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zieren. Aber nach langem mühevollen Suchen gelingt «s ttjnt, nur eine durchreisende Dame dieser Art aus der Terrasse des Ratskellers aufzufindm, die von Göttingen in dieser Hinsicht nicht minder cnttünscht war, als er selbst. Nach diesen verunglückten soziologischen Studien versenkt er sich denn ganz in die idyllische Ruhe dieser altertümlichen Stadt mit den verschlafenen alten Häusern, in denen die kleinen Fenster wie müde Augen blinzeln, mit den im Sonneuglanz träumenden bunten Vorgärten, mit dem stillen Friedhos, der unter dem grünen Dach der Bäume an der Straste liegt. Ja, das ist eine sriedevolle Stadt, in der sich's gnt studieren, Nachdenken und philosophieren läßt. Aber von dieser intensiven Geistesarbeit bemerkt er auch beim schürfsteri Hiirschen Nur wenig ... Wo sind die Heranwachsenden Gelehrten, die unterm Arm emsig Bücher nach Halise schleppen, um aus ihnen der Weisheit Born zu trinken? Dem Studenten iu Couleur ist ja nicht nur das Tragen eines Regenschirms, sondern auch jeden kleinsten Pakets verboten, imi> er darf nicht nur keine dicken Schweinslederbände, sondern nicht einmal einen Blumenstrauß für die Liebst« selbst tragen. Mit sarkastischem Lächeln verweilt der Franzose wieder bei der innigen Hingabe der jungen Leute an Essen und Trinken, wovon er schon so viel geschrieben, und besieht sich dann einige Gruppen promenierender Studenten. _ „Es ist augenscheinlich, dast ihr Ideal darin.besteht, dem Offizier zu ähneln. Rasiert oder mit einem leichten Schatten über der Lippe, die Haare pomadig glänzend, so schreiten sie in gerader Haltung daher, mühen sich, alte jenen Gesten der Steifheit, des Ernstes und der Gleichgültigkeit herauZzubrrngen, die sie beim Militär bemerken, und lassell beim Gruß deil Oberkörper automatisch vor- nnd zurückschnellen, Ivie von einer elastischen Feder bewegt. Diesen Schick — wenn er überhaupt einer, ist — haben sie. Und da englische Steifheit augenblicklich Mode ist, so machen diese Gebärden ohne Anmut auf den ersten Blick beit Eindruck einer gewissen Distinktion nnd Vornehmheit." Sie erinnern Huret an den jungen Franzosen, wen» er zuerst aus der Provinz nach Paris kommt und sich krampfhaft, aber allzu aufdringlich alle mondänen Aeußerlichkeiten aneignet. Aber eine Promenade auf der Weender- straste hat seinen! Forschungsdrange nicht genügt. Er ist auch in den Stadtpark gegangen, wo die Militärmusik spielt, der Vater, die Hände auf den Stock gestützt, beim Biere sitzt und die Zigarre raucht, die Mutter, die Hände über dem Leib gefaltet, wachsam um sich blickt, die jungen Mädchen zu zwei und zwei herumflanieren und die Studenten mit den bunten Mützen Biertafel halten. Angesichts dieses Bildes bürgerlicher Heiterkeit meint er, „das; sich seit Goethe nichts geändert hat". Im Verkehr der jungen Leute fällt ihm die Aktivität des weiblichen Geschlechts auf, „Ich habe sehr häufig auf meiner Reise beobachtet, daß es di« Mädchen waren, die den Männern nachzulaufen schienen. Diese, viel zurückhaltender, man möchte sagen schamhafter, haben für die Frauen, die vorübergehen, nur schüchterne Blicke, oder wagen sie nicht einmal anzuseheu. Die Mädchen dagegen blicken sie, nicht etwa aus Verderbnis oder Frechheit, sondern aus Naivität, denke ich, frei an, ein Lächeln auf den Lippen nnd mit herausfordernde!» Blick — insoweit blaue Augen herausfordernd sein können." Auch die unschuldige Lustbarkeit und das bürgerliche Behagen der Göttinger Studenten in einem Ausflugsort der Umgegend hat er mit viel Vergnügen betrachtet. Doch mitten in der lieblichen Natur wehte ihm ein starrer Jedoform- geruch um die Nase, der von den cuyt verbundenen Gesichtern der in den letzten Mensuren Verwundeten ausging, und den er in dieser reinlichen Stadt überhaupt nicht loSaeworde» zu sein behauptet.
WerhrmchtH-LiteratM',
— Vom Fels zum Meer. R e i s e s p i e l. Auf ein«!» großen Prachttableau (120x30 Elm.) ist iu 60 anziehenden Bildern eine Reise dargestellt, vom Hochgebirge ausgehend bis zu den Ufern des Meeres. Die Gebirgswelt und ihre Tiere und Pflanzen, der Wald und feine Bewohner, das Landleben und dllcS was auf der Landstraße sich fortbewegt. Auch Rudersport, Luftballonfahrt, Radfahrer, Bergsteiger, Automobilfahrer sind dar- gestellt, sowie das Großstadtleben und das Leben und Treiben am Meer. All das Interessante und -Schöne, das sich iu Bor- erwühntem bietet, wird im Spiele miterlebt. Preis 3 Mk. Zu haben bei August Frees, Hofbuchhandlung iu Gießen.
— „Ein Regniem", Novelle von.Georg Hirschfeld (Fuselverlag in Leipzig), hat auf dem grauen Einband eine rote Rose und große Titelschrift in Rot und Schwarz. Tie Novelle ist auf Bütten gedruckt, fortlaufend, wie die alten Handschriften in großer starker Frakturschrift. Hin und wieder eine große rote Initiale in quadratischem Rahmen. Schwarzer Grund, weiße Vögelchen nnd Zweige darauf, die die große rote Initiale umfliege» und umranken wie ein altes Gemäuer, das lange schon ihrem Mutwillen still hält. Hirschfeld erzählt uns die alte Geschichte vom Ritter, der ein Heiliger wurde. Manche kleinen Züge sind fein abgezirkelt, manche seelische Regung ist intim belauscht. Ein feines, stimmungsvolles Buch voll zarter Poesie.
— Bei I. C. C. Bruns in Minden t. W. erscheint, heraus- gegebeu von Dr. Carl Hageman», unter dem Titel Breviere
ausländischer Denker und Dichter, eine Sammlung von Büchern, die Interesse beanspruchen. In dem nervösen Hasten unserer Zeit ist es wenigen möglich, durch eigene ausgedehnte Lektüre hervorragende Werke von Dichtern und Denkern in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen. Diese Breviere nun enthalten aus den Werken eines hervorragenden ausländischen Autors eine fleißig zusammengetragene Sammlung bedeutender Aussprüche und zeichnen damit einen frappanten Schattenriß der einzelnen künstlerischen Persönlichkeit. In dieser Brevier-Sammlung erschien nun außer dem bereits erwähnten Multatuli-Brevier auch ein Oscar Wilde-Brevier. Mit einem Bildnis OScav Wildes. Geh. 2.50 Mk. Inhalt: Vorwort. I. Die Kunst. II. Die Kritik. III. Der Mensch. IV. Die Gesellschaft. V. Die Moral. VI. Die Geschlechter. VII. Das Leben und anderes. — Bibliographie. Ä. Engl. Originale. B. Deutsche Uebersetzuugen, C. Schriften über Oscar Wilde. D. Aufsätze über Oscar Wilde.
— U n s e r D e n t s ch. Einführung iu die Muttersprache. Von Geh. Rat Prof. Dr. Friedrich Kluge. („Wissenschaft und Bildung." Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens. Her- ausgegeben von Privatdozent Dr. Paul Herre in Leipzig. Erstes Bändchen.) Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. (IV und 147 S.) Oktav. In Orminalleinenband 1.25 Mk. — Eine neue populärwissenschaftliche sammlmig konnte sich kaum besser ein» führen. Kluge eröffnet in zehn feinsinnigen Essays einen Ausblick auf die gesamte Entwicklung unserer Muttersprache. Wie ft» von Anfang au unter fremden Kultureinflüssen gestanden, diese aufgenommcu und vieles abgestoßen hat, ist das Thema der ersten drei Kapitel: Christentum und deutsche Sprache, Sprachreinheir und Sprachreinigung, Grenzen der Sprachreinheit. Eine großzügige Darstellung der Entstehung und Entwicklung unserer Schriftsprache ergänzt in einem vierten Abschnitte das geioonnene Bild. Gelten diese Ausführungen der gesamten Entwicklung unserer Sprache, so wendet such der Verfasser in den folgenden sechs Kapiteln den deutschen Standes- und Berufssprachen zu. Auch hier lernen wir die Ergebnisse der bahnbrechenden Forschungen Kluges kennen. Ob er uns mit den Geheimsprachcn der Gauner und fahrenden Leute, der Geschichte des Rotwelsch, bekannt machte oder uns die Entstehung nnd Entwicklung der Studenten-; Seemanns- o d e r W e i d ni a n n s s p r a ch e vor Augen führt, überall s.hm wir das volle Leben und Treiben der Vergangenheit, und überall ist uns die Sprache ein Spiegel unseres Volkes und seiner Geschichte. Welche Schätze hier noch von einer zielbewnßten Wissenschaft zu heben sind, wird auch dem, diesen Fragen ferner stehenden überzeugend klar, und wir können deshalb nur mit dem Verfasser auf bctS Zustandekommen eines Reichsamtes für deutsche Sprachwisscnschnst hoffen, daß diese Schätze bergen soll und dessen Zielen und Aufgaben ein letztes Kapitel gewidmet ifh- Einer besonderen Empfehlung bedarf das vornehm ausgestattete Büchlein nicht. Es ist so recht berufen, Verständnis und Liebe für unsere Muttersprache zu wecken u.nd ihre Pflege in die richtigen Bahnen zu lenken.
Weihnachts-Musik.
— Helene NieHusen: Musik für unser« Kleinen. Verlag von Alexander Tuncker, Berlin. Preis geheftet 1 Mk. Eine, wie deutlich erkennbar, gebildete und geübte Mufik- pädagogin, gibt in dem klcineit Büchlein ihre Erfahrungen wieder, die sie beim Musizieren mit jüngeren Kindern gemacht hat; sie hat eine sehr brauchbare Anleitung geschaffen, wie man die Kinder in die Kunst einführt und sie darin heimisch macht. Zunächst wird eine Aufzählung und Charakterisierung der Instrumente (z. B. Triangel, Becken, Tamburin ustv.) gegeben, dann die Uebersicht über einige Tonstücke, die zur Begleitung durch Kinderinstrumente geeignet sind. Als Beispiel folgt darauf für Klavier, mit Begleitung der Kiitderinstrumente eingerichtet, das Menuett aus Mozarts Es-dur-Sinfonie, Des weiteren gibt das Buch wertvolle Winke darüber, wie den Kindern am besten die ersten Begriffe der Musik beigebracht werden. Das Werk wird für viele Mütter, denen «I zwar nicht an gutem Willen, aber an guter Methode fehlt, ein willkoinmencr Führer und Ratgeber sein.
Bersteek-Rätfel.
Nachdruck verboicu-
Man flirt’ c ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgende!) Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer".
Kurzweil — Scharlachfieber — Kartenhaus — Bastei — Taunenbanm — Eemal.tin — ZellcngcfäugniS — Weichsel — Patentamt - Kleinodien.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: öitfjoine — Ebercfd'e — Bugen — IRdinenreich — Bavaillatr — Keusspiritußi — liiselfichtv;
Der erste Schnee.
Redaktion! Ernst Heß, — Rotationsdruck und Verlas der Brübt'jchen Unwerütäls-Buch- und SieMdruckerel, R. Lange, Gießen.


