubte wohl anfangs auch an eine solche Verwirklichung. Nachdem er aber durch die geistlichen Machenschaften gefallen war — er erschien dein Bischof so gefährlich, daß er ihn sogar des Bitztums hatte verweisen wollen — nachdem er verlassen war und allein stand, hatte ihn die Erfahrung eines anderen belehrt. Er war gereift, dem alten Schullehreridealismus entwachsen, der fremd, ungeschickt und verträumt durchs Leben ging. Er sah die Zukunft, die Freiheit seines Standes, die Freiheit des Volkes, aus anderen Bedingungen erwachsen. Er sah sie in einer Generation, die in dem neuen Geiste erzogen war, von unten auferzogen zur Selbständigkeit und zu Selbstbewußtsein, zu der Notwendigkeit der Freiheit und des individuellen Freiseins, das in der Menschenwürdigkeit begründet ist und aus ihr die Forderungen des Lebens herleitet> als einer Vorbedingung, die nicht nur gelehrt, sondern gelebt sein soll. In diesem größeren und weiteren Sinne lehnt er alles Persönliche, alles Oertliche, alles Augenblickliche ab. Er sieht über das Heute hinweg zum Morgen. Darin ist er willentlich allein. Nicht als der Starke, der im Alleinsein der Mächtigste ist, sondern als der Vorgeschrittenere, dem die andern noch nicht stark genug sind. Er hat die Revolution überwunden, er will seine Kraft einer Evolution weihen als ein neuer Lehrer und recht als ein Lehrer. Er erscheint besiegt, aber er ist ein Sieger. Sein geistiger Sieg drückt sich in einer äußeren Niederlage aus. Aber er ist in ihr ganz zu sich selbst, zu einer Erkenntnis und zu der Klarheit seines Zieles gekommen. Diesen Gewinn will das Stück darstellen. In ihm kämpft es um die Zukunft und weist in sie. Es will nicht einen darstellen, der die Welt nicht mehr versteht, sondern einen, den sie noch nicht versteht.
— Die französische Revolution von Thomas Carlyle. Neue illustrierte Ausgabe in 40 Lieferungen ä 50 Pfg. Herausgegeben von Theodor Rehtwisch. Mit etwa 500 Illustrationen, Porträts, Autographen und Knnstbeilagen. Lieferung 27 bis 40 (umfassend den 3. Band). Verlag von Georg Wigand, Leipzig. ' Carlyle hat diesem dritten Bande den überaus treffenden, über ebenso schauerlichen Untertitel „Die Guillotine" gegeben. La Guillotine ne va Pas mal! Das Königtum ist hinter den großen Lichtauslöschern, den spitzen Türmen des Temple, verschwunden, und wie ein gewaltiges düsteres Nachtgemülde steigt der Prozeß des Königs vor uns auf. Gespenstische Schatten gleiten über die Tribüne des Konvents und murmeln in weiheloser Hast, begleitet von dem Murren oder Beifallsrufen der pikenstarrenden Galerien ihr Verdikt, — Tod oder Verbannung! Der kühle Sieyes spricht fein: „La mort saus Phrase!" und Orleans-Jscharwt sein: „Tod auf Ehre und Gewissen!" so, daß selbst die blutbefleckten Männer der Galerien murren. Ms das Fallbeil der Guillotine das Haupt des Königs hinweggemäht hat, beginnt das große „Zerfleischen der Parteien", das Mirabeau schon prophetisch vorausfagte. Dieser dritte Band des Revolutions- Werkes umfaßt also den Zeitraum der Revolution, in welchem sich die Ereignisse förmlich überstürzen, den Zeitraum, in welchem „Die Guillotine den Pulsschlag des öffentlichen Lebens bildete". Es dürfte wohl feststehen, daß kein Werk eine so reiche Porträtgalerie aus jener bewegten Zeit bietet. „Wenn irgend eins so wird dies Carlyle-Werk noch nach hundert Jahren gelesen werden", sagt Eduard Engel in seiner englischen Literaturgeschichte.
— Helene Wa ldaestel. Neue Gedichte. Brosch, 2 Mk. Leipzig, Verlag für Literatur, Kunst und Musik. Diese
„Neuen Gedichte" zeigen einen sicheren Sinn für daN Typische eine*? Situation oder Stimmung. Sie sind romantisch und modern.
Mode.
— Eine Fülle reizender Toiletten bringt die „M o d e n w e l t", Verlag von Franz Lipperheide, Berlin W. 35. Nxhxn entzückenden Modellen für Ball und Gesellschaft sind für Straße und Haus eine Menge schicker, kleidsamer Formen vertreten. Jedem Grschmacke ist Rechnung getragen und weder die Dame von Welt noch die sorgende Hausmutter dürfte das Blatt unbefriedigt aus der Hand legen. Bis ins Kleinste genaue Beschreibungen, eine zuverlässige Schnittmusterbeilage und musterhafte bildliche Darstellung der Toiletten geben dem Blatte den Charakter eines wirklich brauchbaren, unentbehrlichen Ratgebers auf dem Gebiete der Mode. Hierzu trägt nicht zuletzt der Umstand bei, daß ebenso Unterkleider und Wäsche, wie Mäntel, Hüte, Pelzwerk usw. Berücksichtigung finden. Besondere Reichhaltigkeit weist auch der Teil Kindergarderobe auf, der jedem Alter und jedem Bedarf gerecht wird. Biel Beifall wird eine Zusammenstellung von Weihnachtsarbeiten für Kinderhände finden. Aü>e.r- auch für die Großen« bietet der vortreffliche Handarbeitsteil viele schöne Vorlagen für praktische Gegenstände. Der vierteljährliche Abonnementspreis der Lipperheideschen „Modenwelt" betrügt 1.25 Mk.
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* Das E i n z e l s ch l a f z i m m e r. In der Monatsschrift „Kultur und Familie" schreibt Freya v. Dohme: „Eilen Key hat von dem genialen Dichterehepaar Browning an der Hand von Briefen, die nach dem Tode dieser hervorragenden Menschen herausgegeben wurden, ein wundervolles Lebensbild gezeichnet. Unter den vielen Eigentümlichkeiten und Charakterschönheiten, die sie auszeichneten, fand vor allem eine individuelle Eigenart meine volle Sympathie: sie führten gleich vom ersten Tage ihrer Elie an die Einzelschlafzimmer ein. Ihre Naturen _ waren zu zartfühlend, um eine so weitgehende eheliche Intimität zu ertragen, wie sie im Durchschnitt üblich ist. Und ich wüßte unseren Zeitgenossen, die stets auf ihre „persönliche Eigensamkeit" pochen, keinen besseren Rat zu geben, als dem Beispiele der Brownings zu folgen. Es ist gewiß ein heiliges Vorrecht der Ehe, daß eines sich in das andere schickt und jeder einen Teil seiner Bequemlichkeit dem anderen zuliebe opfert. Nur geht meines Erachtens diese Anpassungssucht ost zu weit, d. h. es werden ganz unnütz für Kleinigkeiten die Kräfte der Selbstlosigkeit vergeudet, bte besser für eine geeignetere Gelegenheit aufgespart blieben. Die Kultur der Familie ist doch identisch mit der Harmonie der Familie. Harmonie wird aber nicht durch eine vollständige Aufgabe des eigenen Jchs erreicht, sondern dadurch, daß jeder in freier Entfaltung seiner Persönlichkeit die Familienstimmung zu einer Hohe der Schönheit steigert, die allein das wahre Glück einer häuslichen Gemeinschaft ansmacht. Nicht Unterdrückung, Evolution des ^rchs ist der Schlüssel zum Eheglück. Etwas ganz eigenes, das man sich weder geben noch nehmen kann, ist Lust und Stimmung zur Arbeit: einmal mochte man bis tief in die Nacht hinem fleißig fein, und ein anderes Mal wieder lockt die ganz frühe Morgenstunde zum Schaffen: aber der Schlafzimmergenoste legt solchem Tätigkeitsdrange die Schranken der Rücksicht auf. Ma« möchte den anderen in dem Schlummer, den sein Körper vielleicht sehr nötig braucht, nicht stören und unterdrückt daher feine Betätigungswünsche — wenn eben auch nicht zum Vorteil ber Allgemeinstimmung. Töricht und durchaus unzutretfend Ware die Befürchtung, daß wir durch Einzelschlafzimmer aus Frankreichs Zweikinderfystem kämen. . . . Pflege der Persönlichkeit und Kultur der Familie greifen ineinander und werden beide durch dm Einzelzimmerart in ihrer Entwicklung gefördert." — Die „Kultur der Familie" gibt diese Zuschrift vorsichtigerweise „mit Vorbehalt" wieder und bittet Leser und Mitarbeiter, sich zu dieser Frage (die iiicht zu mindestens auch eine Geldfrage ist, d. Reo.) zn äußern.
Logogriph.
Nachdruck verboten.
Einst schätzte man mich mehr, mich liebte Jung und All, Jetzt aber findet inan mich nur bei manchem Herrn. Schreibt man ein „r" dazu und statt des „i" tut ,,f» So dien' ich als Gewürz zu inanchen Speisen gern «v
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Versteckrätsels tn voriger Nummere Zwei harte Steine malen selten klein.
Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Vertag der Brühi'jchen Unwerjuäls-Buch- und Sielndruckeret. R. Lange, Gieße«.


