Mittwoch den 8. August
Ar 115
1906
MM
Der Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Auf Wiedersehen, Fräulein Brandt."
Als sie gegangen waren, stand er einen Augenblick wie nachdenklich da, dann warf er den Kopf mit einer hochmütigen Gebärde zurück. „So?!" Wieder sah er vor sich hin und zog, einer plötzlichen Eingebung folgend, sein Notizbuch heraus. Dann klingelte er, bestellte beim eintretenden Kellner einen Wagen und steckte eine Zigarette an. Noch einmal trat er vor den Spiegel, musterte sich, nahm einige Tropfen Parfüm auf sein Taschentuch und drückte es an die Stirn,
Dann verließ er das Zimmer und ging hinunter. Der Portier öffnete den Wagenschlag. „Neustädtische Kirchstraße Nr. 11!" rief er einsteigend. Er fuhr zu Therese Strcitmann.
*
Gräfin Luise Giersdorf war eine sehr stolze Dame. Sie war nicht mehr jung, als sie dem Grafen Guido die Hand reichte. Und die aristokratische Gesellschaft war einigermaßen überrascht, als die Verlobung bekannt wurde. Man hatte sich schon daran gewöhnt, daß Luise von Barncwitz unvermählt bleiben würde. Sie hatte verschiedene Körbe ausgeteilt und immer so viel von ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit gesprochen, daß man wirklich anfing daran zu glauben, das sehr reiche, aber nicht besonders schöne, hochmütige Mädchen würde nicht heiraten. Es fehlten ihr auch jene Vorzüge, die ein Weib begehrenswert machen. Grazie und Liebreiz, jene Liebenswürdigkeit und Weichheit, die den Frauen eine besondere Anziehungskraft verleihen. Sie war früh verwaist und hatte bei Verwandten gelebt, die, selbst wenig begütert, in ihr eine Quelle zur Verbesserung ihrer Verhältnisse sahen. Tas hatte sie schroff und mißtrauisch und unfroh gemacht. Tenn ihr scharfer Verstand ließ sie die Dinge erkennen und in ihrem wahren Lichte sehen. Sic war überzeugt, daß die Liebe und Freundlichkeit, die man ihr zeigte, nichk ihrer Person, sondern ihrem Vermögen galten. Das Gleiche nahm sie auch von den Bewerbern um ihre Hand an. Das machte sie nicht.gerade reizvoller und verführerischer. Und so kam es, daß, was vielleicht anfänglich nur in ihrem Mißtrauen wurzelte, schließlich zur Wahrheil wurde. Wer um Luise von Barnewitz warb, wurde als ein Mitgistjäger angesehen. Um so größer war das Erstaunen, als Graf Guido Giersdorf sich mit ihr verlobte. Es gab natürlich viel Klatsch und viel Kopfzerbrechen über die Heirat. Den wahren Sachverhalt wußte niemand. Tatsächlich hatte der Grast von einer Besuchsreise bei seiner Schwester, der
Fürstin Testi, heimgekchrt, seine Verlobung bekanntgegeben. Er hatte seine Braut in Italien kennen gelernt. Als Gast einer seiner Schwester befreundeten Familie, die ebenso wie die Testis in Palauza, den Monat März in ihrer Villa in dem benachbarten Stresa verlebten. Es hätte einen Schimmer von Romantik auf dieses Bündnis werfen können, daß sie an den herrlichen italienischen Seen sich gefunden und dort unter heißerer Sonne das kalte, deutsche Mädchen dem Zauber der Liebe erlag. Ter Graf aber sowohl als seine Braut verzichteten auf den poetischen Schimmer einer Liebesgeschichte, die nicht existierte. Sie hatten zusammen eine Bootfahrt auf dem Lago maggiore gemacht, und als sie zurückkehrten, teilten sie den Testis und RovettaS, die unter den Palmen der Villa Helena zusammensaßen, die Tatsache mit. Kurze Zeit nachher fand die Hochzeit statt. In der kleinen Kirche zu Bernstadt wurden sie getraut. Nur die beiden Brüder, Graf Alfons und Karl Viktor, Fürst Testi und seine Gemahlin, Baron mtb Baronin Barncwitz, bei denen Luise früher gelebt hatte, Kantor Brandt und Frau und der alte Kreisphysikus Hübner waren zugegen. Man hatte mit Rücksicht auf die Gräfin-Mutter das so arrangiert. Sie war zu leidend, um eine anstrengende und geräuschvolle Festlichkeit mitmachen zu können. Die Braut war völlig einverstanden. Diese Reserve und gesellschaftliche Abgeschlossenheit entsprachen ihrem Geschmack. Und so gestaltete sich auch die Ehe. In vornehmster Form, aber fremd und kühl.
Als die Geschwister am Abend nach dem Hochzcitsdiner beisammen saßen — Graf Guido und seine Fran waren auf eins ihrer Güter in Pommern abgcreist, wo sic die erste Zeit ihrer Ehe verleben wollten — wendete Alfons sich au seine Schwester: „Du, sag 'mal, Helene, was hat nur Guido bestimmt, sich diese Barnewitz zu heiraten? Alle Welt mar paff, als das bekannt wurde. Jahrelang ging er als Junggeselle umher, ivas, nebenbei bemerkt, für einen MajoratS- hcrrn gerade nicht paßte, die hübschesten Mädchen hätt' er haben können, lustig und reich und jung und sonst noch was, und da fällt er auf diese kalte, gemessene, reife Dame 'rein, die längst hors concours war auf dem Heiratsmarkt? Was sagst du, Viki? Wie gefällt dir deine Schwägerin?"
„Wenn sie ihm gefällt, dann wird sie uns auch gefallen. Und wenn sie ihn glücklich macht, dann werden wir sie auch lieben. Denn Guy verdient es, glücklich zu sein. Leicht hat er's nicht als Familienoberhaupt, und schon in jungen Jahren die ganze Last und Sorge der Verantwortung. Und gegen uns war er doch stets mehr als ein Bruder . . . ein Vater! Ich beneide ibn nicht um sein Erstgeburtsrecht, weiß der Himmel! Das sind Pflichten, auch wenn's am Besten nicht fehlt, und bei den heutigen Zuständen und agra-


