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etlichen Jahren ein lebensüberdrüssiger Jüngling sich tn den 160 Meter hohen Kegon-Wasserfalt bei Nikko stürzte, fand er viele Nachahmer. Es wurde das eine Zeitlang geradezu Mode unter neurasthenischen oder blasierten Studenten. Offenbar schien diese Todesart in ihren Augen interessaut. Nachdem indessen die Presse nur herben Tadel und Spott für solche Torheit hatte und nachdem am Wassersall selbst eine Inschrift in ähnlichem Sinne angebracht war, wurden diese Selbstmorde seltener. Aber ein erfinderischer Junge hatte eine noch großartigere Idee. Er erklomm den 2500 Meter hohen Vulkan Äsama und stürzte sich in den feurigen Riesenschlund. Auch das wirkte psychisch ansteckend; denn bald darauf hörte man von einem zweiten Fall.
Vermischtes.
* Ein obrigkeitliches Verbot gegen die Zeitungsente. Ein Dokument des Rates der Freien Reichsstadt Frankfurt, das vor ca. 160 Jahren am 16. Februar 1745 erlassen wurde, lautet: Obenerwähntes Dekret war ein „Verbot Unbesonnenheiten und Unwahrheiten in den Zeitungen einzurücken, oder satyrische und injuriöse Tractaten zu verbreiten" und lautete: „NAchdem einem Hoch-Edlen und Hochweisen Rat des Heil. Reichs Freyen Stadt Franckfurt am Mahn, einige Zeit hero sehr verdrüßlich und höchst ärgerlich vorgekommen, daß nicht allein verschiedentlich in denen ordentlichen Zeitungen aller- ley utibesonnene auch ohnerfindliche Dinge eingerucket werden, sondern auch, aller dagegen mehrmals vorgekehrtcr Conficationcn und Obrigkeitlicher Verordnungen ohnerachtet, demwch mittelst anderer zuni Vorschein kommenden gedruckten Wochenblättern und dergleichen Dingen, allerley satyrische, größtenteils abgeschmackte, und bloß um eines geringen Profits der Verfasser und Drucker halber, ohnbesonnener Weise, öffters sogar dem schuldigsten Respekt und unterthänigster Devotion grosser Potentaten und gecrön- ter Häupter zu nahe trettende kleine Piecen in das Publicum sträfflich diivulgiret werden, die so gar meisten theils auf einem offenbaren Ungrund oder blossen Vermuthun'gen beruhen; Mso läfset in Krafft dieses gedruckten Edicts und offenen Anschlags vorbesagter ein Hoch-Edler und Hochweiser Rath alle hiesigen Zeitungsverleger, Buchdrucker und zumahlen diejenigen Gängler, so mit allerley kleinen Tractätlein und dergleichen gedruckten Blättern in der Stadt herum gehen, überhaupt auch alle und jede Dero Bürgere,. Beysassen und Einwohnern, wohlmeynend und ernstlich erinnern, sich dessen allen, wie vorstehet, bey Vermeydung ernsthasfter Obrigkeitlicher ohnseUbarer Bestraffung zu enthalten, und sich deren keines zu Schulen kommen zu lassen. Geschlossen bey Raths, Dienstags, den 16 ten Februarii, 1745.
* Chinesische Studenten. In Japan studieren zurzeit 8000 chinesische Studenten und von diesen nahezu 98 v. H. allein in Tokio. Daß das zu unhaltbaren Verhältnissen führen mußte, liegt auf der Hand. Die japanische Regierung, der sonst die Invasion aus politischen Gründen nicht grade unangenehm ist, mußte zum Schutz der eigenen Studenten nolens volens Maßregeln treffen, die den Chinesen so unbequem schienen, daß ein Teil von ihnen streikte und grollend in die Heimat zurückkehrte. Diese Maßregeln sind in erster Linie wissenschaftlicher, dann aber auch disziplinärer Art gewesen, da die jungen Herren in erotischer Hinsicht bedenklich über die Stränge schlugen. Immerhin sind kaum mehr als 500 Chinesen wieder sortgewandert. Aber unter, den Zurückgebliebenen ist nun eine politische, rein nationale Gärung , ausgebrochen, die sie in drei Parteien gespalten hat und die Gastfreundschaft der Japaner auf eine harte Probe stellt. _ Es scheint allerdings, daß der Massenzufluß die Hochflut bereits überschritten hat, denn die Chinesen können wissenschaftlich kaum auf die Kosten kommen, da in Tokio mcht ausreichend Dozenten vorhanden sind, die in chinesischer Sprache unterrichten könnten, und die Erlernung des Japanischen immerhin eine Zeit erfordert, die sich bei deni verhältnismäßig kurzen Aufenthalt in Tokio kaum abstoßen läßt.
* Soll man nach dem Essen ruhen? Die einen sa^en ja, die anderen nein. Jene Berufen sich auf das föet« Mbl der Tiere, die nach erfolgter Sättigung alle Viere von sich strecken, diese meinen dagegen, daß der Schlaf die Verdauung beeinttüchtigt, dadurch weiterhin den Appetit stört und di« Neigung zum Schlagfluß befördert. Die letztere Anschauung muß tedenfalls schon recht alt sein, wie das lateinische Sprichwort kehrt; Post coenam stabis seu paffus mille meabis, zu Deutsch: ^ach dem Essen sollst Du stehen oder tausend Schritte gehen". Auch steht dies Sprichwort im „Götz von Berlichingen" jedenfalls an der rechten Stelle, wenn es vom Dr. Olearius dem dicken Äbt von Fulda als Ratschlag geboten wird, wozu Liebetraut bemerkt: „Wahrhaftig, das Sitzen ist Ihnen nicht gesund. Sie "fegen Noch einen Schlagfluß", woraus der Abt sich dann auch wirklich „aufhebt", wie Goethe bedeutungsvoll vorschreibt. Schließ- Uch aber kann nur die wissenschaftliche Untersuchung einwandfrei feststellen, wer von den beiden Parteien recht hat. Dr. Schule aus Freiburg hat auf chemischem Wege einen sicheren Schluß herbeizufuhren versucht. Zwei Personen mit ganz gesundem wcagen wurde der Mageninhalt einige Stunden nach der Mahlzeit
wieder entnommen, nachdenk eine geschlafen, die andere nur eine geringfügige Ruhe genossen hatte. Die Prüfung des Mageninhalts veranlaßte Dr. Schule zu der Angabe, daß der Schlaf nach der Mahlzeit immer die Wirkung hat, die Beweglichkeit des Magens abzuschwächen und gleichzeitig die Entwicklung von Magensäure zu steigern. Die einfache Ruhe in wagerechter Lage ohne Schlaf vermehrt dagegen die Tätigkeit des Magens ohne Zunahme der Magensäure. Daraus würde man schließen, daß es vorteilhaft ist, sich nach dem Mahl ausznstrecken, daß es aber nicht nötig ist, wirklich zu schlafen. Der Schlaf wird insbesondere von Personen zu vermeiden sein, die einen erweiterten Magen besitzen oder schon mit einem Ueberschuß von Magen- fäure zu schaffen haben. (B. B. C.)
* Der Handschuh als Toiletten -Necessaire. Es ist noch nicht lange her, daß ein Pariser Juwelier — einer von denen, die die Macht haben, eine Mode zum Gesetze zn erheben — es als unerläßlich für jede schöne Frau erklärte, wenn sie in Gesellschaft ginge, in ihrem Handschuh ein winziges Spiegelchen aus Silber oder Gold zu bergen, das ihr dazu dienen sollte, sich unbemerkt durch einen schnellen Blick hin und wieder davon zu überzeugen, ob nichts an ihrem Kostüme deraugiert sei, ob ihre Coiffure nicht die Fasson verloren habe und ob sie etwa die Röte ihres erhitzten Teints durch einen leichten Puderhauch abtönen müsse. Es scheint nun, als sei der Handschuh überhaupt bestimmt, sich zu einer Art von Toiletten- Necessaire en mininhire auszubilden. Denn in diesem Winter ist der Handschuh auch als der Behälter eines jedenfalls weniger entbehrlichen und nützlicheren Toiletten-Requisits in die Mode gekommen, — des Taschentuchs nämlich. Und zwar nicht nur in Paris. Auch in London und auch in Berlin fabriziert man jetzt eine Sorte winziger, ans durchsichtigem Battiste hergestellter Taschentücher, die ein schmaler, aber um so kostbarerer Spitzenrand umsäumt, und die, zusammengefaltet, ganz bequem in dem Handschuh selbst der kleinsten und zierlichsten Hand Platz finden können. Es liegt auf der Hand — der Ausdruck paßt hier einmal wörtlich — daß diese neue Mode viele Bequemlichkeiten bietet. Bisher waren Ball-Toilette und Taschentücher Begriffe, die sich so ziemlich gegenseittg ausschlossen, woraus dann leicht manche Verlegenheit entstand. Fetzt ist das Rätsel aus praktische und graziöse Art gelöst worden. Und es ist daher kein Wunder, daß das „Taschentuch im Handschuh" anfängt, sich als Brauch nicht nur in den Ständen einznbürgern, die das Privileg des Mode-Raffinements besitzen.
Für die Küche.
— M a n g o r, A. M., Das E i n m a ch e n von Früchten und G e m ü f e u. Hannover, Verlag von Otto Tobies. Preis geb. Mk. 1.80 — Das Buch ist von Therese Lorck nach der dänischen Originalausgabe unter Anpassung an deutsche Verhältnisse übersetzt. Großer, schöner, klarer Druck und gutes Papier zeichnen dieses Buch schon äußerlich vorteilhaft aus. Es bietet in, volkstümlicher Schreibweise über das Einmachen von Früchten im allgemeinen, über Gefäße und Geräte, über das Auibewahren des Eingemachten u. s. w. eine übersichtlich geordnete Auswahl erprobter Rezepte, die jeder Hausfrau willkommene Fingerzeige geben. Für die Brauchbarkeit des Buches bürgen auch gewiß die 33 Auf- 1 eigen, die es bei unseren nordischen Nachbarn, deren Kochkunst ja als vorzüglich bekannt ist, erlebt hat.
Werst eÜ-Rätsel.
Nachdruck verboten..
Man juche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer".
Weizengarbe — Lochbeitel — Balsam — Eitelkeit — Kriegslist — Dienstag — Heugabel — Sammctweste — Solothurn — Gntsverwalter — Rieseugebirge.
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Wesel, Wiesel.
Auflösung des Preisrätsels in Nr. 109 der Familiendlätter:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!
Von den 124 Einsendern richtiger Lösungen erhalten Preise:
1. Frau Amalie Wetzell, Laubach: „Münchener A l m a n a ch."
2. Sanitätssergeant Finkernagel, hier, Walltorstraße: „Deutsches Land und Volk."
3. Lehrer Pracht, Homberg a. d. Ohm: zwei Bände „Aus Natur und G e i st e s w e l t."
Die Preise können gegen Vorzeigung der Abonnementquittung in der Geschäfts st eile des „Gießener Anzeigers" in Empfang genommen werden.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen,


