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Unaufhaltsamer Tränen, die indes keine Erleichterung, keine Abspannung zu bringen schienen.
„Still, still, mein L.ebliug, beruhige dich",- tröstete Marian. Doch bei den zärtlichen Worten der Schwester weinte Lady Wayne nur um so heftiger.
„Evelyn", sagte ihr Gemahl ernst, doch freundlich, „ich will dich nicht drängen, doch die Zeit ist kostbar — willst dn mir sagen, was du zu sagen hast?"
Cie schlang ihre Arme itnt den Hals ihrer Schwester.
„Wie soll ich nur beginnen?" rief sie, vom Gemahl zur Schwester blickend; „was soll ich sagen? Ich kann Euch nur beschwören, um des Himmels willen barmherzig mit mir zu sein, denn ich war sehr jung, leicht zu beeinflussen, und er liebte mich so über alles.
Ach, Marian, Mortimer kann mir vielleicht vergeben, du niemals. Nie gab es eine zärtlichere, hingehendere, sich selbst so aufopfernde Schwester, wie dich; nie sind Liebe und Hingabe so grausam, jo schrecklich und undankbar vergolten worden.
„Vor Jahren, als ich als Kind deiner Sorge und Obhut anvertraut war, hattest bit einen Verehrer — cs war der einzige Mann, um den du dich je gekümmert, ein hübscher Mann, der später einer der leitenden Staatsmänner des Landes wurde — und meinetwegen schlugst du es aus, ihn zu heiraten, damit du dich .um so besser dem dir anvertrauten elternlosen Kinde widmen könntest. So war es, nicht wahr, Marian?"
„Ja", war die ruhige Erwiderung. „Ich liebte ihn sehr, aber cs schien mir, daß du meiner am meisten be- ourstest."
„Hör' zu, !vie ich dir vergölten, Marian", fuhr sie fort. Als Edward Aylesford zuerst um dich loarb, stand er erst int Anfang seiner politischen Laufbahn; er liebte dich sehr, und in Verzweiflung darüber, daß er dich verloren, warf er sich mit der ganzen Energie feuer' Seele in das Getriebe des politischen Lebens."
„Jawohl", bestätigte Marian ruhig; „und ich war so stolz auf ihn ; ich las regelmäßig seine Reden, verfolgte seine Laufbahn mit solchem Interesse, aber ich wollte ihn nicht Wiedersehen, Eve; ich mißtraute mir; ich glaubte, die alte Liebe würde mich überwältigen. Als er schrieb, nachdem wir uns getrennt hatten, itito mich fragte, ob wir Freunde bleiben sollten, erwiderte ich ihm, es sti besser für meine Absichten, besser für mein Glück und meine Herzensruhe, wenn wir getrennt blieben und uns überhaupt nicht wieder- jähen."
„Ich war ungefähr sechzehn Jahre alt, Marian", fuhr Lady Wayne fort, „da ging ich eines Tages und kramte in einem Schubfach, wo du Privatpapiere ausbewahrtep. Tort sah ich ein Porträt, das P-astellbild eines hübschen Mannes mit prächtigem, lockigem Haar und einem offenen, geistvollen Gesicht — einem Gesicht, das aussah, als ob es eigens dafür geschaffen sei, um sich darin jn verlieben. Ich sah auf die Rückseite des Bildes; dort stand der Name — Edward Aylesford. Ich ging zu dir und fragte, wer es Wäre. Du wandtest dich traurig von mir ab, Liebste, und sagtest, es sei ein Freund, den du verkamen hättest und nie Wiedersehen würdest. Darnach, Marian, las ich seinen Namen in den Zeitungen, las seine Reden und erfuhr, daß von allen großen Männern Englands er der größte war."
Die liebenden Arme ließen sie nicht los; doch ein tiefer, leidenschaftlicher Kummer breitete sich über Marians Züge.
„Eve", sagte sie leise, „sie ist doch nicht von ihm — Deine Geschichte? Sag, Liebling, sie kann nicht von ihm sein?"
Doch Lady Wayne schmiegte sich noch enger an sie.
„Ich weiß, du wirst muh nicht mehr lieben", ries sie; „aber es ist so — meine Geschichte ist von ihm, — nur von ihm! O, Marian, wie habe ich dich betrogen! Wenn ich darauf zurückblicke, scheint es mir, als ob ich wahnsinnig gewesen wäre."
Einige Minutetr lang herrschte Schweigen. Marian West, mir totenblassem Gesicht, kniete am Boden und hielt die zitternde, bebende Gestalt an ihr Herz gedrückt. Lord Wahne wußte nicht, was er sagen sollte.
„Erinnerst du dich, Marian", fuhr die flehende Stimme ort, „daß ich einmal mit Mrs. Thornton nach Brighton ns Bad ging? Wir blieben einen ganzen Monat da. Du agtest immer. Liebste, ich sei merkwürdig schweigsam über iliefe Badereise, und der Grund dafür war, — ich traf
ihn in Brighton. Ich traf ihn eines Mends, als wir alle zunt Landungsplatz gegangen waren. Zuerst kannte ich ihn nicht wieder, obschon das hübsche, fesselnde Gesicht mir merkwürdig bekannt vorkam. Den ganzen Abend, Marian, verbrachte er an rneiner Seite, er wich nicht von mir, beständig ruhten seine Blicke auf mir. Ich hatte seinen Namen nicht genau gehört, und erst, als der Abend vorüber, erfuhr ich, daß es dein Verehrer, Edward Aylesford. sei, und dann, dann sagte er, das Unheil sei geschehen." . >
68. Kapitel.
Lady Waynes Geheimnis.
II.
„Marian, du weißt, ich war damals noch ein halbes Kind, und er war ein kluger Mann mit glänzenden Gaben, Liebste. I h mochte ihn zuerst nur deshalb leiden, weil er dich geliebt hatte. Stundenlang pflegten wir von dir zu plaudern. Ec war älter wie ich, vielleicht fünfzehn Jahre. Wie es war, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, mir schien ec mehr ein Held, denn ein gewöhnlicher Mensch.
„Einmal bat ich ihn, mich dir mitteilen zu lassen, daß er hier sei; aber er sah mich sonderbar an und sagte nein, deshalb sägte ich dir nichts davon, Marian."
»Zuerst sprachen nur nur von dir; wie gut, wie edel, wie treu und wahr btt warst; aber eines 'Abends, es war Ebbe am strande,/und wir hatten uns weit von der übrigen Gesellschaft entfernt, da sagte ec mir, daß er mich liebe."
„0, Marian! ist wohl jemand so geliebt worden? Jh erinnere mich seiner strahlenden Zage, des Lichtes in seinen Äugen. Ach, ich war nur ein Kind und wurde von dem Sturme foctgerissen. Ich kann miet) an alles nicht mehr erinnern — es tit mir tote ein Fiebertraum — aber ich weiß noch, er sagte, er liebe mich, wie nie zuvor jemand geliebt ivoroen fei; er vergöttere mich, ec lebe nur in meiner Gegen- ivarst; er denke Tag und Nacht nur ott miet)."
„Ach, und er ivar ein großer, berühmter Staatsmann; ich tvar ein Kuad —• ein träumerisches, phantastisches, törichtes Kuad. Ich liebte ihn mit jener schwärmerischen Verehrung, ivie sie junge Mädchen zuweilen für geistvolle, berühnate Männer empfinden."
„Aber, Marian, obivohl ich in diesem Traume lebte, obwohl seine leidenschaftliche Liebe mich umgab wie die Luft, die ich atmete, so Halle ich doch keinen Gedanken, nicht den entferntesten, dich zu hintergehen, zu betrügen."
-Gleich das erste Mal, wo ec mic in so wilden Worten sagte, daß ec mich liebe, sagte ich: „Laß mich an Marian schreiben; lag inichs Marian mitteilen."
.Ich kann nicht," sagte ec, „wenigstens jetzt noch nicht. Sieh l du, meine Evelyn —• meine süße, schöne Evelyn — vor Jahren, als ich jung war, liebte ich deine Schwester Marian, und sie liebte mich. J h bat sie. mein Weib zu werden, und sie lehnte es ab, weil, ivie sie sagte, du die Anfgabe und den Inhalt ihres Lebens bilbeteit. — du seiest ihr von deiner sterbenden Matter als heiliges Vermächtnis hinterlassen worden und sie könne dich nicht verlassen."
„Ec sagte, ec glaube, du liebtest ihn noch immer, und er könne dir jetzt noch nicht sagen, daß das Kind, wofür du dich selbst geopfert, jetzt deine Nebenbuhlerin geworden sei; er könne dir das jetzt unmöglich mitteilen — wir müßten damit noch warten. Ich war wie Wachs in seinen Händen; kein Gedanke, ihm ungehorsam zu sein, kam mir je in den Sinn. Und doch sehnte ich mich darnach, dir alles initzu- teilen, o, Marian!"
„Waruin hast dii das nicht getan, Eve? All dieser Schrecken, dies Elend, dieser Kummer und dies Unglück wären uns erspart geblieben. O, warum hast du mir nicht vertraut?"
„Nur, weil er sagte, es würde dir das Herz brechen; es sei ein schmählicher Undank für deine Liebe und Güte. Und, Marian, ich weiß jetzt — jetzt kann ich beurteilen — wie er mit seiner Liebe zu mir und feinem Kummer um dich kämpfte. Zuweilen blieb er einen ganzen Tag von mir fort, und dann wieder war ec beinahe von Sinnen. Ec hielt inich dann in seinen Armen, weinte über mich, küßte mir Augen,


