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Friedrich, ihre Kinder gleichzeitig englisch und deutsch er» erziehen ließ, und die Geschwister des Kaisers noch heute unter einander ost ganz von selbst in die englische Sprache ulten. Vollständige Beherrschung des Französischen gehört a ganz selbstverständlich zu dem Lernpensum aller Fürsten- ohne. Aber der Kaiser hat die besten Kenner der französi-- chen Sprache, so u. a. den Akademiker Jules Simon, durch eine Kenntnis des intimen gallischen Sprachgeistes und einer modernsten Ausdrucksmittel überrascht. Auch das Italienische ist dem Kaiser geläufig, und vom Russischen hat er soviel gelernt, um bei seinen Anwesenheiten in Petersburg fehlerfrei zu den Truppen zu sprechen, deren Chef er ist.
Bei den meisten Reden politischen Charakters ist es der Kaiser selbst, der erst ihren Gedankengang entwirft, um dann an der Hand dieses Entwurfes mit dem leitenden Staatsmanne über die weitere Ausarbeitung Beratung zu halten. Nur bei der Thronrede ist der Hergang ein anderer. Ein Geheimrat fertigt nach den Weisungen des Kanzlers das Brouillon an und legt es ihm vor; der Kanzler ändert, streicht, fügt hinzu, und unterbreitet das Ergebnis dem Monarchen. Und nun greift der Kaiser seinerseits zum Bleistift, fordert über diesen oder jenen Punkt vielleicht noch nähere Auskunft, und so vergehen mehrere Tage, bis die Reinschrift hergestellt ist. Die kleinsten Nuancen, Wendungen, wie „korrekte" oder „freundschaftliche" Beziehungen, werden genau erwogen, nnd während der Grundton für den Teil der Thronreden, der die innere Politik betrifft, gewöhnlich von vornherein festgelegt werden kann, wird vielleicht bei der Besprechung der auswärtigen Politik noch in letzter Stunde sozusagen „ein anderer Ton in die Musik" gelegt.
Weit weniger häufig, als anderen Rednern begegnet es dem Kaiser, daß er sich im Worte vergreift, — „entgleist", wie man ja wohl zu sagen pflegt. Hin und wieder trifft indessen wohl auch ihn ein kleines Mißgeschick, solcher Art, wie z. B. in Bonn bei dem Kommers des Prenßen- korps, wo er es „eine unerhörte Ehre"*) für das Korps nannte, daß seine Gemahlin, die Kaiserin, den tafelnden Studenten von einer Loge aus zusah.
Aber wenn es nun gestattet fein soll, ein kurzes Urteil über den Kaiser als Stilisten zu fällen, so mag gesagt werden, daß sich ihm das Wort im Munde glücklicher darznbieten scheint, als unter der Feder. Gebraucht doch der Kaiser oftmals in telegraphischen Mitteilungen die. Inversion der Satzbildung, die sich vor dem Richterstuhle der Grammatik nicht rechtfertigen läßt. Nur zwei Beispiele hierfür. Am 6. September 1902 telegraphierte der Kaiser nach dem Tode Rudolf Virchows an dessen Witwe: „Die Kunde von dem Hinscheiden Ihres Gatten hat mich mit aufrichtiger Teilnahme erfüllt und spreche ich Ihnen und den Ihrigen mein wärmstes Beileid zu dem schweren Verluste aus." — Dem Geschäftsinhaber der Diskonto-Gesellschaft ging am 9. Dezember 1903 die Depesche zu: „Die Meldung von dem Hinscheiden des Geh. Kommerzienrats Adolf von Hansemann hat mich mit aufrichtiger Teilnahme erfüllt und spreche ich Ihnen zu diesem schweren Verluste mein Beileid aus." Auch die Worte: „derselbe, dieselbe, dasselbe" verschmäht der Kaiser nicht, gegen die die besten unserer Spr-ach- gelehrten und Sprachkünstler einen glücklich e n K a m p f u n t e r n o m m e n h a b e n, so z. B., wenn er am 3. Februar 1905 S. K. H. u n s er e m Gr o ß h er z o g von Hessen zu seiner Vermählung drahtete: ,'stch sende Dir und der Großherzogin meine herzlichsten Wünsche, aufrichtig bedauernd, dieselben nicht selbst überbringen zu können."
. . Zber so sind wir, trotz des guten Vorsatzes, doch auf dce Bahn ^der Kritik geglitten. Wir wollen sie verlassen, zum Schluffe, zu erwähnen, daß der Kaiser auch im ^llltagsleben gern und lebhaft spricht: mit seiner Gemahlin, fetnenjltuberit und mit jedem, den er seines Umgangs eljrt. Bet den Vorträgen, die ihm dienstlich gehalten werden, ergibt sich oft eine Eilige Umkehrung der Rollen: der Vortragende schweigt und der Kaiser spricht. Es ist, als ob ihn ein inneres Bedürfnis treibt, jede Stunde semes Daseins zum Wirken, zum Einsetzen seiner Person auszunutzen. Und daß der Kaiser selbst wohl weiß, wie nahe die Gefahr liegt, im freien Wort die Grenze des Gewollten
*) Die offizielle Wiedergabe lautet nachher: „beispiellose".
zu überschreiten, das bezeugt ein Ausspruch von ihm, der ihn vielen in einem anderen Lichte zeigen mag, als sie ihn zu sehen gewöhnt sind. Es war vor wenigen Jähren auf dem Sommerschlosse eines mitteldeutschen Bundesfürsten, des Abends nach der Tafel, und die Runde der Anwesenden beim Glase Bier und der Zigarre war ein- ganz kleine. Irgendwie kam die Unterhaltung auf philosophische Themata allgemeiner Art, — und man sprach von dem Gefühl der Reue. Da sagte der Kaiser, der au der Konversation in der ungezwungensten Weise, teilnahm: auch ihm sei die Empfindung der Reue nicht fremd, und manchmal habe ihm schon das Bewußtsein schlaflose nächtliche Stunden bereitet, in einer des Tages gehaltenen Rede nicht das Maß des Jühalts und des Ausdrucks gewahrt zu haben, das er sich zuvor gesetzt hatte. . . .
Mainz in französischer Beleuchtung.
Jules Huret widmet im „Figaro" einen Artikel dem „goldene^ Mainz". Schon am Anfang seines Artikels beginnt Huret für Mainz zu schwärmen, da ihn die Stadt in vielen Beziehungen an Frankreich erinnert. Vor allem impomert es ihm, daß in Mainz saft jedernuum etwas Französisch spricht. Auch findet er im Mainzer Dialekt viele Worte, die er direkt auf französischen Ursprung zurückführt. So „lafor" (lavoir), „reul" (melle), „rendigaas" (prenez garde) »sw. „Wo ich Hinblicke, sehe ich französische Worte", schreibt er weiter. „Hier: Spediteur, bort Spedition, ober eu gros, en detail." Dann behauptet Huret, das; die Hessen für die Preußen nicht viel Zärtlichkeit (tendresse) besitzen. Sie erkennen wohl an, daß sie den Preußen viel verdanken, aber im übrigen schwärmen sie mehr für die Oesterreicher. (?) Was den Charakter beS Mainzers betrifft, so^glaubt Huret feststellen zu können, daß zehn Mainzer mehr S p e k t a k e l m a ch e n, als h u n d e r t F r a >r k s uw t e r. Als galanter Franzose hat er aber für die Mainzer Damenwelt nur Artigkeiten übrig. Er vergleicht die Mainzerin mit der Pariserin uub findet, daß die beiden Rassen in vielem übereinstimmen, ein Kompliment, das die Mainzerinnen wohl zu schätzen ivisseii werden, da es a>is einem Pariser Munde kommt. Du Stadt selbst beurteilt Huret als eine Luxus- und Arbeitsstadt. Ein Mainzer hat z>i ihm gesagt: „Wenn wir zu Preußeii gehörten, würde Mainz uort) viel industrieller sein." Nachdem Huret dann die Persönlichkeit des Großherzogs Liidivig geschildert hat, geht er auf das gesellige und kommerzielle Sebeu der Stadt näher ein. -Die „Mainzer Liedertafel" hat ihin besonders impo- niert, nnd was den kaufmäimischen Geist des Mainzers bezw. bei Deutschen überhaupt betrifft, so behauptet Huret, daß darin bü Nachkommen Werlhers siegreiche Konkurrenten der englischen Nativii geworben seien. Ja, der Delitsche sei noch mehr Kaufmann geworden, als ber Engländer. Huret stellt bann noch Vergleiche zwischen ber Administration der deutschen uub französischen Städte an, die sehr zu Gunsteir der deutschen Bürgermeister uub anderen deutschen städtischen Beamten ausfallen. „In Deutschland," schreibt Huret, „ist ein Bürgermeister für alles verantwortlich. Uub wenn ihm von oben em Vorwurf wegen ungenügender Straßenreinignng geiiiacht ivird, so bart er nicht wie ein französischer „wairs" antworten : Ja, ich kann bie Straßen doch nicht selber kehren! Ans diesem Pflichtgefühl beruht aber auch das Vertrauen, das das deutsche Volk feinet Obrigkeit entgegenbringt."
Vom Selbstmord in Japan.
Der Selbstmord steht im Lande der Kirschbäume auf bev Tagesordnung und ist auch bei den Frauen unverhältnismäßig häufig. Gewöhnlich ist die Ursache des Selbstmordes bei Frauen in Japan unglückliche Liebe oder häusliches Unglück. Im letzten Falle spielt die Schwiegermutter eine ganz besondere Rolle. Die Frau ist der Mutter ihres Gatten unbegrenzten Gehorsam schuldig und sie zieht oft den Tod einer unausgesetzt harten Behandlung vor. Der Selbstmord aus unglücklicher Liebe wird oft von 6eiben Teilen gemeinsam begangen, ja diese Art von Doppelselbstmord ist so zum Brauch geworden, daß die japanische Sprache ein eigenes Wort dafür Hat: Shinjn. Der orthodoxe Hergang bei diesem Shinjn ist folgender: Ein junger Mann und ein Mädchen, die sich lieben, aber aus irgend einem Grunde nicht heiraten können, beschließen, mit einander zu sterben. Sie lassen sich beide Kleider von demselben Stoff nnd derselben hellen Farbe machen und gehen an einen Fluh oder ans Meer; dann füllen sie die großen Aermeltaschen ihrer Kleider mit Steinen, binden sich mit einem Gürtel zusammen nnd springen ins Wasser. Ein Brief, den sie im Kleide tragen, gibt über die Ursachen der Tat Auskunft. Von Zeit zu Zeit fjmtfeit sich solche Fälle fast epidemisch, so daß die Regierung sich genötigt sieht, selbst den bloßen Versuch für strafbar zu erklären. Wenn ein Mädchen allein stirbt, so wählt es ebenfalls meist den Tod durch Ertrinken: es springt in einen Fluß, einen See, oder aber, und zwar am häufigsten, in einen Brunnen. Bei Männern wechselt die Todesart mehr; zurzeit spielt der Revolver eine große Rolle. Fast noch beliebter ist es, sich auf die Schienen zu legen und den Kopf durch einen Eifenbahnzng abtrennen zn lassen. Seit vor


