Ausgabe 
8.6.1906
 
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1906

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Mittellose Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Und das schreiende Unrecht kam ihr zum Bewußtsein, das in der Forderung des Mannes liegt, die von der Frau, die er zur Gattin erwählt, völlige Sittenreinheit beansprucht, während er ihr ein beflecktes, durch Schmutz und Schlamm gezerrtes Leben mit in die Ehe bringt, es oft in demselben Sinne weiterführt. Die Heirat eines solchen Mannes war ein Verbrechen. Für ihn mußte die Familie ein verschlossenes Paradies bleiben.

In ihrer Empörung >var Ruth mit ihrem Urteilsspruch völlig fertig. Und wenn sie an dieser Liebe starb, Willy Hammer existierte von dieser Stunde an nicht mehr für sie er ivar ein Gerichteter, ein Verdammter.

Ihre ruhige Selbstbeherrschung verlieh ihr die Kraft, die unter dem Einfluß des reichlich genossenen Sekts sehr animierte Stimmung der Tafelrunde nicht zu stören.

In durstigen Zügen schlürfte auch sie den Trank des Vergessens. Der leichte Taumel, der so viele Unglückliche dem Trunk in die Arme führt, befiel auch sie mit alles ver­löschendem, schmerzstillendem Hauche.

Sie fühlte kein Weh mehr, fein qualvolles Zucken, in ihr wurde es still.

Suses Schmibbs äußerte sich dafür in toller Glückselig­keit. Alles an ihr bebte vor Lebenslust und Liebesglut.

Der junge -Offizier stand Folterqualen aus in dem Ver­langen, diesen töricht plaudernden roten Mund abzuküssen. Er war halb von Sinnen und als Frau Meta endlich das Zeichen zum Ausbruch gab, flüsterte er, indem er Suse in das kurze, schwarze Jäckchen half, verliebt:

Heut muß ich noch einen Kuß haben, Süßes, hörst Du, ich muß!"

So leicht war das nicht auszuführen.

Sie fuhren in einer Droschke beim, zuerst zu Brockhaus, dann begleitete Trautendorf die Schwestern bis zu ihrem Hause.

Er sprang heraus und war Ruth beim Absteigen be­hilflich. Nach ihr tauchte Suses blondes Köpfchen, von dem sie den Hut abgenommen, mit verträumten Augen und sehn­süchtigen Lippen vor ihm auf.

Da verlor er die Besinnung. Indem er die schlanke Mädchengestalt auf starken Armen aus dem Wagen hob, suchte er in raschem, heißem Kusse ihren süßen Mund. Es war das Werk einer Sekunde und Ruth hatte augenscheinlich nichts gemerkt. Sie lehnte wie stützebedürftig in der Haustür­nische, sichtlich von dem ungewohnten Ausgang stark ermüdet

und es ivaren ivohl nur die Folgen dieser Müdigkeit und das iveiße Gasglühlicht einer nahen Laterne, daß ihr Gesicht so fahl aussah. Im grellen Kontrast zu Suses weichen, warmen Fiugercheu war die Hand, über die er sich abschied« nehmend neigte, eiskalt.

Suse schenkte ihm noch einen verschämt seligen Blick, ehe sie in der Haustür verschwand.

Der junge Offizier wartete noch, bis der Schlüssel sich int Schlosse gedreht hatte. Dann schritt er, befriedigt vor sich hinpseifend, seiner nahen Wohnung zu.

X.

In dem gemeinsamen Schlafzimmer der Schwestern brannte die niedrige Stehlampe, die Ruth mit zitternden Händen entzündet hatte, und ivarf ihren warnten Schein über Suses lichte Haarwellen. Taö junge Mädchen war am Tische in einen Stuhl gesunken, hatte die Hände, die ein paar rote Rosen, von Trautendorf einem hausierenden Blumenmädchen abgekauft, umschlossen, vor sich auf die gestickte Decke gelegt und stierte, von Liebe und Weill berauscht, lächelnd vor sich hin. or

Eine Weile beobachtete Ruth sie schlvcigend, einen Aus« druck entsetzlichen Seclenschmerzes in dcm totenblassen Gesicht. Endlich trat sie langsam an die Glückversunkene heran und rüttelte sie mahnend an der Schulter.

Suse!" sagte sic heiser, aber unheimlich ruhig und klar, laß das Komödieuspiel, ich habe eben gesehen, daß Trauten­dorf Dich küßte. Und ich bin auf einmal hellseherisch ge- worden, ich ivciß, es war nicht das erste mal, Ihr liebt Eiich schon lange."

Suse lehnte sich, die schlanken Glieder wohlig streckend, in ihren Stuhl zurück. Ein traumhaft verklärter Ausdruck gießt unendlichen Liebreiz über ihr Gesichtchen.

Ja! Wir lieben uns schon lange, lange", flüstert sie, froh, ihr übervolles Herz durch ein Geständnis entlasten zu können,und wir haben uns geküßt, so oft schon o Gott, ivar das schön, bin ich glücklich."

Ein Schleier legte sich vor Riiths Augen. 9(n§ ihrem Elend heraus fühlte sie einen Moment glühenden, wahn­sinnigen Neid auf Suses Liebesglück. Dann raffte sie sich zusammen. Wie eine ferne Stimme klang es plötzlich in ihrer Seele:

Suse wird am schwersten zu hüten sein.

Die ganze Last der Verantwortung für der jungen Schwester Reinheit und Frieden warf sich auf ihr ohnehin zu Tode verwundetes Gemüt. ,

Was denkst Du Dir denn eigentlich dabei, Suse? fragte sie, sich mit der Rechten schwer auf die Tischplatte stützend.