,L»
Jem Wahren, Edlen, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Imhoff steckte die rechte Hand in den Nockausschnitt und lächelte wieder fein. Er tat so, als sei eigentlich er selbst der großmütige Geber.
Aber in Hammer wuchs das sich leise regende Mißtrauen. Es war doch verblüffend, wie der junge Mensch mit den Millionen um sich warf. Und wo kamen sie her? War die Pcretti wirklich so reich gewesen? . . . Der Baumeister stand jetzt in der Fensternische und hatte sich mit einem Bein auf den Sims gesetzt. Er ließ seinen blonden Schnurrbart durch die Finger gleiten und schaute beobachtend, unter halb gesenkten Lidern, zu Priestap hinüber, der noch immer, eng in seinen Pelz gehüllt, wie fröstelnd im Sessel kauerte.
Wohl eine Minute lang sprach niemand. Imhoff schaute auf seine Fingernägel und sah diplomatisch aus. Draußen war es dunkler geworden. Regenwolken zogen am Himmel auf, und es sprühte auch schon ein leichter Schauer gegen die Fensterscheiben. Im Schlafzimmer der toten Schönen umflorten sich Ecken und Winkel. Aber aus dem Dämmer- grau stieg vor den Augen Hammers ein weißschimmernder Marmorbau auf, der weithin den breiten Boulevard beherrschte — luftig gestellte Säulenreihen mit stolzen Kapi- tälen und köstlichen Gesimsen darüber — und ein mächtiges Portal von erlesener Schönheit wie die Goldene Pforte zu Freiberg — und aus farbcnglühender Mosaik hcrvorleuchtcnd das von Putten und Eroten getragene Spruchband mit der Verheißung „Dem Wahren, Schönen, Edlen" , . . Hammer fühlte bei dieser Vision, wie ihn eine Art Fieber beschlich. Daß dieser Traum einmal Leben und Wirklichkeit werden könnte, hätte er kaum zu hoffen gewagt. Er war ein genialer Architekt und man schätzte ihn. Sprach man von Urban Hammer, so erging man sich in Lobesäußerungen, und nur die Fachgenossen hatten zuweilen ein Aber — „aber ein Phantast", pflegten sie hinzuzufügen, wenn auch sie ihn sonst rühmten. Man schätzte ihn. Er selber aber schätzte seine Kunst minderwertig ein, weil er sie nicht ausschöpfcn konnte. Er bekam wohl Aufträge, doch sie genügten ihm nicht. Er entwarf Zauberpläne und man zerstörte sie ihm. Er baute immer nur Lriftschlösser, und man wollte auf Erde und Grund gebaut haben, ivo jede Rute ein Vermögen kostete. Da schrumpften die Zauberpläne zusammen, und aus dem Marmor wurde Stuck, und Surrogate traten an die Stelle edelsten Maierials. Verdammte Billigkeit! Unlustig ging Hammer cn feine Ärbeitxp, Ex war ein Genie,. aber. kein .Rechen
meister. Die reichen Florentiner Patrizier fehlten ihm, die Michelozzi und Majano Goldsäckc für ihre Palazzi ins Haus tragen ließen, und die gekrönten Mäcene, die nicht nach der Währung fragten. Was er selbst verdienen konnte — daran dachte er zuletzt. Er war ein schwärmender Idealist. Aber bauen zu können, ganz so wie er wollte, ohne den Hemm- schuh der Billigkeit, in strahlende Pracht hinein, einen Bau ohnegleichen: davon träumte er wenigstens.
Manches mußte Traum bleiben; das war gewiß. Pharaonen und Cäsaren gab cs nicht mehr, und auch die Blüte von Florenz war dahingewelkt. Heute zählte man sein Gold. Aber ein Stückchen des Traums konnte dennoch Leben werden . . . Ein Lenzgewitter ging draußen hernieder. Es blitzte und donnerte, und der Regen rauschte. Es war fast dunkel im Zimmer. Bei einem fahlen Blitze, dem tosendes Grollen folgte, erschien Hammer das blasse Gesicht Pricstaps seltsam verschönt. Ter junge Mensch stierte in die leere Luft. Seine herrlichen Augen waren weit geöffnet und leuchteten wie phosphoreszierend, lieber das ganze Antlitz, das in dieser Beleuchtung fast weiß war, verbreitete sich eine edle Weichheit, ein Ausdruck von köstlichem Idealismus. Es glich der Inkarnation eines Gedankens von größer Schöne.
In diesem Augenblick fühlte Hammer eine starke Sympathie für den Jüngling. Er war ihm früher unleidlich gewesen. Und ganz plötzlich schlug sein Empfinden um. Er trat leise zu ihm heran und streckte ihm die Hand entgegen.
„Seien wir Freunde", sagte er.
Priestap schauerte zusammen, als sei er aus vagen Gedanken aufgcstört worden, und schaute groß und fast ängstlich zu Hammer empor. Dann ging es wie ein Widerstreit der Gefühle über sein Gesicht: in rascher Folge Erschrecken, Wehmut, Freude, Glück. Er schnellte auf und umspannte mit sieberheißen Fingern die Hand Hammers und stammelte mehr als er sprach:
„Freunde —? Wir beide , . . ach, wie gern! . . . Ach, wie gern, Herr Baumeister! Es ist das erstemal, daß mir jemand von Freundschaft spricht — in so — so herzlichem Tone ..." Und wieder wurde er weich und fuhr fort, während große Tropfen über seine Wangen rannen: „Ich fühle, ich bin heute unfähig, mit Ihnen weiter über das Geschäftliche zu verhandeln. Ich suche Sie auf, Herr Baumeister. Lassen Sie mir nur Zeit . . . Dieser gräßliche — gräßliche Tod Rosalbas hat mich so furchtbar erschüttert. Ich bin gar kein Mensch mehr. Jeder Nero in mir zittert und ist wie zum Zerreißen gestrafft. Ich . . . mein Gott, ich bin sehr unglücklich ... ich habe mein Bestes verloren ..."
Er sank zurück in den Sessel, schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte laut. Sein ganzer Körper war wie öoti Krämpfen geschüttelt.


