Ausgabe 
8.1.1906
 
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Hammer winkte mit den Augen zu Imhoff hinüber und ging mit sachten Schritten zur Tür. Da war fein Wort mehr zu sprechen; da gab es auch feinen Trost. Da muffte die Zeit heilen.

Während draußen von neuem der Donner krachte, schlug die Tür hinter den beiden zu. Sofort nahm Jnchoff Hammers Arm. _

Na, Baumeister was hab ich gesagt?! ..." Er lachte aus . . .(Sin Prachtkerl, der Priestap, nicht wahr? Entre nous: ein bischen verdreht wer ist das denn nicht l Entre noua: eine Verrücktheit, so mit den Milliönersch herumzuaasen aber wen gehts was an! ... Baumeister, was hab ich gesagt? Sie bauen das neue Theater Unter den Linden vorn ionische Säulen drei Ränge hoch, mit einem Velarium und verschiebbarem Proszenium, mit Marmor und einer Bühne zum Drehen. Eine Million haben wir und das Grundstück dazu!"

Wo liegt das?" fragte Hammer und blieb stehen.

Unter den Linden Sie hören ja!,"

Aber wo?"

Zwischen Friedrich- und Mauerstraße Primalage." Gehen wir hin."

Imhoff machte ein betretenes Gesicht.

Donnerwetter, Sie haben es eilig! Es gießt in Strömen."

So fahren wir hin . . . Ich muß mir den Platz an- schauen, wo sich das neue Theater erheben wird. Ich sterbe sonst."

Er zog Imhoff mit sich.

Im Auktionszimmer war es leerer geworden. Nur der alte Samuel hielt noch aus, mit schnüffelnder Nase und rot gewordenen kleinen Aeugelchen. Auch Josef Berndal war noch da und wartete geduldig auf die Nummer 482, die Lithographie der Jenny Lind, ein Porträt, das er für falsch hielt. Konsul Werner, der glücklich seine Molitzreausgabe erstanden hatte, war mit dem Geheimerat frühstücken ge­gangen. Graf Frehlinghaus, der ein großer Genealoge war, hatte gehofft, eine Sammlung handgemalter Wappen adeliger Geschlechter aus dem 16. Jahrhundert billig bekommen zu können; aber der alte Samuel hatte die Rücksichtslosigkeit, selbst den Hofmarschall zu überbieten, und da war der Graf wütend davongegangen.

Meine Herren," rief der Auktionator,ein Ballen Silberspitze! Echt Silber. Hervorragende Arbeit. In Brüssel erstanden, also aller Wahrscheinlichkeit nach flandrischer Pro- venienz. Gewicht anderthalb Zentner. Wer bietet?"

Gott bewahre," sagte Herr Berndal und lachte,was hat die Peretti alles zusammengekauft l"

Samuel war aufgestanden und prüfte die Spitze, die als schwere Ballen neben dem Auktionstische lag. Er schnüffelte und verzog das Gesicht.

Nix echt," meinte er weinerlich,auch keine flandrische Arbeit nich. Fuffzig Märkl"

Der Auktionator fuhr entrüstet auf. Er schwor auf die Echtheit. Ein Antiquar bot dreihundert Mark. Sofort kreischte Samuel los:Gäb ich dreihundertfuffzehn; aber ich ruinier' mer . . ." Alles lachte. Die Zahlen flogen Häher. Bei achthundertfünf Mark standen die Angebote. Da war Urban Hammer an den Ballen herangetreten und nahm ein Stück Spitze in die Hand.

Wollen Sie se nähmen, Herr Baumeister?" fragte der Hofantiquar.Dann paß' ich. Sie soll'» se haben. Aber dem Bernstein gönn' ich se nich."

Bernstein war ein Konkurrent Samuels, der hinter dessen Stuhl stand, ein vierschrötiger Mann mit bissigem Gesicht. Er zuckte mit den Schultern und sagte:

Ich werd' mich gerade mit Ihnen streiten, Herr Samuel!"

Achthundertzwanzig!" rief Hammer.

Es bot niemand höher. Hammer war allgemein bekannt und beliebt und stand außerhalb des Kampfes der Konkur­renten. Die Spitze wurde ihm zugeschlagen.

Aber als er zahlen sollte, siel ihm ein, daß er kaum

hundert Mark bei sich hatte. Auch sein Bankkredit war so ziemlich erschöpft. Josef Berndal sah sein verlegenes Gesicht; er kannte den Leichtsinn des Architekten.

Soll ich für Sie auslegen, Herr Baumeister?" fragte er.Ich habe genügend bei mir . . ."

Hammer nahm das Anerbieten dankend an und war nunmehr der Besitzer von anderthalb Zentnern Silberspitze.

Das ist geschenkt," meinte der Auktionator,ich laffe Ihnen den Ballen zuschicken, Herr Baumeister . *'

Dann erhob er wieder seine Stimme:Nummer 478, meine Herren! Eine Metallplakette mit allegorischen Figuren vermutlich die Geburt des Frühlings"

Hammer verabschiedete sich von Berndal und verließ dann mit Imhoff das Auktionszimmer.

Draußen auf der Treppe lachte der ehemalige Tenorist fröhlich auf.

Baumeister, Sie sind ein sonderbarer Heiliger", sagte er.Wozu haben Sie sich denn um aller Welt willen für achthundert Mark Silberspitze auf den Hals geladen?!"

Ganz einfach" erwiederte Hammer,um sie als Borte an den Borhang unseres neuen Theaters zu setzen . . ."

Imhoff war so verblüfft, daß er nicht gleich zu ant­worten wußte. War dieser Baumeister ein drolliger Mensch ! Tas Theater stand noch nicht einmal auf dem Papier, aber die Vorhangborte mußte gekauft werden . . .

Es regnete noch immer. Hammer rief eine Droschke heran. Während man nach den Linden fuhr, war der Bau­meister wie in Gedanken versunken. Imhoff hatte erwartet, daß er ihn mit Fragen bestürmen werde. Wer Urban hatte sich eine Zigarre angesteckt, hüllte sich in Rauchwolken, lehnte sich tief in die Wagenpolster und ließ seinen Nachbar, reden.

An der Ecke der Linden und der Friedrichstraße drückte Hammer auf das Pfeifventil im CoupS, und di« Droschke hielt.

Aussteigen", sagte der Baumeister.

I der Deibel", ries Jmbosf,es regnet noch immer, und keiner, von uns hat einen Regenschirm!"

So werden wir naß", meinte Hammer ruhig. Er be­zahlte den Kutscher und schritt die Linden hinab. Aergerlich trottete Imhofs neben ihm her. Es grimmte ihn, daß der Baumeister sich so schweigend verhielt. Er begann auch plötzlich die geistige Ueberlegenheit des anderen zu empfin­den. Bisher "hatte er so gut wie allein diese große Sach« in der Hand gehabt und hatte doch erst Hammer heran­geholt. Und nun war ihm aus einmal, als sei er von btcjctit

Hören Sie mal, Baumeister", begann er und schüttelt« die Regentropfen vom Kragen seines Havelocks,wenn aber aus der Geschichte was tote, dann wissen Sie, ich bin nicht ehrgeizig aber eins bedinge ich mir aus: ich will Oberregisseur der neuen Oper werden"

Hammer nickte lächelnd.Versteht sich", antwortete er, das sollen Sie werden."

Und meine Tochter wird engagiert"

Wird engagiert. Ich kenne Ihre Tochter zwar nicht, und weiß auch nicht, als was sie engagiert werden soll. Aber engagiert wird sie. Tas haben Sie sich schon als Bermittlerlohn verdient. . Er war stehen geblieben und trat nun etwas weiter Ms das Trottoir zurück. Seine Augen flogen, gleichsam mit einem einzigen Blick das um­fassend, was er sehen teilte, über das Haus vor ihm. Tann schritt er durch die Einfahrt quer über den Hof, blieb hier von neuem stehen, ging zurück auf die Straße, äugte abermals an dem Hause empor und wandte sich hierauf an Imhoff.

Tie Tiefe ist genügend", sagte er,aber ich muß eine größere Front haben. Kommen Sie mit!"

Er zog die Glocke am Nebengebäude und klopfte an die Tür der Portiersloge.

Entschuldigen Sie, Berehrtester" und er ließ ein Geldstück in die Hand des Oefsneuden gleitenwem gehört dieses Haus?"

Herrn Josef Berndal in Grünewald", antwortete der Portier.

(Fortsetzung folgtzf