Ausgabe 
7.12.1906
 
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Totei, fouritag auf dem Koßeiodskopf.

(Touristische Plauderei vou L. Si.)

Bei solchem Wetter wollen Sie allein in den Vogels­berg gehen?" Das war die niit berechtigtem Erstaunen vorletzten Sonntag früh am Gießener Bahnhof an mich ge­richtete Frage eines Bekannten. Ich hatte auch selbst ge­schwankt, ob ich wirklich die Fahrt über Nidda nach Schotten und den Aufstieg bei dem schmierigen, naßkalten Nebel­wetter unternehmen sollte. Ich wollte mich aber auf das Großherzogs-Geburtstags-Essen vonr Tag vorher wieder einmal tüchtig aus lausen. Das Barometer hatte doch die ganze Zeit schon seinen höchsten Stand gezeigt. Und dennoch jetzt jenes trostloseste Totensonntagwetter; kein Regen, aber doch ein ewiges Niederrieseln, daß es einem ganz nielan- cholisch und trübselig zu Mute wurde. Trotzdem also vor­wärts ! '

Kurz hinter Schotten fiihrt der Weg am Friedhof vor­bei, der, Ivie sonst, in tiefer Ruhe daliegt. Doch heute, wo die Menschen den Toten einen Gedenktag in den Ka­lender gesetzt haben, mahnt er besonders eindringlich an das Vergängliche. Die ganze Stimmung unterstützt den Ernst. Man kann kaum 20 Schritte weit im Nebel sehen, und wo der Ausblick fehlt, hat das Sinnen und Grübeln Umsomehr Raum. Die Natur ist wie tot. Nur ab und zu fliegt träge ein Nabe auf; ein Buntspecht hakt sich nach schwirrendem Anflug an einen Nußbaum an. Dort warnt ein anfgeschreckter Häher mit heiserem Schrei, hier hüpft eine Schar Meisen fröhlich von Baum zu Baum. In Michel­bach unterbricht nur das Geplärr eines Jüngsten und das Schelten seines Balers die sonntägliche Stille. Manchmal schien der Nebel eine hellere Färbung zu bekommen, dann schloß er sich wieder dichter und blieb mein hartnäckiger Begleiter. Auf dem ganzen Wege begegnet mir niemand. Breungesheim liegt wie ausgestorben. Doch hinter dem Dorf kommt Bewegung in d:e gewaltigen Nebelmassen; es {letzt aus, als mache die Sonne verzweifelte Anstrengungen, ich durchzukämpfen. Hoch oben am Himmel leuchtets schon blau durch. Doch was ist dort links? Nach dem Gackerstein zu spannt sich ganz nabe ein milchiggrauer Bogen, wie ein großer Eisenbahnviadukt, über das Land ittto geht mit vorwärts ein Nebelregenbogen. Ich sah solchen zum erstenmal in meinem Leben.

Da blitzt auch schon von rechts her die Sonne durch die letzten Nebelschleier. Ich stehe am Breungeshainer Friedhof, da wo die uralte Hainbuche noch den Stürmen trotzt, wiewohl eine ansehnliche Höhlung ihr Mark geraubt, ein Bild unverwüstlichen Lebens, nahe bei der Stätte des verwüsteten Lebens. Hier ist die Grenze des Nebels. Jetzt grüßt auch schon das Klubhaus herab; klar liegt die Höhe vor mir. Ein Blick zurück löst das Rätsel. Die ganze Wetterau, soweit das Auge schaut, ein unendliches Nebel- meer, aus dem nur Feldberg und Altkönig, wie ferne Inseln heransragen. Mein Fuß tritt auf das fast trockene Rasenpolster der Breungeshainer Haide. Ueber mir wölbt sich tiefblauer^ Himmel, durch die klare Luft dringen fast sengend die Sonnenstrahlen. Wie sie lacht und herüber­grüßt, diese Sonne! Ja, wenn die alt und runzelig wird und einmal muß es so kommen, dann hebt der große Totensonntag au, vor dem es kein Entrinnen gibt. Jetzr aber glüht und strahlt sie so freundlich herüber, daß das Herz aufjubeln möchte und nicht an Vernichtung glauben will, doppelt dankbar für den unerwarteten, jugendfrischen Sonnenglanz.

Bon der Höhe läuft mir das Bübchen des Klubwirts entgegen gimd ruft mir vou weitemPapa" zu. Es hält wich für seinen Vater, der nach Breungeshain zum Abend­mahl gegangen ist und erst später zurückkehrt. Neben dem Jungen kommt der zottige Spitz gesprungen, wirft sich auf den Rückeiv und rollt mit behaglichem Knurren hin Und her. Auch er hat sich geirrt; ihn hat die bekannte Schwachsichtigkeit der Hunde getäuscht. Im Klubhaus höre ich, daß einige Gießener Bekannte, die schon am Tag vorher «uf den Hoherodskopf gegangen waren, wieder fort sind; Iie sind auf den berühmten Rappen von Köpenick in er Richtung nach Lauterbach davon. Ich mache mir's «un im Klubzimmer des Vogelsberger Höhen-Klubs bequem; es verdankt der Rührigkeit des Gießener Zweigvereins feine Entstehung und macht eine» wohnlichen, gemütlichen Ein­druck. Ich setze mich uns offene Fenster; die Mittagsonne scheint Herein und verbreitet in dem ungeheizten Zimmer

eine wohlige Wärme. Es ist kurz nach 12 Uhr und das Thermometer außen am Haus zeigt 21 Grad C., die Schin­deln fühlen sich ordentlich heiß an.

Von hier oben ist der Anblick des weißen, wallenden Nebelmeeres noch schöner. Zwischen Bilstein und Gacker­stein hindurch wogen die Nebelfetzcn bis au die halbe Höhe des Hoherodskopfs heran, so wie die Brandung ans Ufer schäumt. Man glaubt richtige Mellenkämme zu sehen. In der Ferne sieht der Rücken des B>esterwalds wie ein langes, flaches Gestade heraus. Der Dünsberg ist nicht sichtbar, denn das Nebelmeer geht bis etwa 700 Meter und muß in Gießen eine Tiefe von über 500 Meter haben; kein Wunder, daß bei dem tiefen Stand der Sonne die Strahlen nicht durchdringen. Ich gehe nach der offenen Aussichtshütte, einige hundert Schritte nach dem Bilstein zu und sitze über eine halbe Stunde lang im Freien. Die Sonne brennt und blendet. Ein lindes Lüftchen bringt ein erfrischendes Wehen als Gegensatz und man merkt erst dadurch, daß man auf stattlicher Höhe ist, hoch über dem Staub, Ruß und Schmutz der Städte. Ja, wer in der Stadt läßt sich heute wohl eine solche sonnenglanzdurchflutete Landschaft träumen?

Vou der Rhön ist nichts zu sehen, sie ist ganz int Nebel untergetaucht.

Ich gehe ins Klubhaus zurück. Dort sind inzwischen einige lustige Förster mit ihren Frauen und ein paar Stu­denten angekommen. Heute gibt's ein einfacheres Essen, als gestern: eine Tasse Bouillon, Eierkuchen und dazu echtes Bauernbrot, von dem das Pfund schwerer ist, als bei dem leichten Weißbrot 'in der Stadt. Wie das alles mundet auf der luftigen Höhe! Man darf freilich nicht verwöhnte Ansprüche machen; man ist gut aufgehoben und kann jetzt jederzeit auch unangemeldet erscheinen, denn von jetzt ab bleibt der Klubwirt den ganzen Winter über oben.

Als ich mich nach 3 Uhr zum Abstieg rüstete, überzeugte ich mich noch einmal vom Stand des Thermometers; dieses zeigte jetzt sogar 22y3 Grad C. Es wurde mir schwer, mich zu trennen. Am liebsten hätte ich dem Klubwirt nachgegebe», der einen großartigen Sonnenuntergang voraussagte.

Tags zuvor habe man einen wunderbaren Stern­himmel gehabt und bei Mondscheinveleuchtung deutlich den Taunus gesehen. So ein Sonnenuntergang über dem Nebel­meer ist wie ein Märchen. Da huschen Sonnenblitze über die Nebelkämme, hier und da hüpft ein Strahl über dis Mellen, die Schleier tauchen sich in Purpur und es gibt ein Farbenspiel, wie es die Phantasie nicht großartiger ausdenken kann!

Co sagte ich denn schweren HerzensAuf Wieder­sehen" und stieg nach einigen hundert Metern schon wieder aus lachendem Sonnenschein fröstelnd in den Nebel her­unter. Wieder zog eine Zeitlang der Nebelregenbogen mit mir, bis die Nebel dichter wurden und grau in grau die öde Landschaft mich wieder aufnahm.

In Schotten kam mir der Kirchturm, dessen oberer Teil ganz im Nebel verschwamm, noch einmal so schief und drohend vor. Er neigt sich auffallend nach Süden, wie eine Blume, die sich nach dem Sonnenlicht zieht. Viel­leicht waren es die zu Tal streichenden scharfen Bergwinde, die ihm allmählich den unfreiwilligen Bückling aufzwangen. Aehnliches kann man ,an überschlanken Kirchtürmen in manchen Tälern der Schweiz beobachten.

Am Abend erzählte ich in der nebeldurchseuchten Provin­zialhauptstadt den staunenden Freunden von dem herrlichen Totensonntag auf dem Hoherodskopf.

Huret und die Göttinger Studenten.

Jules Huret, der Plauderer des Figaro, ist nach Göttingcik gegangen, nm dort die deutschen Studenten imNaturzustände" zu beobachten. In der abgeschiedenen Stille des Leinestädtchens hoffte der Franzose awch die reine, unverfälschte Blüte deutschen Etudententum) zu finden, und der neckische Geist Heinrich Heines umschwebte ilM, da er sich auf zehn Tage im Hotel Royal häuslich niederließ, nm einen tiefen Einblick zu tun in die seelische Stimm­ung der deutschen studierenden Jugend. Doch der Geist der Heine- scheu Harzreise ist ein neckischer Kobold, und er hat dem geist- vollen Pariser mancherlei Phantasieen seltsamer Art vorgegaukelt; was er nun schildert, kann keineswegs als ein objektives Bild des deutschen Studenten gelten, sondern bleibt ein Stück deutscher Kultur, gesehen durch ein echt französisches Temperament. Huret wirft auch hier zunächst die spezifisch gallische Frage auf:Ou est la semme?" und durchsucht die gut bürgerliche ehrbare Klem- stadt nach jenen Hnldinnen, die so reichlich die Pariser Boulevards