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deine Kinder verlieren nicht nur ihre Liebe und ihren Glauben an dich, sondern auch die Achtung der Welt. Denke an Elfte, Raymond und Harry! O, meine Schwester, weil ich allein in der Welt bin, weil ich stark bin und nichts zu verlieren habe, laß uns doch bei3 Geheimnis ferner bewahren, laß uns Werner als meinen Sohn gelten lassen und nicht als den deinen. Willst du mir diese Bitte gewähren?"
66. Kapitel.
„Das ist seine Mutter."
Lady Wayne antwortete nicht; sie sah überrascht auf, als sie ihren Gemahl in Begleitung einer fremden Frau ciii- jreten und sorgfältig die Tür hinter sich schließen sah.
Marian sah ebenfalls ans, ihr Gesicht ivard leichenblaß, ein Schrei des äußersten Schreckens und der Ueberraschung entfuhr ihr.
Wie gern, wie gern hätte sie die Hand dieser kiimmer- vollen, gebeugten Mutter ergriffen und ihr alles angeboten, was sie auf Erden ihr eigen nannte, nur um sie davon ab- zuhalten, die Worte zu sagen, die ihr auf den Lippen zitterten.
Doch Kate Jefferies blickte weder nach rechts, noch nach links, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche Majestät und Erhabenheit des Schmerzes, daß niemand ihr in den Weg getreten iväre, einerlei, was sie getan hätte.
Sie schritt geradeswegs aus Lady Wayne zu.
„Was habe ich Ihnen getan," fragte sie, „daß Sie mir so grausam vergelten? Ich habe Ihr Kind großgezogen, und Sie haben mein Hans einsam, wüst und verlassen gemacht. Ich habe, für Ihre Ehre und Ihre Sicherheit gearbeitet; Sie haben meinen Sohn erschlagen, mich des Einzigen und Liebsten beraubt — Gott weiß es — was ich auf Erden hatte. Warum haben Sie mir das getan?"
Lord Wayne horchte auf in Erstaunen und Entsetzen; seine Gattin aber sah klaren Auges in das entstellte Gesicht vor ihr.
„Sie sind ganz und gar im Irrtum," erwiederte sie. „Ich erkläre vor Gott und dem Himmel, daß ich Ihrem Sohn niemals ein Ucbles getan, niemals ihm in Gedanken, Worten und Werken ein Unrecht getan habe."
„Doch, dochl„ rief die unglückliche Mutter, „Sie haben ihn unter vier Augen erschlagen, weil er Ihr Geheimnis entdeckt hatte. Sie haben ihn erschlagen, damit Sie Ihren angesehenen Namen und Ihre hohe Stellung behalten können, auf daß die Menschen Sie ehren, wo Sie doch keine Ehre und Achtung verdienen.
Die beiden Schwestern sahen sich hoffnungslos und verzweifelt an.
„Mein Herz sagt mir, daß ich die Wahrheit spreche," fuhr die arme Mutter fort. „Wer hatte irgend ein Interesse an seinem Tode, als wie Sie? Sein Too sicherte Ihr Geheimnis, und deshalb haben Sie ihn zu Tode gebracht."
„O, nein, nein, tausendmal nein," rief Lady Wayne, „lieber hätte es die ganze Welt erfahren können, als daß Sie Ihren Sohn hätten verlieren sollen."
Marian legte den Kopf ihrer Schwester wieder saust in die Kissen und küßte ihr bleiches, kummervolles Antlitz. Dann schritt sie auf Kate Jefferies zu und legte ihre ruhige, kühle Hand auf die brennenden, zitternden Hände der Unglücklichen.
„Kate, Sie werden das, was Sie jetzt sagen, einstens bereuen. Sie sind außer sich vor Kummer; Ihr Schmerz hat Sie aller vernünftigen Ueberlegnng beraubt. Warum hätte meine Schwester Ihrem Sohne Üebles tun sollen?"
„Um ihr Geheimnis zu bewahren, um zu verhindern, daß er sie verraten sollte. Ich habe immer gehört, daß den feinen, vornehmen Völkern ein Menschenleben nur wenig gilt."
„Aber," unterbrach Lord Wayne, der jetzt zum ersten Male sprach, „Sie sind ganz im Irrtum, Frau Jefferies; jemandem, der solchen Kummer hat, wie Sie, muß man allerdings alles nachsehen. Meine Gattin, Lady Wayne, hat kein Geheimnis, als das ihrer Schwester. Sie sprechen also doch von Miß West. Siechst, glaube ich, die Mutter
des jungen Mannes, der bisher immer als Ihr Sohn gegolten hat."
Die drei Frauen sahen einander an, dann verbarg Lady Wayne, leise stöhnend, das Gesicht in den Händen.
„Marian," flüsterte sie kaum hörbar, „es ist gekommen, es ist da!"
Kate Jefferies lachte bitter und schneidend auf.
„Sie haben Sie betrogen, Mylord; Sie sind reich, adelig und vornehm, aber sie haben Sie betrogen. Die Dame da, die Sie Ihre Gattin nennen, das ist die Mutter Werner's. Sie können mir glauben, ich habe kein Interesse daran, Sie zu hintergehen."
Die Lord Wayne in diesem Augenblick sahen, vergaßen nie wieder seinen Gesichts-Ansdruck, das starre Entsetzen, das ihn jählings wie ein Forstschauer überlief — ein hoher, stattlicher Baum vom Blitz getroffen und in einem Augenblick versengt und vernichtet.
„Unmöglich!" sagte er endlich, „Sie wissen nicht, was Sie sagen."
„Ich spreche die Wahrheit. Lady Wayne, die meinen Sohn erschlagen hat, ist Werner's Mutter."
Lord Wayne sah von einem zum andern. Seine Gattin, die schöne, einzige, unvergleichliche Frau, auf dis er so stolz war, wandte sich weit von ihm, krümmte sich dort auf ihrem Lager, das Gesicht in den Händen verborgen. Kate Jefferies stand da wie ein Geist der Anklage und Rache; Maria», mit dem Licht des Heldenmuts und der Selbstaufopferung auf ihrem Antlitz, trat vor.
„Mortimer," sagte sie, „Du mußt die Worte dieser Frau nicht beachten; ich sage Du-, der Kummer hat sie von Verstand gebracht. Ich bekenne mich Dir schuldig, Werner ist mein Sohn."
Selbst als sie diese Unwahrheit sprach, von der sie hoffte, sie würde ihre Schwester retten, überzog Marians Gesicht die Röte tiefster Scham.
„Tadele mich", fuhr sie fort; „sonst niemanden; tadele mich, daß ich dir mein Geheimnis vorenthalten habe; tadele mich iuegen des Todes dieses jungen Mannes, — nur smone meine Schwester, schone Evelyn."
„Was soll ich glauben?" ries Lord Wahne verziveifelt. „Es scheint mir, daß ich in ein Netz von Verrat und Trug verwickelt bin! O mein Gott, mein Gott!"
„Glaube mir", sagte Marian rasch, „du wirst es dem ganzes Leben laug bereuen, wenn du anderen Worten wie den meinigen Glauben schenkst." ,
Klar und ernst klang dann Kate Jefferies' Stimme durch das Gemach. ,
„Glauben Sie mir, Mylord; irch habe keinen Zweck dabei. Sie zu täuschen. Wenn sie meinen Sohn nicht um- gebracht hätten, hätte ich mich lieber in tausend Stücke reißen lassen, als daß ich sie verraten hätte. Als ich Lady Wayne zum erstenmal sah, war sie sehr krank, war am Rande des Grabes. Dr. Rurke in Abbotsville — dort wahrte ich damals — stand neben dem Krankenlager, und Miß West 'gab mir das kleine Kind zur Pflege. Ich nahm den unmündigen Kleinen, und mein Herz erwärmte sich gegen ihn. Dann sah ich aus seine Mutter. Ach, sie sah noch so jung, so zart und schwach aus, lag und starb dort, wie ich damals glaubte, und ich nahm den Kleinen und legte ihn ihr ein paar Augenblicke in die Arme, aber sie wußte ganz und gar nichts davon. Sie stöhnte immer nur, ihr Kind wäre tot und ihr Mann wäre tot, und sie selbst müßte auch sterben; und ich sagte zu ihrer Schwester noch: „Wie jung sie noch ist, die arme Frau, und schon soviel Unglück und Elend mitzumachen!" Dann nahm ich. das Kind mit nach Hause."
„Mortimer", flüsterte Marian, „sie rast, sie weiß nicht, was sie sagt. Ums Himmelswillen, schicke sie irgendwie auf freundliche Art und Weise fort; sie wird dein argloses Gemüt vergiften, und dann wird Evelyn sterben. Schick' sie fort, gib ihr Geld, gib ihr alles, was sie braucht, aber halte sie um's Himmelswillen nicht länger hier. Daun schilt mich, tadele mich, verfluche und verdamme mich, wenn du willst ", Wenn sie fort ist."
(Foctsebung folgt).


