Ausgabe 
8.9.1906
 
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Unangenehme sagt. Sie ist doch meiner einzigen Schwester einziges Kind imb Hannchen hat sich auch manches anders gedacht, als Du zu^ihr kamst. Und sie war doch auch gut zu Dir, vergiß das nicht. Lucie ist gewiß ein gutes Mädchen, wenn sie auch äußerlich oft hart erscheint. Ich bitte Dich sehr, liebe Della, tue cs mir zu Liebe. Vater meint auch, wir sollen nicht richten, auf daß wir nicht gerichtet werden. Sie bringt Dir auch viele Grüße von uns und sie bleibt ja nur ein paar Stunden in Berlin. Im Schlüsse waren sie sehr nett mit ihr und vielleicht hätte sie noch dableibeu tönnen aber denke Dir, ich weiß gar nicht, ob sie cs ihr gesagt haben, denn cs soll noch Geheininis bleiben, aber es ist eine Freudenbotschaft und darum verrate ich es dir . . Graf Guido kommt zurück. In wenigen Tagen schon. Ganz gesund. Graf Alfons hat cS Papa und dem Physikus selbst gesagt.

Aber nochmals, liebes Dellchcn, vergiß nicht wegen Lucie. Papa grüßt dich vielmals und ach, Dellchcn, ich trau mich gar nicht, es zu schreiben, Papa meint und ich auch, Du solltest doch Tante Hannchen regelmäßig monatlich . . . na, Du weißt schon alles.

Deine Dich liebende Mutter."

Lucie hielt den Brief verlegen in der Hand und beide blickten sich wortlos an.

Endlich faßte Della sich ein Herz und sagte:Was meine Eltern wünschen, ist stets nur das Rechte. Ich bin glücklich, tvenn sie einmal einen Wunsch aussprechen. Und unter so nahen Verwandten ist es ja selbstverständlich. Ich werde das Nötige sofort veranlassen, Tante kann ganz be­ruhigt sein."

Lucie wurde bei ihren Worten wieder zutraulicher.

Ach, tveißt du, Della, dann brauche ich ja nichts mehr zu sagen und kann Dich verlassen. Ich habe noch einiges zu besorgen und will Dich auch nicht länger stören, und das kannst Du glauben, wenn wirs nicht nötig hätten . . ."

Verliere doch kein Wort weiter darüber."

Ja, und weißt du, tvenn Graf Guido wieder gesund ist und geschieden ist er auch . . ."

Della tvurde unruhig. Wo wollte sie hinaus?

Teresa hat mir Verschiedenes anvertraut, Gott, man kann nie tvissen unmöglich ists ja nicht, daß alle Grafen Gicrsdorf Schauspielerinnen heiraten."

Es schien, als wolle sie ausfahren, dann aber, als lohne es nicht, gegen soviel Dummheit und Taktlosigkeit anzu­kämpfen, sagte sie nur:Wann willst du abreisen?"

Ihr Mitleid war größer als ihr Widerwille.

Heut nachmittag. Aber jetzt will ich mich verabschieden.

Ich danke dir für die gute Aufnahme und wegen Mama .." Es ist alles in Ordnung I Grüße Taute von mir und lebe wohl!" Sie hatte sie hinausbegleitet; als sie in den Salon zurückkchrte, schien ihr der heitere Helle Raum grau und düster. Das Frühlingsbild ringsum hatte nichts ver­loren von seinem sonnendurchlohtcn Glanze, aber vor ihren Frühling halten sich wieder einmal düstere Schatten gelagert. (Schluß folgt.)

Kin niederdeutscher Dauer vom alten Schlage.

Wie wuchtig und behäbig er dort über die Stoppeln geschritten kommt, der alte Kay! Wie riesenhaft sich vom herbstlichen Abendhimmel der Körper abhebt, etwas rechts- übergeneigi nach der Wetterseite, sich anstemmend gegen die Macht des Sturmwinds! Ganz so groß und breit, wie's von weitem scheint, ist er zwar nicht; die Gestalt nimmt an Umfang ab, je näher sie kommt. Aber dennoch! ein Hüne ist und bleibt er; seine sechs Schuh und einige Zoll mißt er reichlich, und von Schulter zu Schulter fehlt wenig an drei Fuß. Daß auch der Bauch eine stattliche Rundung ausweift, vergißt man schier ob der übrigen Dimensionen. Wie er so vor uns steht, nach kurzem, rauhent Gruß, den schweren Körper rücklings auf den anderthalbzölligen Eisen­stab gestützt, von oben bis unten in rohen, eigengemachten Stoff gekleidet, die Hosen bis an den Rand der Stieselschäfte HUfgekrempt, die Weste bis unters Kinn zugeknöpft, darüber Ken offenen, weiten Rock altmodischen Schnitts: wahp-

hastig! er ist ein Prachtstück nordisch-kräftigen Menschen­tums, der alte Kay.

Das heißt, so alt ist er eigentlich nach ländlichen Be- qrikfen noch gar nicht. Wohl zählt er einige sechzig; aber das glattrasierte Gesicht, das zwischen dem dicken, rot­braunen gestrickten Schal und dem breiten Schrrm der grauen, filzigen Wintermütze hervorschaut, ist von blühen­der Farbe, nur von zwei energischen Falten gefurcht; das vom Wetter heute wirr um die Schläfen gepreßte Haar ist zwar grau, aber noch lange nicht weiß, und das Auge verrät noch dieselbe energische Kraft, von der die ganze Gestalt strotzt. Und doch nennt ihn jeder den alten Kay. Freilich hat er auch schon zwei erwachsene Söhne int Dorf, baumlange, breite Riesen, wie er selbst, nur noch etivas schlanker, die beide bei den Franzer Grenadieren gedient. Tic Hauptsache aber ist, Kay ist noch ein Bauers­mann von der alten Sorte, nitempfänglich gegen die Neuer­ungen in der Landwirtschaft, das Einschleichen fremder, städtischer Moden mit Verachtung betrachtend; in seinem Leben trug er keinen leinenen Kragen, geschweige denn Vor­hemd und Handmanschetten.He is eegensinnig as Hans Peter; de schnll an'n Galgen im wull nich", sagen die jünaeren von ihm, wenn er sich den Vorteilen landwirtschaft­licher Konsumvereine starr verschließt oder sich seinen neuen Rock absolut bei niemand anders machen lassen will, als Bet dein Dorfschneider, der mit ihm zur Schule gegangen, und dessen Schnittmuster ebenso alt sind, tote er selbst. Aber einerlei! Die vollste Ächtung genießt Kay gleichwohl bet den Dorfbewohnern und in der ganzen Umgegend; abge­sehen von einigen Grobheiten hat er sich nie etwas zu schulden kommen lassen, hat einen Tag wie den andern ge­lebt und geschafft, hat bei seinem Systemnach der alten Mode" Erfolge errungen, gilt als wohlhabend nnd prakttfch und hat in den Slugen der anderen nnr den einen Fehler, daß er ebeneigensinttig" ist undaltmodisch".

Wir aber freuen uns über solche seltenen Reste vom Fleisch und Blut des alten holsteinischen Bauernstammes, wie der alte Kap repräsentiert; nicht der romantischen Er- innerung wegen an die gute alte Zeit, etwa wie wir uns des Postwagens und seiner Reize erinnern, sondern weil der individuelle Charakter eines solchen ländlichen Originals Nits unbedingt int ganzen genommen imponieren muß. Der alte Kay besitzt ein scharf ausgeprägtes Selbstgefühl mit allen resultierenden Zügen nnd Betätigungen in vollem Maße; er ist Besitzer des Hofes, den seine Urgroßväter bereits bewohnten, hat alle Nenernngen schlechtiveg von der Hand gewiesen und also aus eigener Kraft die paar Tausend Spezies und die zwanzig Tonnen Landes erworben, durch welche das Vermögen der Bauernstelle verstärkt ist unter seinem Regime. Das will er wissen und danach richtet sich sein ganzes Gebühren. Wer etwa denkt, daß Kay sich ge­schmeichelt fühlt, wenn der Fremde sich herabläßt, mit ihm zu reden, der irrt sich. Im Gegenteil! Kay geht ihm, so lange er kann, ans dem Wege; er fürchtet, der Fremde könnte es an der verdiettten Ehrerbietung mangeln lassen und gar.etwas vondummen Bauern" denken. Kann er jedoch einem Gespräch nicht entgehen, so verhält er sich reserviert, mißtrauisch, seine Mttwvrten sind ebenso kurz und barsch, wie sein ernster GruU bet dem er kaum die Mütze etwas lüstete. Erst wenn man das Gespräch auf seine eigene Wirtschaft bringt und cs an Worten der Anerkennung nicht fehlen läßt, tant er allmählich auf und beginnt, sich wohlgefällig im eigenen Glorienschein zu sonnen. Natürlich verfehlt er auch nicht, auf die abnehntende Rentabilität der Landwirtschaft einzugehen, die Schuld auf all den nigen Kram" schiebend; aber sobald der Fremde selbst ihm beistimmt und'etwa ihn bedauert, wird er sofort andern Sinnes; er klopft aus die Hosentasche und läßt die Taler klimpern, mit ihm, dem reichen Kay, hat's keine Not, er kann's machen, aber er ist ja auch eilt ganz anderer Kerl wie alle die anderen, deren Tun und Treiben er überall be­krittelt. Ihm paßt es nicht, daß der eine Nachbar mit der Maschine anstatt mit der Hand sät, noch daß der andere seine Leute abends nach Feierabend in einem besonderen Ztmmer unterbringt, anstatt sie der alten guten Sitte gemäß in der gemeinschaftlichen Wohnstube zu versammeln; er halt es für widersinnig, daß dieser seinen Anzug in der Stadt hat machen lassen aus modernem Stofs und vom modernen Schneider, während doch das eigengemachte Zeug besser halt und der Dorfschneider dauerhafter arbeitet; er findet es unerhört, daß jener jeden Sonntag abend int Wirtshaus