18
Feind.
GuastModo.
Skizze von Max Wundtke. (Nachdruck verboten.)
Eigentlich hieß er Karl Beier. Der Name hat nichts Romantisches an sich. Bei sämtli en Mitgliedern der Redaktion hieß er Quasimodo. Das war uAR weiter zu verwundern. Wer ihn stih, mußte unwillkürlich an den bestialischen Glöckner der Pariser Kathedrale denken, den alle Welt aus Viktor Hugos berühmtem Romane kennt. Ein kleiner vierschrötiger Kerl mit unförmigem, fast kubischem Kopf voll roter Haare, mit ganz blaßblauen Augen, und Lippen, die, wenn sie sich zum Lachen verzogen, fast von einem Ohr zum anderen reichten und ein ganz schauderhaft defektes Gebiß sehen ließen. Dazu hier und da etliche Warzen auf Kinn und Wange, und Stirn und Augenpartien, wie es bei Rothaarigen mm einmal Sitte zu sein scheint, mit Sommersprossen übersäet. Dabei aber hatten die Formen der Nase und des Mundes keineswegs an der allgemeinen Mißbildung tellgenommen. Die Lippen hatten sogar, wenn auch fast blutlos und schmal, einen nierk- würd-lg fernen Zug, der aber verschwand, sobald er sprach oder lachte Denke man sich dazu noch den Menschen hinkend, die eine Schulter bedeutend in die Höhe gezogen, buckelig und mit entsetzlich langen Armen, und man hat das leibhaftige Wider- sprel des Apolls von Belvedere. —
Wer kein Gebildeter hätte sich über den Menschen lustig gemacht. Man mußte ihn ernst nehmen. Er war wirklich ein prächtiger Kerl ttotz seiner häßlichen Außenseite,- ruhig, pflicht- kiftig, gefällig, bescheiden.
Quasimodo war nämlich Heizer an der Dampfmaschine, die den Rotationsdruck einer großen Zeitung auszuführen hatte. Em ganz kleiner Teil der Dampfkraft war an eine kleine Schokoladenfabrik vermietet, die im ersten Stock des Maschinengebäudes ff ®e.tm hatte. Eine Riemenscheiben-Transmission führte zu den Mascyinen empor.
_ . P war _ alt gemein beliebt und hatte schwerlich einen Sn wal über ihn gespottet, so nahm er es mit ruhiger
Gleichgiltigkeit hm als wäre er von Kindheit an daran gewöhnt und hatte es aufgegeben, sich dagegen aufzulehnen, weil es ia doch zu nichts führte. Höchstens einem Gebildeten gegenüber V^stieg W sich mmnal zu Mer, Entgegnung. „Na ja", Pflegte tr W sagem ,,hübsch bin ich ja Nicht, aber das ist dem lieben G°tt seme Sache. Er wird ja Wohl wissen, warum alles so ist."
Das war keine Redensart bei ihm, sondern es kam aus einem überzeugten Herzen Er war wirkliche fromm, und diese Frömmig- £!*' allem den Beweis göttlicher Weisheit und Gerechtig- erblickte, erfüllte fetn Herz mit einer beneidenswerten Fröhlichkeit und Stetigkeit.
„„,2" einem jedoch wurde er fleißig gehänselt. Es war aber auch zu komisch. . unsäglich rührend und traurig jedoch für deN' der mit seinen Einpsinüungcn nicht an der Oberfläche haften bleibt. Quasimodo liebte!
, . 2a, ^dieser unförmige, äußerlich so mißratene Mensch mit war^virklich reichen, aber harmonischen Seele liebte. Es
„Es ist zum Schreien", sagte der Setzersaktor.
Kr er sein Herz geweiht hatte, war ein bild- schonE Mädchen. Die schwarze Jule wurde sie von dem Personal kr Druckerei und von den Angestellten der Schokoladenfabrik blitzäugiges, munteres Ding. Ä^»?kckenhelles Lachen drang oft genug bis hinauf in die und weckte m den Herzen der alten Knaben ledesmal die Vorstellung von Kirscheublüte und Amselschlag Sie gehörte in die Schokoladenfabrik. a
M und heimlich Quasimodos Liebe auch wär — alle Welt wußte davon., Er verstand eben nicht zu lügen, auch mit Mien^n^t?«r mtt ?inen Mienen nicht. Freilich verrieten “S ’ -Und Augen , sogar dem Seelenkenner für gewöhnlich
-sowie aber die schwarze Jule in seinen W- hrnehmungs- lrat — er brauchte nur ihre Stimme zu hören, ja, er er- Kunte sie sogar an ihrem Tritt — dann flog cd1 wie sonniges Aufleuchten über, fetn Gesicht. Uiü> wenn er sie gar sehen durfte, l™ b^ann fein Auge zu strahlen, als wäre ihm eine Offen- geworden. Er ruhte nicht eher, als bis er sich morgens überzeugt hatte, daß sie glücklich und froh an ihrem Stillt er mittags seine stampfende Maschine zum
Oskacht hatte, dann lauschte er an der Nein en Hinterkommen 6SIe SlMUie vernahm, und sie die Treppe herab- Kobllntü? in Wg er nach vorn, um an der kleinen
l -hr uachzu)chauen, wenn sie über den ickwunben Jange die koketten Schürzenbänder ver-
fchwmÄen waren Er dachte nur an, sie , und träumte nur von ^räumen" ~?,eTt ®nr la Mr ihn nur Arbeiten und ~ raumen, denn Verkehr oder Zerstreuung hatte er nicht Es hW<> wij'^ge Traumliebe. Er dachte gar nicht daran, daß batte :-r9^L€ttoa8 Hihren könne. Das Unabänderliche bkt-- ihn philosophisch gemacht. Er liebte und träumte; das seine Liebe^war wie eine Blüte, die in sandiger öffn,et- lragt auch nicht woher, wohin, und schaut m den offenen Himmel und duftet, un3) M genug, daß sie blühen, schauen und duften darf, lind die schwarze Jule.? Ei unii,. kokett,, wie fast jedes.
Weib im allgemeinen und jedes schöne Weib im besonderen ist, freute sie sich im Allen der schwärmerischen Liebe des Häßlichen, wenn sie auch äußerlich die Gleichgiltige spielte und sich stellte, als wäre Quasimodo überhaupt gar nicht da. Frauen nehmen rede Neigung, die sie entfachen, für ein Lob, und noch kein Weiser hat ausgedacht, welche Unmengen Lob eigentlich ein Weib vertragen kann. Das hindert sie aber nicht, sich zu anderen über so einen armen Schmäher lustig zu machen.
Die schwarze Jule war nur ein ungebildetes' Fabriksmädchen; aber sie beherrschte alle Kunstgriffe der Koketterie wie eine Dame, die die ganze Schule unserer Kultur, Ueberkultur cum laude durchlaufen hat.
Eines Morgens fand sie auf ihrem Arbeitsplatz, unter ihrer alten Werkjacke versteckt, ein kleines Veilchensträußchen. Sie freute sich darüber. Eine innere Stimme raunte ihr zu, von wem es war. Das machte ihr nicht weniger Freude. So oft sie konnte, nahm sie es in die Hand und roch daran. Als Frühstückspause war, steckte sie sichs mit einer Nadel an die Brust. Quasimodo hatte es von seiner Maschine aus wohl gesehen, als sie mit einigen Genossinnen auf dem Hofe stand, frische Lust zu schöpfen. Da wars ihm, als wäre ihm etwas Wunderseliges geschehen Den ganzen Tag leuchtete eitel Sonnenschein in seinem Herzen. Mit keinem König hätte er tauschen mögen. Und wieder lag am nächsten Morgen ein Veilchensträußchen da, und wieder trug sie es an , ihrer Brust, ohne den Spender auch nur eines Blickes zu würdigen. Wer das kümmerte ihn nicht. Sie freute sich darüber; das war Grund genug für ihn, glücklich zu fein. So sorgte er Tag für Tag für eine kleine, sinnige Aufmerksamkeit. Und sie nahm sie jeden Tag an als etwas Selbstverständliches, bis ihr einst gesagt wurde, ob sie nicht wüßte, von wem das aus einer blassen Rose und einigen Blättern zierlichen Farrenkrautes gebildete Sträußchen cherrühre.
Nein, sie wüßte es nicht. Wird wohl einer von den albernen Menschen sein, die ihr aus Schritt und Tritt Nachläufen. Aber sie sollen sich nur nichts einbilden. . .
„Ach", meinte eine Genossin, „verstell' Dich doch nicht. Du weißt ganz genau, daß es der Bucklige ist."
„Der Bucklige? Nein, wahrhaftig nicht. Wer könnte auch auf diese Mißgeburt kommen ? Wirllich, weißt Du das gewiß?" „Ganz gewiß. Heute morgen hab' ich ihn beobachtet." „Dieser abscheuliche Kerl, was fällt denn dem ein?" Und sie nahm die Rose, warf sie auf die Erde und trat mit dem Fuße darauf. Es' war auf dem Hofe und Quasimodo sah von seiner Kohlentür alles mit an.
Die Mädchen lachten und machten ihre Witze über den Schatz der schwarzen Jule. Da wurde sie zornig, spuckte auf die zertretene Rose, schaute hinter sich, gerade dahin, wo er bei seiner Maschine stehen mußte, und sagte mit verächtlichem Lippenzucken : „Das wäre mir auch "gerade der Rechte!"
Dem kleinen Quasimodo war zumute, als hätte die Sonne plötzlich ihren Schein verloren und als stände er ratlos in Sturm und Nacht und wüßte keine Stelle mehr, wo er fein Haupt hinlegen sollte. Sein Herz war heimatlos geworden.
Wer die Sonne ist ja da. sagte er sich; nur finstere Wolken drängen sich davor. Sie gehen wohl wieder vorüber. Und wieder lag am nächsten Morgen eine weiße Rose auf ihrem Matz. _ Mit klopfendem Herzen wartete er auf die Frühstückspause. Schrill^ klang der Pfiff der Dampfpseife. Das Klappern und Stampfen machte kurze Rast. Bebend vor Erregung stand er an der kleinen Luke im Mauerwerk, die in das Treppenhaus hinaus- sthrte.. Jetzt kam sie die Stufen hinunter. . . andere mit ihr ... ■ sie flüsterten. Vor der Luke standen sie still, er sah es, aber sie konnten ihn nicht sehen. Plötzlich flogen wie große Schneeflocken, weiße Blätter durch die Luke. Dann Kichern und Lachen, und eilig, waren die Mädels die Treppe hinunter.
Quasimodo stand noch lange da und schaute auf die Trümmer seiner Rose. Er atmete schwer. Wie große, weiße Flocken lagen sie auf dem schmutzigen Steinboden des Maschinenhauses. Schneeflocken waren m das Blühen und Glühen seiner Seele gefallen. Schneeflocken waren die Blätter dort unten . . . sie kündeten ihnt den Winter an.
Er strich ein paarmal mit der Hand über die Augm, als hinderte ihn etwas am Sehen.
Plötzlich zuckte er auf. Schon halb zehn Uhr? Ein Griff, ein Psisf, und wieder begann das gleichförmige, ohrenbetäubende Stampfen und Dröhnen. Quasimodo hatte jetzt zu tun. Immer abex -zog's' seinen Blick mit magischer Gewalt zu den weißen Blättchen auf den schwarzen Steinen.
Aeußerlich hatte er sich bald mit den Tatsachen abgefunden. Er liebte sie weiter, wie er sie von Anfang an geliebt hatte; aber er, wollte sie nicht mehr kränken durch seine Zudringlichkeit.
„Sie sollten sich das Mädel bald mal aus dem Sin« schlagen, Beier", redete ihm jemand gut zu. „Es hat doch gar keinen Zweck."
Da sah er ihn an mit lächelndem Gesicht.
„Ich bin doch nun einmal für sie geschaffen. Der liebe Gott wird schon wissen, warum."
Eines Tages horchte der verwachsene Ritter Toggenburg auf. Das war ihr silberhelles Lachen. Und es klang, als wäre sie ganz in der Nähe. Es war aber keine Pause. Er lauschte an- aeftrenater. Er lief in den hinteren Raum des Mafchinenbaufes,


