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1906 — Mr. 180
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Zrn Aanr-e des Geßeimilisses.
Roman von H> v. Raesfeld.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Vielleicht faßte er die tiefe Röte, die ihr Gesicht üOci> aoö, als ein Zeichen von Schuld auf; er blickte sie noch düsterer an.
„Mortimer", sagte sie demütig, „bn bist vollkommen berechtigt, mich git fragen, alles und jedes; aber ich mnß dich inständig nm Entschuldigung dafür bitten, daß ich dir nicht antworten kann. Ach, glarche mir, ich täte es, wenn ich's. könnte."
„Das ist Antwort genug. O, Martan, Marian! Lieber hätte ich dich tot gesehen, als dies erlebt! O Marian, dn mußt mein Weib und meine Kinder verlassen! Ich könnte dich nicht wieder mit ihnen zusammen sehen! Du mußt das Haus verlassen, wo dn geehrt worden bist, wie nie eine Frau zuvor!"
„Tn hast Recht", sagte sie sauft; „ich werde gehen, Mortimer."
„Ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen", fuhr er fort; „aber, Marian, um deinetwillen möchte ich wissen, wie es sich verhält. Hast du dich unglücklich verheiratet? Bist bn betrogen, schlecht behandelt oder bedroht worden? Vertraue mir wenigstens insoweit."
Doch obwohl seine gütigen, teilnehmenden Worte sie rührten und ihr die Tränen in bfe Augen brachten, hatte sie doch keine Antwort für ihn.
„Tic ivillst mir also nicht einmal so weit vertrauen, Marian?"
„Ich kann nicht", erwiderte sie; „du bist mir nächst Evelyn teurer, benn irgend jemand sonst in der ganzen Welt, aber selbst dir gegenüber Ennn ich kein Wort über das Geheimnis verlautbaren."
„Mir ist", sagte er langsam, „als ob einer der glänzendsten Sterne vom Himmel gefallen wäre. Ich kann's nicht glauben. Ich hätte die ganze Schöpfung eher für falsch gehalten, als wie dich."
Leise flüsterte es da vorn Lager her:
„Marian, Mutter und Schwester, komm zu mir."
„Mortimer", sagte Marian, „ivir sind wirklich ivte Bruder und Schwester gewesen. Du hast für mich gesorgt, und ich habe dich geliebt. Du hast mich heute für immer aus deinem Hause gewiesen; sieh, ich, die nie zuvor vor Sterblichen gekniet, kuiee jetzt vor dir und bitte dich, bitte und beschwöre dich, laß mich fünf Minuten, zehn Minuten allein mit Evelyn, ehe ich gehe. Du wirst mir koch nicht sagen, daß ich, die ihr während ihres ganzen Lebens Muller und Schlvester gewesen, — jetzt nicht mehr ihr Vertrauen verdiene. Nein, die Beleidigung wirst bn mir nicht zufügen, das weiß ich,"
Nein, er konnte es nicht. Er hätte nicht sagen können.
ivie es war — aber sie sah in diesem Augenblick eher wie eine Heldin ans, denn wie ein schuldbeladenes Weib/ dessen Geheimnis gerade ans Licht gekommen.
„Menn Evelyn es wünscht", sagte er zögernd, „will ich gehen. „Ich will dir zehn Minuten geben — nicht mehr."
Und Lord Wayne ließ die beiden Schwestern allein zu« fammeu, mit nicht geringerem Schmerze, als ob er gerade Marian habe sterben und ins Grab sinken sehen.
Allein gelassen, war es diesmal Marian, die neben ihrer Schwester uiederkuiete.
„Evelyn ■— Evelyn!" murmelte sie fieberhaft erregt» „O, mein Liebling, mein Teuerstes, sieh nach nicht so an, zittere nicht so; versuche dem zu folgen, was ich dir jetzt sagen will. Ich habe dich betrogen, Eve; ich sagte dir, dem Sohn wäre tot. Es geschah deinetwegen, nicht meinet» wegen; es sollte dir, in der Blüte deines jungen Lebens, nicht alle fernere Aussicht auf Elüek abgeschnitten sein; es sollte deine unglückliche Heirat vor aller Welt verbergen; du solltest leben, schön, geliebt, angesehen, verehrte Ich hatte feinen anderen Grund, Liebling, glaub mir das! Aber der Snfibc ist nicht gestorben, Evelyn, er lebt, und dein Knabe lebt, wie du ihn siehst, schön, genial, liebenswürdig, vte(» versprechend. Eve, mein Liebling, kannst du mir vergeben? Nur für dich hab ichs getan!"
„Ich vergebe dir ja," flüsterte die süße, leise Stimme. „Du bist immer so gut und klug gewesen, aber ick) weißte nicht, daß er, Werner, mein Sohu sei."
„Du hast mir nie dein Geheimnis erzählt, meine Evelyn, und ich habe auch nie darnach gefragt, aber laß c8 sein, wie es ivill — ich wußte, Evelyn, daß keine Hoffnung- oder Alis» sicht für dich, je im Leben wieder glücklich zu werden, vorhanden sei, wenn alles bekannt iviirde. Damit bn deine verlorene Stellung wieder erhalten solltest, Liebling, nahm ich die Sorge für Werner mit mich. Ich brachte ihn unter/ wo ich wußte, daß er gut versorgt und das Geheimnis seiner Herkunft treulich geivahrt werden würde. Bon weitem habe ich über ihn gewacht und alles getan, was ich für ihn tun konnte, und dein Geheimnis ist noch immer sicher; infolgedessen, was ich dir jetzt gesagt habe, glaubt jeder, ich sei Werners Mutter, und du bist gesichert."
„Tii kannst die Last nicht tragen, Marian. Bin ich so gewöhnlich oder so niedrig, Marian, daß du glaubst, ich würde dich für mich leiden lassen?"
„Aber, Eve, du mußt. O, Liebling, sei doch vernünftig: wenn die Wahrheit herauskonuut — mein Golt, ich mag nicht daran denken — du, ein geehrtes, geliebtes Weib, eins Mutter, die ihre Kinder jetzt segnen und verehren, eine große Dame, zu der alles emporblickt, und der altes huldigt — alles wirst du verlieren! Dein Manu wird dir mißtrauen,


