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ocnt, was cs wert ist. Dieselbe Quelle, die ihr Geld liefert, soll cs auch mir liefern."
Sein Ehrgeiz nahm einstweilen keinen höheren Flug, als bis zu dein sehnlichen Wunsche, bei Wettrennen zu erscheinen, bei Hundekämpfen mitzuwetteu, billige Zigarren zu rauchen, einen neuen, dicken Spazierstock, eine Golddoublu- kette und einen dito Ring zu tragen.
„Ich werde daun wie ein richtiger Gentleman ausskhen, dachte er, „und nur bann mein Eigentum schon zu wahren wissen." , „ Y, <
Während er so viel von seiner Zeit vergrubelte und verträumte, ivar Werner voll unverdrossener Uiisdauer bei der Arbeit. Ec war auf beut besten Wege, das Stipendium zti erhalten. Der Eifer, mit den, er sich seinen Büchern und dem Studium hingab, ivar ivirklich ivunderbar. Er war im Sommer mit der Lerche auf und drauhen im Garten nutet den Bäumen; im Winter zusammengehockt bei der Lampe, immer am Studieren, studieren — sonst nichts.
Jack ivürdigte ihn seiner tiefsten Verachtung. „Ein Kerl, der immer die Bücher in der Haiid hat, weife nichts vom Leben," sagte dieser Held. „Du wirft nie dein Salz wett sein, bis du dein vieles Lesen aufgesteckt hast." —
Das Stipendium wurde auf ®rimb einer öffeiitlichen Prüfling verliehen, der die meisten der tonangebenden und führenden Männer des Bezirks beiivohnten. Es war herkömmlicher und nobler Brauch bei ihnen, wenn ein armer Jüngling das Stipendium errang, einen anständigen Beitrag zu den üniversitätskosten zu zeichnen — eilte große Hilfe für solche, deren Eltern nur beschränkte Mittel besaßen.
Große Aufregling herrschte im Städtchen, als die Prüfung begann. Werner hatte schlvcr gearbeitet. Alle seine Hoffnungen ruhten auf bem Ausfall bieser Prüfung. Fiel et durch, so stand ihm nur ein Leben alltäglicher, härter Arbeit bevor, das llltailgcltehntste, tvas es für ihn gab, beim et liebte nichts als bas Studium lind die Bücher. Siegte er, o, bann lag bie ganze Welt vor ihm offen; er konnte wählen, ivelcher königliche Weg bet Wissenschaften ihm gefiel. Die Littcratur zog ihn an. Weint er nur sein Leben zwischen beit geliebten Büchern verbringen konnte, mehr verlangte er nicht. .
Es hatte bem Himmel gefallcit, ihn als Dichter geboren werbe» zu lassen; er konnte nichts bazu. Die Natur hatte auf ihn gelächelt, hatte ihm als Ebenbild seiner Seele ein schönes, vergeistigtes Antlitz gegeben, eine breite, weiße Stirn, gedankenvoll und ideal, strahlende Augen, voll Licht und Schatten, süße, schwellende Lippen, die ein Mädchengesicht geziert haben würben. Ach, hätte es boch jemanden gcgebcli, der auf ihn stolz gewesen, ihm nachgesehen hätte, als et an diesem sonnenhellen Junimorgeit hinausschritt, bie Entscheidungsschlacht seines Lebens zu kämpfen, irgend jemanden, bet ihm aus vollem Herzcit einen Segenswunsch auf seinen Weg mitgegeben hätte!
Die biebere Mrs. Jefferies ivar eifrig im Garten, bei ihrem Gemüse. Jack erklärte bie ganze Sache für eine Plage und Last erster Größe, Jo daß er allein und niedergedrückt von dannen ging.
Das Schulzimmcr war überfüllt; bie Prüfung wurde bewundernswürdig geführt; von Anfang an stand bie öffentliche Meinung zu gunsten Werner's. Sein schönes, lebhaft gerötetes Gesicht, seine blitzenden Augen interessierten und fesselten jeden, der ihn ansah.
Es war eine Frühstückspause für die geladenen Gäst-e vorgesehen, und Sir Collingbourne, ein reicher Gutsbesitzer aus der Ilmgegend, erkundigte sich bei Dr. Cloth angelegent- lichst, wer denn der Knabe mit dem schönen Gesicht und den Locken sei.
„Es ist ein Genie, Sir, dieser Junge," bekräftigte Sir Collingbourne iind schlürfte behaglich ein Glas Madeira. '.Ein Gerne. Ich habe in meinem Leben noch solche Antworten nicht gehört. Wenn der auf die Universität geht, so jvird er dort seinen Weg schon machen. Wir iverden noch wieder von ihm hören. Wer ist cs, sagten Sie?"
„Er heißt Werner Jefferies; seine Mutter ist eine arme Witwe und wohnt Hierselbst."
„Er ist von guter Familie, des bin ich sicher; er hat das Gesicht, das Wesen, das Benehmen eines jungen Pnlnkn»"
Dr. ($(ot() lächelte kopfschüttelnd» „2ch bedauere, romantische Ansicht zerstören zu muffen, Sir Collingbourne; aber es ist nichts Prinzliches um und ait ihm, ausgenommen vielleicht, wie Sie richtig bemerkten, sein Wesen und Benehmen. Sein Batet wett Bahnwärter und verunglückte auf der Eisenbahn. Seine Miitter hat eine kleine Pension, vielleicht von derselben Eifenbahngesellschaft, uitb davon leben fie. Wie a\t sehen, nichts Romantisches."
Sir Collingbourne sah sehr unglaiibig drem. „Ich hatte es nicht geglaubt, wenn Sie's nicht gesagt hätten," sagte er dann. „Ich habe nie einen Jungen gesehen, der mich derartig interessiert hätte."
Die Entscheidung siel erst am folgendeit ^.age, nachdem die Aufsätze geprüft und öffentlich vorgelesen waren, wobei dann der von Werner Jefferies in jeder Beziehung ab- w übet den anderen stehend bcfimbeit ward, wie bet Mond über bie Sterne hervorleuchtet.
Die Entfcheibung ward feierlich von Dr. Cloth verkündet, und ein schallendes Hucrah erhob sich aus der gesamten Schule. Werner hatte gewonnen, und Werner war bei allen beliebt; die Knaben waren zufrieden, und Dr. Cloth selbst >vac entzückt. . ,
„Jxht„, sagte Sir Collingbourne ivurdevoll, „werde >ch etwas" Ordentliches für biefcit Knaben tun. Wußte ich doch, daß er gewinnen würde. Schreiben Sie mich auf, Cloth, nut fünfzig Pfund; und nächstes Iaht will ich meine Zeichnung verdoppeln, wenn et sich gut macht." „
Was Werner felbft angeht, fo kannte feilt Entzücken feine Grenzen. Das Los, das er gefürchtet, war jetzt das scinige nicht mehr. ES schien ihm, die goldenen Tore eines FeenlandeS feien ihm geöffnet und et stehe int Begriffe, m all die Pracht hineinzugehen. Dr. Cloth war sehr hoffnungsvoll in Bezug auf seine ferneren Aussichten und sagte ihm Großes voraus.
„Wenn bu dich für Theologie eittzcheibest, Werner , sagte "er, „wirft du einen guten Freund an Sir Collmg- biirne finden. Er hat zivei Pfründeit zu vergeben."
Aber Werner fugte ihm, er habe keine Neigung zur Theologie. „ Y
Dor Traum meines Lebens i|t, unter Buchern ztt juci(en — vielleicht gar selbst welche zu schreiben. Bon der Zeit an, wo ich noch Kind ivar, habe ich an nichts anderes gedacht."
(Fortsetzung folgt.)
A'S Schlacht Lei Jena und der Acmmtrvkur.
Bon Prof. Dr. Paul Weber, Jena.
Jni Oktober dieses Jahres vollendet sich ein Jähr- hundert feit der verhängnisvollen Doppelniederlage bey preußischen Heeres bet Jena und Auerstedt, lieber die Ursache des Zusammenbruches ist gerade tu diesem Jahre wieder viel geschrieben worden. General v. d. Goltzi in Königsberg hat soeben in seinem großen Werke „Bon bach bis Jena" (Berlin 1906) noch einmal den ganzen Stoff durchgearbeitet und mit mancher irrigen Anschauung aufgeräumt, die dem tapferen preußischen Heere von 18 Unrecht tat. Biele andere interessante Beitrage zur Wur digung der Heeresverfassung, der Kampfeswetse der gesamten damaligen Zeitumstände sind in den letzten Mo- naten in Zeitungsartikeln und Zeitschriftenausfatzen er schienen. Nur einen ganz, kleinen Beitrag zu diesem reichen kulturgeschichtlichen Materiale möchte ich nachsteheud
bringen. Beim Durcharbeiteu der zettgenofsischen Berichte über die Schlacht bei Jena ist mir ausgefallen, welche große Rolle damals der Branntwein spielte. Hier einige c^)nrM^ ^"'l.^Am Tage' vor der Schlacht bei Jena , Wolltenbie dem kiohenloheschen Heere zugeteilten kursachstfchen gruppen abziehen, weil sie ohne alle Perpflegung. waren und seit Tagen hungerten. Der Fürst Hohenlohe suchte sie zu


