Montag den 8. KKLoöer
Mr. 148
1906
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Im Manne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
11. Kapitel.
Jacks Gedanken.
So vorzüglich hatte Jack Jefferies sich schlafend gestellt, daß seine Mutter auch nicht im entferntesten argwöhnte, er könne ihren Besuch gesehen haben.
Aber Jack hatte die Augen geöffnet, er hatte sogar flüchtig gesehen, wie Miß West, den Blick von Tränen halb geblendet, sich über Werner gebeugt hatte.
„Ich bin es nicht/' sagte er sich, „weswegen sie auch immer gekommen sein mag, meinetwegen war cs nicht. Es ist um Werner, und nur um Werner. Warum kommt eine fremde Dame und betrachtet Werner, wenn er schläft?"
Und von diesem Augenblick an verfolgte ihn der Gedanke, daß dahinter notwendig ein Geheimnis stecken, und daß er es herausbekonnuen müsse.
Einmal hiervon vollständig überzeugt, warf er sich mit der ganzen Macht seines verschmitzten, schlauen Gemüts darauf und erwog alles aufs genaueste. Tausend andere Gedanken schossen ihm durch den Kopf und lieferten Stoff zu dem hcü- lodernden Feuer seiner Neugier.
Wie kam cs nur, daß alle Leute sagten, er, Werner, sei ihm so unähnlich? Er glich weder William Jefferies, seiner Frau,.noch seinem Sohne. Wem glich er denn?
Hatte seine Mutter irgend ein Geheimnis in ihren» Leben? War sie zweimal verheiratet gewesen? Nein, das war nicht möglich. Es lag, wie er sie oft hatte sagen hören,. nur ein Jahr zwischen Werner und ihm. Sie konnte doch nicht binnen Jahresfrist seinen Vater verloren, wieder geheiratet und auch ihren zweiten Mann verloren haben.
Außerdem schien das Geheimnis aller Wahrscheinlichkeit nach keinen andern wie nur Werner selbst anzugehen; auf ihn, Jack, hatte cs keinen Bezug. Er glaubte auch nicht, daß das Leben seiner Mutter etwas enthalte, »ras sie ver- gcrgen müsse.
Und doch, wenn cr sich alles überdachte, fanden sich viele dunkle Punkte. Zunächst, obwohl sie sortivährend von seinem Vater sprach, wollte sie doch nie sagen, wo dieser Vater gestorben war. Sie wich dieser Frage immer dadurch aus, daß sie sagte: „Ich kann cs nicht haben, von dem Ort zu sprechen. Frag mich nicht, Jack, es war so schrecklich."
Das hatte ihm Jahre hindurch genügt — aber er wollte sich nicht länger mehr damit zufrieden geben. Er hatte die
ganz bestimmte Ueberzeugung, daß der Hauptschlüssel zu diesem Geheimnis darin läge, den Ort zu finden, wo seine Mutter zur Zeit des Todes seines Vaters gewohnt hatte.
„Und ich werde es herausbekommen, früher oder später," sagte er sich. Mag es zuerst auch Jahre dauern, aber ich werde es schließlich erfahren."
Mit dem richtigen Takt der Verschmitztheit legte er sich auf die Lauer, er sagte seiner Mutter rmd Werner von dem, was er gesehen, kein Wort, aber er war entschlossen, still, gedeckt und sorgfältig aufzupassen.
Das Ergebnis war, daß sein Verdacht sich verstärkte. Es bestand eine fast unmerkliche Verschiedenheit darin, wie seine Mutter Werner, und wie sie ihn behandelte. Er hätte es kaum erklären oder beschreiben können, aber cr sah, daß sie ihn, Jack, am liebsten zu haben schien.
„Es kann ein goldiges Geheimnis sein," sagte sich Jack (so weit war cr mit seinencn Kombinationen schon) —; „wer weiß? Vielleicht kann ich eines Tages dafür, daß ichs bewahre, oder dafür, daß ichs erzähle, Geld bekommen und ohne Arbeit leben. Wie und wovon lebt denn meine Mutter?"
Er fragte sie, und Mrs. Jefferies, innerlich erstaunt rmd verblüfft, rvas dem Jungen wohl im Kopf herumgehe, sagte ihm, — was sie auch sonst jedem auf Befrage sagte — sie habe eine Keine Pension, die mit ihrem Tode aushöre. „Ihr Jungens müßt Euch also in der Schule ordentlich angeben," schloß sie, „und Euch unabhängig von mir machen; unser Vermöge» stirbt mit mir."
„Woher kommt das Geld?" fragte er neugierig. „Du sprichst von dieser Pension, Mutter, wev bezahlt sie und wofür?"
Jähe Furcht befiel sie bei dem Gedanken, weshalb ihr Junge rvohl solche Fragen stelle. Welcher böse Geist der Neugier und des Vorwitzes nahte sich ihm nur?
„Ist cs die Eisenbahn, wo mein Vater augeslellt war?" fuhr er fort, „oder hatte er sich Geld gespart, oder was?"
Mrs. Jefferies Gesicht wurde sehr blaß. „Jack, ich mag solche Fragereien nicht leiden. Jungens wie du müssen solcher müßigen Neugier nicht nachgeben."
„Ich sehe nicht ein, daß diese Frage so neugierig ist," versetzte er grob. „Die meisten Jungens wissen, wie ihre Eltern leben. Warum sollte ichs nicht wissen?"
„Weil, ganz egal, was andere Jungens wissen, cs deine Pflicht ist, mir zu vertrauen, und mich nicht mit unnützen Fragen zu belästigen."
„Na, auch gut," gab er scheinbar unbekümmert zurück und ging pfeifend wieder aus der Küche. „Ich war vorher noch nicht sicher," dachte er bei sich, „aber jetzt bin ichs. Es ist also ein Geheimnis vorhanden, und meine Mutter lebt von


