Ausgabe 
8.6.1906
 
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Nichts!" meint Suse lakonisch und in ihren sich weit öffnenden Augen treiben tausend Schelineugeister ihr Spiel. Aber Ruth hat kein Verständnis für den Uebermut der Ver­liebten, in dem sie einen Leichtsinn sieht, der ihr verhaßt ist, den sie heut härter denn je verurteilt.

Nichts?" iviederholt sie und ihre Stimme klingt fest und kalt,also gedankenlos in den Tag hinein lebst Du, hast Dich in eine Liebe verrannt, die ein Unrecht ist, weil sie nie zu einem Ziele führen kann. Du bist doch kein Kind mehr, Sus, Du kennst doch die Welt, Du kennst die bösen Zungen weißt Du, ob sie Dich nicht jetzt schon zerfleischen, Deinen guten Ruf, den größten Schatz, den wir armen, alleinstehenden Mädchen besitzen, vernichten? Denk' doch an Deine Zukunft, bezwinge diese törichte Liebe Ihr könnt Euch ja doch nicht heiraten, Du schaffst Dir nur unsagbares Herzeleid. Suse, Kind, ich meiu's doch gut mit Dir."

Sie war nun doch weich geworden. Ein großes Mitleid überkam sie mit Suse, mit sich selbst in ihre Augen stiegen Tränen.

Suse hatte ihre nachlässige Stellung aufgegeben und hielt den goldflimmernden Kopf so tief gesenkt, als habe die Wucht der schwesterlichen Mahnung ihn schuldbewußt herabgedrückt, aber als Ruth tief aufatuiend stehen blieb, schnellte sie empor, das Antlitz rot überflammt bis unter die krausen Stirnhaare. Statt des schelmisch-glücklichen Strahles sprühten nun Flam­men leidenschaftlicher Empörung aus ihren förmlich schwarz wirkenden großen Augen. Und in einem Ton, der zwischen frivoler Bitterkeit und ehrlichem Schmerz hin und her schwankte, stieß sie hervor:

1Was willst Du denn eigentlich von mir? Was für ein Unrecht hab' ich getan? Kann ich vielleicht dafür, daß der Mann, den ich liebe, arm ist wie ich, daß er mich nicht hei­raten kann? Ich will ihn ja gar nicht heiraten, das wär' ja aus einer Misere in die andere, dafür danke ich ich habe für mein Leben lang genug davon wenn ich heirate, dann muß es ein reicher, ein sehr reicher Mann sein, so hatte ich mir das immer gedacht, einer, der Euch alle herausreißt aus diesem Eleud, diesem aufreibenden Kampfe ums tägliche Brot alle sollt Jhr's noch mal gut haben dann aber vorher will ich auch mein bißchen Glück haben wenigstens eine kurze Zeit laug will ich mit dem Manne meiner Liebe glücklich sein. Ich weiß alles, was Du sagen willst daß wir uns trennen müssen und daß ich dann erst ganz unglück­lich sein iverde. Aber es ist nicht wahr- die Erinnerung bleibt mir und die wird mir alles vergolden und ich werde dem Schicksal immer danken, daß ich auch mal habe im Licht stehen dürfen.

Sie brach ab, weil ein Schluchzen in ihrer Kehle empor­stieg, das sie mit aller Gewalt zu unterdrücken strebte. Die Rosen emporhebend, drückte sie ihr heißes, erregtes Gesicht tief hinein in die welkenden Blüten, als müsse sie mit ihrem Dust ihr aufrührerisches Fühlen betäuben.

Sie sah Rüth nicht an, die langsam aus dem Lichtkreis der Lampe getreten war und mit gekreuzten Annen an ihrem schmalen Mädchenbett lehnte. Ihr zitterten die Kniee vor Schreck und Entsetzen.

Wieder waren es nicht eigene Gedanken, die hinter ihrer fiebernden Stirn kreuzten, sondern das sinnverwirrende, glut­volle Lied Carmens:

Die Lieb, die voni Zigeuner stammt, kennt nicht Gesetz, noch Recht, noch Macht."

Und Suse mit ihrer aufrührerischen, sich gegen jeglichen Zwang empörenden Natur, bereit leidenschaftliche Worte ihr Recht auf Glück forderten! Würde nicht unabwendbar die Stunde kommen, da sie von ihrem Liebesglück den höchsten Rausch begehren würde, ehe sie ihre Jugend in einer liebe­losen Ehe begrub?

All die vielen kleinen Skandalgeschichten von gefallenen Mädchen aus den höchsten Kreisen, die um Ruths Ohren geklungen waren, ohne sie zu treffen, tauchten jetzt in ihrer Erinnerung auf!

Der aanre Ekel kam ihr wieder, das schüttelnde Ent­

setzen. Es galt mit harter Hand Suses gefährlichen Liebes­traum zu zerstören. Nur keine weiche Regung jetzt.

Unwillkürlich straffte sich ihre schlanke Gestalt und ihr Blick war kalt und streng, als sie sagte:

Das sind kindische Ueberspanntheiten, die Du vorbringst und zu alledem noch sehr frivole. Du denkst heute schon daran, Deinen zukünftigen Mann zu betrügen, indem Du ihm Liebe lügen wirst und nur sein Geld willst und Du betrügst ebenso den Mann, den Du zu lieben behauptest, beim Du liebst ihn gamicht. Wenn ein anstänbiges Mädchen liebt, dann will sie den Mann auch heiraten, bann rechnet und wägt sie nicht, ob er niedrig oder hochgeboren ist, ob er Geld hat oder keins wenn Du es ein Glück nennst, Dich wegzuwerfen. Dich ein paar Wochen lang abküffen zu lassen, so tust Du es eben aus Genußsucht, nicht weil Du Trauten­dorf wirklich liebst. So kann jede Dirne lieben"

Ruth!" schrie das Mädchen da auf in trotziger Em­pörung und als sie hochaufgerichtet stand, schien sie gewachsen und älter aussehend als sonst,beleidige mich nicht. Aber Du kannst mich ja gar nicht beleidigen. Was weißt Du beim von richtiger Liebe, Du, bie Du immer so kalt und spieß­bürgerlich Deinen Weg gegangen bist? Was weißt Du von Leidenschaft? Wie darfst Du mich verurteilen? Du, die Du nie vor der Versuchung gestanden hast, Dich einem geliebten Mann in die Arme zu werfen. Du siehst kein Glück für Dich in solcher Hingabe nun, es ist gut für Dich aber ich möchte nicht mit Dir tauschen, um die Welt nicht ich komme mir reich vor mit meiner leichtfertigen Liebe über­reich und wenn mich der Ober-Regierungsrat etwa nicht mag, weil ich mich habe von einem anderen Mann schon küssen lassen, so soll er mich suchen, wo der Pfeffer wächst. Ich meine gewiß keine Träne um ihn."

Sie hatte schon wieder ein Lächeln um die frischen roten Lippen, während sie die letzten Worte hervorfprndelte. Nichts von der stürmischen Empörung war an ihr noch zu merken, der leichtsinnig sorglose Uebermnt, der ihr ganzes Wesen kenn­zeichnete, brach bereits wieder durch.

Ohne noch einen Blick auf die ältere Schwester zu werfen, ging sie durch das Zimmer und langte sich eine kleine Vase, eine Erinnerung an eine Kotillontour in N., von einem Bordbrett an bet Wand, Dann schlüpfte sie zur Tür hinaus, wohl um in ber Küche frisches Wasser zu holen, gerade als draußen in bet Entreetür der Schlüssel klang, bet bie Heim­kehr bes Arabers ankünbigte.

Null) hörte gleich barauf Suses heitere Stimme, bie Heinz mit einem Scherzwort begrüßte- ein lautes Auflachen, bas in leises Geflüster überging. Eine wilbe Bitterkeit reißt an bem Hetzen bes einsamen Mädchens, bas sich ausgeschlossen fühlt aus der-Welt, iit bet bie Anschauungen der beiben Ge­schwister wurzeln. Die haben ja immer unter einer Decke gefleckt mit ihrer glücklichen Leichtlebigkeit, ihren aufrührerischen Umstutzibeen.

(Fortsetzung folgt.)

Die Schönheit des Waldes. -

Der berühmte Maler Hans Thoma, der Mitglied der badischen ersten Kammer ist, hiat in diesem Hause eine bemerkenswerte Rede zum Preise des deutschen Waldes ge­halten.

Thomas Rede wurde veranlaßt durch eine Bemerkung! des Freiherrn v. Stotzingen, der, nachdem er den Vogelschutz durch die Forstverwaltung anerkannt, die Anregung vor­trug, daß Schutzgelder für Erlegung von Raubvögeln ge­zahlt werden mögen, und alsdann sortsuhr:Heber das jetzt so moderne Thema der Waldschönheitspflege erlassen Sie mir zu sprechen; (zu Professor Thoma gewendet) viel­leicht geschieht dies von berufener Seite. Mir scheint der Wald eine künstliche Schönheitspflege nicht zu ertragen, und! je natürlicher, je unberührter, desto schöner." Hieraus mel­det sich Hans Thoma zum Wort und führte unter anderem folgendes aus:

Der Herr Berichterstatter, als er im Laufe feiner Rede von der Schönheit des Waldes gesprochen hat und der Er­haltung dieser Schönheit, hat dabei einen Blick zu MV