M 13I
1906
Samstag den 8. S-ptemker
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Zer Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Dann kostete sie und sagte: „Famos!"
„Auf dein Wohl, Lueie, und das unserer Lieben!"
Sie wurde nun doch ciivas ungeduldig.
„Und meine Eltern sind gesund? Sie schreiben zwar ost, aber so direkte Nachrichten sind doch noch zuverlässiger."
„Ja, ich danke! Tante und Onkel sind ganz wohl. Ich sah sie ein paarmal in der Woche, war auch einige Male zu Tisch unten . . . Tante kochte dann meine Lieblingsgerichte: Schlesisches Himmelreich, Birnen mit Klößen . . . weißt du, auf die feinen Diners oben im Schlosse schmeckte das erst recht gut . . . meinst du nicht auch?"
„Gewiß!" Sie wollte versuchen, sic durch Einsilbigkeit zum Sprechen zu bringen. Das gelang.
„Ja, und Teresa hält sehr auf feine Küche. Ach, richtig, ich muß dir noch erzählen, von Gicrsdorf erzählen. Also, daß Teresa Streitmann den Grasen Alfons geheiratet hat, weißt du ja! Denke dir, dieses immense Glück. Teresa ist aber gar nicht stolz geworden, trotzdem sie Gräfin ist . . . eigentlich, weißt du, Mama hat immer gesagt, das hätte dir gebührt."
Cie trank ihr Glas ans, das Della sofort wieder füllte.
„Da ihr beide Schauspielerinnen seid, so wäre es doch viel natürlicher gewesen, wenn dich ein Gicrsdorf geheiratet hätte. Aber das ist Glückssache. Teresa hats mt mal! Und sehr reizend und kokett und liebenswürdig ist sie ja. Du, das hab ich damals schon bemerkt, als ich in Berlin war bei deinem Gastspiel. Sie wußte, was sie beim Theater will, sagte Mama. Und durchgesetzt hat sie es!" Sie war jetzt im Zuge.
„Seit August ist sie Gräfin. Ein Jahr beinahe. Sie wohnen in Gicrsdorf, weil Graf Alfons seinen Bruder vertritt, der krank ist."
Della unterdrückte einen Seufzer.
„Wenn er zurückkommt, machen sie erst 'ne große Reise. Hochzeitsreise, sagt Graf Alfons! Du, er ist schrecklich verliebt! Er macht noch nach einjähriger Ehe oder länger ne Hochzeitsreise."
Sie lachte mit frivolem Schmunzeln, sodaß Della verlegen aufblickte. Erst in diesem Augenblick wurde sie gewahr, tvie altjüngferlich und dabei heimlich lüstern ihre Cousine aussah. Ein Gefühl des Mitleids beschlich sie.
So also werden die ehelosen Mädchen, die sich nicht nützlich zu machen verstehen, keinen Beruf haben, kein festes Lebensziel? Die überflüssig, untätig sich überall Kerumdrücken.
sich schieben und stoßen lassen und nur geduldet sind, wenn sie recht demütig und klug sich den Launen anderer anpassen! Schmarotzerpflanzen! Parasiten!
Tiefer Widerwille erfaßte sie und fast unmutig fragte sie:
„Und was hattest du eigentlich im Schloß Giersdorf zu tun?"
„Gott, Gesellschaft leisten sollte ich Teresa!! Sie hatte mich eingcladcn. Sic langwcilte sich wohl. Sie hatte es mir übrigens schon vor der Hochzeit, die in Dresden stattfand, versprochen. Ganz klein, Standesamt nur und dann Trauung in der Kirche. Nur der jüngste Bruder war dabei. Der andere ist krank und die Schwester konnte nicht kommen."
„Ja ... ja ... ich weiß," sagte sie zerstreut und erhob sich vom Tische.
„Wozu fragst du denn und willst, daß ich erzähle? Bon den interessanten Dingen, die die Teresa mir zum besten gab, willst du doch gewiß nichts wissen?!" . . . Sie kicherte geheimnisvoll.
„Nein!" gab sie hart zurück.
„Na also! Eins weißt du, das andere willst nicht wissen oder weißt es vielleicht auch, da du doch ebenfalls von: Theater bist."
Die Haltung, die Della in den letzten Minuten angenommen hatte, rciztc ihre Bosheit.
„Elegant sicht cs bei dir auch aus!"
Sie ließ den Blick umherschwcifcn. „Beinahe so wie bei Teresa Streitmann, als sie noch in der Ncustädtischen Kirchstraße wohnte und dort die Besuche vom Grafen Alfons empfing und . . . Wittelsbach! Ich habe ihn selbst dort getroffen."
„Lucie!" Ausruf und Gebärde waren so abweisend, daß diese zusammcnfuhr. Vielleicht war sie doch zu weit gegangen.
„Gott, tu dich nicht so..." suchte sie halb trotzig, halb kleinlaut einzulenken. „Erst bist du wunder wie nett, und dann beißt du mit einemmal die Stolze raus. So hast dus aber immer gemacht. Schon in Dresden, als wir dich noch zur Ausbildung anfgenommen hatten. Undank ist der Welt Lohn! Mama hat es immer gesagt. Und ich sollte es auch Onkel und Tante ausrichten."
In dicsem Augenblick brachte das Mädchen einen Brief.
Della hatte die Handschrift der Mutter erkannt. Sie entfaltete ihn sofort und las ihn durch. Dann reichte sie ihn ohne ein Wort hinzuzufügen, Lucie.
Diese blickte neugierig hinein. Cr enthielt nur wenige Zeilen:
„Teuerstes Dellchen!
Wenn Lucie heut zu Dir kommt, sei gut und lieb zu ihr. Lasse Dich nicht beirren, wenn sie Dir auch manches


