Ausgabe 
8.12.1906
 
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Haar und Hände, warf sich vor mir auf die Knie und bat mich, ihm zu verzeihen, dos; ec versucht habe, mich weniger zu heben. Dann wieder schrie er laut auf, daß Marian nicht verwundet werden dürfe, daß wir noch eine Zeitlang warten müßten."

»Ich kann ehrlich erklären, daß er mich mit seinem leiden­schaftlichen Kummer und seinen SelbNoorwürsen, nvt seiner Schönheit, seinem Genie und seiner Zärtlichkeit derartig ver­wirrte, betäubte und hinriß, daß ich nicht mehr wußte, was Recht und was Unrecht war."

Eines Morgens kam er sehr früh zu unserem Hause. Mrs. Thornton war nicht da; ich war allein. Er hielt einen offenen Brief in der Hand und sein Gesicht war bleich wie der Tod."

Evelyn," sagte er,du hältst ein Menschenleben in deiner Hand das meine. Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht mehr Herr über mich selbst bin. Sieh, dieser Brief iit ein königlicher Befehl; heute in zehn Tagen soll ich nach Indien absegeln. Ich schwöre dir, ich kann dich nicht ver- laffen. Du bi ft so jung, so schön und lieblich, daß irgend jemand dich mir sicherlich sortstehlen wird, während ich ab­wesend bin."

Ich sah zu ihm auf. Seine Lippen waren blaß und zitterten, das ganze hübsche Gesicht vor Kummer entstellt,

Ich kann dich nicht mitnehmen," fuhr er fort.Es handelt sich um höchst wichtige und verwickelte Angelegen- feiten, und ich muß im Lande selbst fortwährend hin und Herreisen. Ich mag diesen königlichen Befehl nicht ablehnen, er ist ein Vertrauensbeweis, wie er selten jemandem zuteil wird. Evelyn, du hältst mein Leben in deinen Händen."

Ich will alles tun, was du von mir verlangst," sagte ich,alles, was dir Trost und Beruhigung geben kann."

Ich will nur bie. Gewißheit haben, daß du mein bist, Evelyn daß kein lebendes Wesen ans Erden dich mir ent­reißen kann daß, obgleich ich gezwungen bin, dich zu ver­lassen, ich sicher bin, du bi ft mein."

Was kann, was soll ich tun?" fragte ich.

Marian, er nahm mich in seine Arme und flüsterte: Werde mein Weib, wir können uns heiraten, und keiner bcanchts zu wissen, bis ich zurückkehre. Werde mein Weid, dann bin ich glücklich und zufrieden und ruhig. Dich hier frei zu wissen, der Gedanke würde mich zum Wahnsinn bringen I"

(Fortsetzung folgt.) s

Are Krzichung zur Architektur,

Hermann Muthesins stellt im 2. Novemberheft des Kunstworts" folgende Leitsätze aus:

Es steht fest, "baß die Architektur die unpopulärste unter den Künsten ist. Das tritt besonders dann hervor, wenn man sich das ungeheure Interesse vergegenwärtigt, das baS Publikum den Werken der Malerei entgegenbringt. Es ist jedoch zweifelhaft, ob eine bloße sogenannte Er­ziehung des Publikums zur Architektur, wie sie heute im allgemeinen gehandhabt wird, Abhülfe schassen wird. Viel­mehr ist der Tiefstand des Verständnisses für Architektur als ein Symptom dafür aufzufassen, daß die heutige Archi­tektur selbst an öffentlicher Bedeutung zurückgetreten ist. Das wird augenscheinlich, wenn man die großen Glanzzeiten der Architektur, die griechische, römische, gotische, zum Ver­gleich heranzieht, in welchen die Architektur unzweifelhaft an der Spitze der Künste marschierte. Sie tat dies, weil sie die Universalgestalterin der baulichen und bildnerischen Ideen der Zeit war. In der heutigen Welt spielen die Probleme des Ingenieurs, der Ausbau der Verkehrsmittel, die Ausbildung der Maschinen nnd arbeitssparenden Werkzeuge eine größere Rolle als die eigentlichen Werke des Architekten, von denen nur der Städtebau in die großen Probleme unserer Zeit hereinragt.

Bon dem Wirken des Ingenieurs, der frei, vorwärts- blickend und von Nebenrücksichten unbeeinflußt die Aus­gaben der Zeit zu lösen sucht, unterscheidet sich das Wirken des Architekten unvorteilhaft dadurch, bah er rückwärts blickt und seine Werke mit Vorliebe in dre Aeußerungs- formen vergangener Zeiten kleidet, wodurch sie von selbst

etwas Gegenwartsfeindliches annehmen. Die Geschichte bet Architektur des 19. Jahrhunderts zeigt, wie die Architektur von einer archäologischen Ricktung in die andere geworfen tvurde und dadurch fast den Charakter einer oberflächlichen Berkleidungskunst anuahm.

Auch die heutige Architekturausübung ist zum Teil noch in archäologischen Tendenzen besangen. Beweis: a) die Bedeutung, die.dem sogenannten Stil noch beige» messen wird (man baut noch heuteromanische Ausstell­ungshallen,Renaissance"-Babnhöfe ufw.), b) die Stellung, die der Hauptteil der Architekten noch zu den Denkmälern einnimmt, die noch immer im sogenannten Geiste einer früheren Zeit wiederhergestellt werden, c) das häufig an» getroffene Bestreben, alte Städtebilder dadurch zu erhalten, daß moderne äußerliche Nachahmungen neben die alten Originalhäuser gesetzt werden.

Tie archäologische Befangenheit der heutigen Archi­tekturausübung ist in neuerer Zeit vielen klar geworden und hat sie zu. einer direkten Gegensatzstellung veranlaßt. Erinnert fei an die .Stellungnahme gegen die. Wieder- Hersteller alter Bauten. Auf der anderen Seite läßt sich erfreulicherweise beobachteu, daß wirklich selbständig schaf- feude Architekten, die nicht archäologisch, sondern modern denken, Anklang auch im größeren gebildeten Publikum finden. Es sei unter vielen Beispielen, die sich in allen Landern finden, nur an den Bau Wertheim von' Messel in Berlin erinnert.

Diese Anerkennung entspringt derselben -Quelle, wie die große Anerkennung, die in den letzten Jahren die moderne Bewegung im Kunstgewerbe gefunden hat. Beide haben als Ursache die Erkenntnis, daß hier wieder der »oben der Gegenwart gewonnen nnd die Archäologie ver­lassen worden "sei. Die Verquickung der Archäologie mit der schaffenden Kunst war der große Irrtum, der im letzten > Jahrhundert das Sinken des architektonischen Lebens ver­anlaßt hat. Beide haben nichts miteinander zu tun und müssen sorgfältig auseinander gehalten werden. Auf der Basis dieses Irrtums ist das Publikum systematisch ver­zogen worden, und es ist jenes falsche Interesse an den Etilen" erweckt, das jetzt einem lebendigen Erkennen der wirklichen Werte in der Architektur im Wege steht. Die Architekten, die sich heute noch befleißigen, inStilen" zu bauen, befördern künstlich dieses falsche Interesse und verschlimmern so die Situation noch wesentlich.

Eine Erziehung des Publikums, die von wirklichem Wert für die Architektur fein soll, kann sich nur an die wirklich guten, modern empfunbenen Werke der heutigen Baukunst heften, die allerdings noch dünn gesäet sind. Das beste Erziehungsmittel zur Architektur ist, Architetturwerke von wirklichem modernen Werte zu schaffen, dagegen das noch im großen Umfange übliche Reproduzieren acker Stile zu verlassen. Die Erziehung zur Architektur faßt daher in aller­erster Linie eine Erziehung der Architekten in sich, wenn mehr als das erwähnte Asterinteresse erreicht werben soll, das sich darin erschöpft, zu wissen,in welchem Stile" ein Architektnrwerk von heute errichtet sei.

Soweit die allgemeinen Gesichtspunkte. Tie folgenden Leitsätze berühren Detailfragen.

Tie Beteiligung der Architekten an Kunstausstellungen hat in der Form, in der sie heute meist vor sich geht, den Erwartungen nicht entsprochen. Eine größere Wirkung ist von dem Vorstihreu von Modellen zu erwarten, weil diese das einzige Mittel find, dem Laien eine Vorstellung von der räumlichen Wirkung eines Architekturwerkes zu geben.

Ein mächtiges Mittel der Erziehung zur Architektur ist auf dem Wege der Literatur gegeben, die beim heutigen Publikum auf allen Gebieten die beste .Handhabe zur Be­einflussung des menschlichen Geistes ist. Es hat in diesem Sinne jedoch wenig Bedeutung, wenn belehrende Aufsätze lediglich in der architektonischen Fachpresse abgedruckt werden. Die Tages- und Zeitschriftenpresse ist der Boden, auf welchem gewerkt werden muß.

Neben der Tagespresse sind öffentliche Vorlesungen, wenn von wirklich berufener Seite vorgenommen, ein Mittel gesunder Erziehung des öffentlichen Interesses an Architektur. Die Architektenverbäude sollten dahin wirken, daß an den Universitäten, den Volksbildungsanstalten der verschiedensten Art, in Vereinen und an Schulen Vor­lesungen über Architektur gehalten würden.

Eine Kunstpolckik, die der Gegenwart nutzen soll, muß