Ausgabe 
8.9.1906
 
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Mt, trinkt und Solo spielt, während nach altem Her- konunen für derlei Ausschweifungen nur bie Markttage be­stimmt sind; er ist auch unzufrieden darüber, daß dre Kom­mune den Bau eines neuen, gelegenem Spritzenhauses be­schlossen hat und gar beabsichtigt, die Kätner und chnsten der timt den Hufnern gegründeten gegenstitigen Blehver- sicherung beitreten §u lassen. Unter solchen Berhaltniyen geht er lieber gar nicht mehr in die Versammlungen.

Kau hat für den Fremden etwas schroff Stolzes, das läßt sich nicht leugnen; aber diese Schroffheit, welche auch der weniger Begüterte int Torfe empfindet, hat ihren Ur- sprimg in jenem auf reeller Grundlage basierendem Selbst­gefühl, das eine ganze Reihe achtungswürdiger Eigen­schaften erzeugt. Die vornehmste ist seine eiserne Willens- lraft, seine um mit dem Sänger der Römeroden zu sprechen tenaeitas propositi, die freilich hier und da in Eigensinn ausartet, der er aber in erster Linte das Wachstum seines Wohlstandes verdankt. Was er sich in bett Kopf gesetzt hat, führt er auch dilrch im großen und kleinen. Er wollte fein Gewese, das heute den Umfang einer Hufe bedeutend überschritten, durch Zukauf der zwanzig Tonnen arrondieren; endlich wurde der Hof, zu welchem sie gehörten,ausgeschlachtet"; einige Nachbarn hatten ihr Äugenmerk auf dasselbe Stück Land gerichtet nnd versuchten, es 'ihm streitig zu machen; aber Kay tat ein Gebot, das jeden anderen verstummen machte; das Land ward sein und er läßt es nicht wieder los. Diese Willenskraft ihres Herrn kennen die Knechte; mag manchem auch hier und da ein Zweifel darüber aufsteigen, ob die Disposition des Alten die praktischste, ja ülerhaupt eine ausführbare ist, sie wagen kein Widerwort; es würde doch fruchtlos sein. Mögen die übrigen Bauern den Kopf schütteln oder ihm das ihrer Ansicht nach Falsche seiner Bewirtschaftung Vor­halten, ihr Widerspruch ist höchstens imstande, Kay in seiner Ansicht zu bestärken. Wenn alle anderen ihre Rübsen schon zu Anfang des September säen, Kay wartet bis zum fünf­zehnten; er hat's immer so gemacht, und von alten Regeln abzuweichen, hält er geradezu für Frevel. Geht dann alles richtig und glatt nach seinem Willen, so ist er zufrieden gestimmt, ja in das sichtbar zur Schau getragene Gefühl der Befriedigung mischt sich ein Stückchen Humor, den er an Weib. Söhnen und Gesinde ansläßt. Wenn er dann mittags bet Tisck' sitzt, den Rock der Schonung halber ausgezogen, sodaß die gewaltigen Arme in der violetten Hülle der Unter­jacke sichtbar werden, daun läßt er sich selbst zu allerlei Neckereien herbei. Seinen Leuten gegenüber befleißigt Kay sich überhaupt eines ausgeprägten Gerechtigkeitssinnes; er . kann bodenlos grob werden, handelt jemand seinem Wunsch und Willen zuwider; aber Knechte und Mägde sind für ihn familtenberechtiat, falls sie ihre Arbeit gewissenhaft erfüllen und eine unbedingte Forderung seines Selbstgefühls ihm, als dem Oberhaupt der Familie, den nötigen Respekt erweisen. t _

Bet der Arbeit ist Kay der festen Ueberzeugung, daß ohne ihn die Wirtschaft nicht gehtkeinem, selbst seinen erwachsenen Söhnen nicht, traut er die richtige Leitung zu; es kostet ihm daher außerordentliche Ueberwindung, sich, wenn auch nur für einen Tag, von seinen vier Pfählen los- zuniachen. Es muß schon ein ganz besonders wichtiges Ge­schäft sein, das ihn veranlaßt, feinen Wagen anzuschirren und "über Land zu fahren, oder denn auch in solchen Fällen schont er gern seine Pferde sich zn Fuß au: den Weg nach dem Dorfe zu machen, wo das Pferd- die Kuh loiber das Kalb, nach dem sein Sinn steht, zn ver- kaufen ist. Sonst ist er stets daheim bei der Arbeit und zwar meist aktiv beschäftigt, seltener und zu Weniger Hilden" Zeiten den Aufsichtsdienst versehend. Morgens nach dem ersten Frühstück, mittags nach einem kurzen Schläfchen reitet Kay mit seinen zwei Pferden, gefolgt von den Knech­ten, auf den Acker hinaus, zieht wie jeder Arbeiter den Rock aus, schirrt seine Pferde vor Egge und Pflng, und nun gehts von morgen bis mittag, von mittag bis abend auf und nieder; sein eigenes Tempo Bei der Arbeit schreibt dem Knechte das feinige vor. Oder er geht, den Saatsack über die Schultern gehängt, die Koppel aus und ab, Weizen und Roggen im Herbste, Gerste und Hafer im Frühjahr mit eigener Hand äussäend. Denn das Säen mit der Hand traut er sich selbst am sichersten zu; das Nacheggen überläßt er Knecht und Taglöhner, deren Arbeit er bei alledem noch übersehen kann. ,

Sein zweiter Sohn hat manchmal viel auszuhalten;

er hat sich in einen Bauernhof hineingeheiratet; und nun überwacht der Vater genau die Art der Bewirtschaftung, die keineswegs allemal nach seinem Sinn ist. Denn der Sohn arbeitet nach der neuen Manier mit Maschinen und künstlichen Tnng- und Futtermitteln, und so etivas fordert die absälliae Kritik des Alten, der gern um Rat gefragt sein mäh, "heraus. Jede landwirtschaftliche Unterredung endigt mit entern Streit, jedesmal schwört KG, er wolle ich überhaupt nicht mehr um seines Sohnes Treiben und Tun kümmern und ärgern, und jedesinal kümmert nnd ärgert er sich andern Tags von neuem; der Sohn geht dem Blaer möglichst aus dem Wege oder sucht wenigstens das Gespräch von streiticien Gegenständen abzulenken. Doch der alle Kay läßt nicht nach; er läuft ihm nach und sucht ihn auf, wo er ihn gerade vermutet, in Scheune, Ställen und auf dem Felde. Eben hat er ihn gerade auf der, Koppel ertappt, wie er einen neuen vierscharigen Pflug, diese verhaßte Er­findung, probierte; das hat ihn außerordentlich aufgeregt, und darum sieht sein Gesicht noch einige Schattierungen dunkler aus, als es Wind und Wetter sonst zn färben pflegen. Augenblicklich ist nicht gut Kirschen essen mit dem alten Kay. _______

Der Mann für alles.

JinPester Journal" veröffentlicht Eva Hellwig Amerikanische Bilder", in denen sie auch die Dienstboten Misere streift, eine Seite des hauswiri- schaftlichen Lebens, in der es unsere Vettern jenseits des Atlantic nicht besser haben als wir. Nach zwei Richtungen aber hat der praktische Sinn der Amerikaner doch vorteil­hafte Neuerungen geschaffen: Er hat zunächst die Zeugnisse abgeichafst, diese Atteste, die man nicht lvahrheitsgetreu ausstellen darf, um den Dienenden in ihrer Existenz nicht hinderlich zu fein, und die daher aller Vernunft wider- streiteu. Die dienstbaren Geister, die man durch Bureaus oder durch die Zeitungsannonce gefunden hat, geben die Namen und Adressen ihrer vorherigen Drenstplatze als Referenzen an und mau erkundigt sich persönlich oder tele­phonisch, wenn man sich nicht auf seinen Scharfblick oder feine Menschenkenntnis verlassen will. Sodann Hst sich m Amerika, speziell in Newyork als neuer Erwerbszwerg der männliche Tienstbote eingeführt, der Mann für- alles", nach dem gegenwärtig eine außerordentliche Nach­frage herrscht. Die Verfasserin berichtet darüber:Im An­zeigenteil der Tägesblätter" erscheint derMann für alles" schon in seiner neuen dominierenden Stellung. Der zag­hafte Ruf nach Mädchen, die bei einem Gehalt von fünf­undachtzig Mark pro Monat bei einem kinderlosen Ehepaar, wo weder Waschen noch Bügeln verlangt wird, ein gutes Heim findeu, erstirbt langsam nnd es tritt der Mann das Erbe der Mädchen an. IN den Tagesblättern begegnet mail täglich Inseraten folgenden Inhalts:

G e s u ch t. Ein Mann für allgemeine Hausarbeit zu einer kleinen Familie. Angenehmes Heim; er muß nett, arveil,am und willig fein. Gehalt 20 bis 2o Dollars (80 bis 100 tt.) per Monat."

G esucht. Ein Mann für allgemeine Hausarbeit m eine Privatfamilie; gutes Heim, gute Behandlung, Lohn nach Ueber- einkommen." . , Y .

Gesu ch t. Ein Mann für alles in mittleren Jahren, der sich in einer kleinen Familie nützlich machen kann. aO Eeuts (2 Mary täglich und Verpflegung." ..

Auch in den Vermittlungsbureaus ist der manulichc Tienstbote ein sehr begehrter Artikel. Bisher war der Mann nur in den Küchen der Restaurailts und Hotels eine alltägliche Erscheinung. Das Cafe Fleischmann am Broad­way in Newyork galt stets als erste Station der aristo­kratischen Emigranten auf amerikanischem Boden. Der Ge­schirrwäscher fing da beim Baron an und her Kellner horte beim Grafen ans. Ja es kann als notorische Tatsache, be­zeichnet werden, daß dort sogar ein vollblütiger Prinz einmal in der Tätigkeit eines Eßzeugputzers gesehen wurde. Aber das Heim der Familie wurde bis fetzt dem Mädckeu Vorbehalten. Und nun auf einmal erscheint der Manu, um die traditionellen Rechte des Mädchens zu usurpieren. Er hantiert in der Privatküche wie auch urt Schlafgemach. Er weiß sich überall nützlich zu machen. Seine Uebcrlegenheit einem Mädchen gegenüber wird fühlbar, denn feine Verläßlichkeit mag wohl der natürlichen Intelligenz entspringen. Ein Mädchen der dienenden Kategorie wird, wenn es intelligent ist, sich gleich für zu gut fühlen, um Hausarbeit zu tun, sie wird lieber Verkäuferin. WaMnen-,