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aber dies neue Gefühl war ganz anders, eine wilde, wahnsinnige Leidenschaft, die sich wie Feuerflammen seiner bemächtigte und ihn durchloderte.
Gleichgiltig, gedankenlos hatte er das Theater betreten, nur mit seinem ständigen Gedanken beschäftigt, wie er Geld bekommen und Betsy gewinnen sollte. Ein plötzlicher Wirbelwind ivar über ihn dahingefegt, ein Vulkan schien in ihm zum Ausbruch gekommen zu sein, Herz und Seele standen in Aufruhr und Flammen. Wie es alles über ihn gekommen, wußte er nicht. In einer halben Stunde war ihm die ganze Welt wie verwandelt.
So vertieft war er in die leidenschaftliche Betrachtung des unvergleichlich schönen Antlitzes, daß er an die daneben sitzenden Herren nicht einmal einen Blick verschwendete, aber als Elfte Wayne sich zur Seite wandte und eine Bemerkung an einen Herrn in ihrer Nähe richtete, folgte Jacks gieriger Blick, und er sah, daß cs sein Bruder Werner war, Werner, dessen Geheimnis er monatelang vergeblich zu entdecken sich bemüht hatte.
Sein Gesicht wurde womöglich noch blasser, und es war kein gutes Leuchten, das aus seinem Auge brach. Er tat einen langen, tiefen Atemzug, rind die Worte, die seine Lippen flüsterten, hatten üblen Klang.
„Also er ist dort, rind ich bin hier; nun, wo er jetzt ist, da will ich hin. Was, er darf in ihr Gesicht blicken und sie anlächeln, er darf zu ihr sprechen, rmd ich muß von weitem zusehen? Das soll und darf nicht sein, niemals 1"
Was für wahnsinnige, ivilde Pläne kamen ihm in den Sinn, Gelüste nach Rache an seinem Bruder!
Sein Bruder! Jack sagte sich diese Worte mit bitterem Hohnlächeln.
„Verd—t, ich bin tausendmal besser als er, wenn sie's nur wüßten. Ich weiß, wie meine Mutter heißt; und wo mein Vater begraben ist, da ist ein ehrlicher Mann begraben. Er hat keinen Namen," ich habe meinen eigenen. Ich bin ein besserer Kerl ivie er."
Unb doch, als er wieder und wieder hinsah, konnte er sich der Einsicht, daß Werner ihm bei weitem überlegen, mit dem besten Willen nicht verschließen. Das schöne, geistvolle Antlitz, die Anmut, Grazie und feine Bildung, alles paßte yoHfommen in diesen fürstlichen Kreis, und Jack sah's, sah's mit bitterem Neide.
„Warum bin ich nicht wie er?" murmelte er bitter. „Alles und alles ist ihm gegeben; sein Gesicht da würde jedem Weibe gefallen. Ich ivill ihn verlassen, da er mir auch eine Aussicht eröffnet; ich ivill mit dem Mädchen da sprechen. Was habe ich nur? Verd —t, alles Gelb in ber ganzen Welt gäd' ich bafür, wenn sie nrich nur einmal so anlächeln wollte, ivie sie's ihn eben getair hat!"
Es schien ihm Jahre, daß er Betsy geliebt hatte, der bloße Gedanke war ihm jetzt zuwider. Schönheit! Ha, sieh das Gesicht da an, wenn es lächelt, das edelgeformte, goldlockige Köpfchen. Anmut! Ha, die Art und Weise, tote diese stolzen, süßen Lippen sich öffneten und die kleinen Perlenzähne durchschimmern ließen, genügte, um denjenigen, der es beobachtete, von Sinnen zu bringen. Und Jack ballte die Fäuste und benahm sich überhaupt im ganzen so merkwürdig, daß seine Umgebung auf ihn aufmerksam wurde und verschiedene ihn mit prüfenden Blicken daraufhin maßen, ob er verrückt oder bloß angetrunken sei.
Dann sah ihn Werner und lächelte herüber — ja, noch mehr, er sprach augenscheinlich von ihm, denn auch Lady Wayne blickte zu ihm herüber, und Jack war überzeugt, daß man von ihm sprach.
„Na, wenn er wirklich Notiz von mir nimmt", dachte Jack, „so will ich ihm freiwillig alles vergeben, was ich noch mit ihm auszumachen habe."
In Anbetracht von Werners steter brüderlicher Freundlichkeit und Zuvorkommenheit konnte das wohl nicht viel sein, obgleich sich Jack noch eine schwere Rechnung gegen seinen Bruder zusammenkalkulierte. Er war neidisch auf ihn, daß er so schön von Angesicht, so fein und gebildet war, neidisch auf ihn wegen aller Gaben, die gegen seine eigene Ungeschicklichkeit und Plumpheit so auffällig abflachen, aber dennoch wollte er großmütig alles dies ver
geben, wenn Werner nur jetzt „von ihm Notiz nehmen" wollte.
Und während das Schauspiel weiter und weiter vorrückte und sich dem Gipfelpunkt der Tragik und dem Ende näherte, berauschte sich Jack immer mehr und mehr au der Schönheit Elfte Waynes.-
(Fortsetzung folgt.)
Meter Moors Iahrt nach Südivest.
Me Abenteuer ein es d eu ts chen Kr ie g er s in Sii d- Westafrika — auf dem Weihnachtstische dieses Jahres durfte man sie wohl erwarten, aber man hätte sie etwas weiter unten gesucht, zwischen Bleisoldaten und Dampfmaschine und Experimentierkasten. Der bunte Einband, der da hervorzulenchten pflegt, hätte einen tapferen deutschen Schiffsjungen gezeigt oder den Sohn eines Farmers, wie er dem Herero den Schädel spaltet, der seine Mutter bedroht, oder tote, er nächtlich die Soldaten mitten ins Lager der Feinde führt oder zehn Hottentottenhäuptlinge persönlich gefangen nimmt und als Schlußapotheose vom General eigenhändig die Denkmünze angeheftet erhält.
Den Schriftstellern für die reifere Jugend wird es nicht recht sein, daß ihnen nun ein echter Dichter zuvorgekommen ist, mit einem Buche, das in viel höherem Sinne der deutschen Jugend geweiht ist. — „Der deutschen Jugend, die in Sü-dwestafrika gefallen ist, zu ehrendem Gedächtnis". — So lautet die Widmung des Buches,*) das Gustav F r e n s s e n als ideelle Liebesgabe darbringt. Das sensationelle Interesse, das jedem neuen Weck ans seiner Feder von vornherein gewiß ist, wird nun einer hohen Sache zugeführt, und der Heroldsvuf der Dichtung zwingt so manchen Stumpfen zur Aufmerksamkeit, der bisher den Helden von Südwest eine tiefere Teilnahme versagt hat. In der Dichtung kommt das Gewissen eines ganzen Volkes znm Ausdruck: das Bewußtsein versäumter Pflichten bricht sich hier Bahn.
Eine Episode ist so recht dazu bestimmt, ans Herz zu gretfen: Die Ktieger liegen schon seit Wochen im Typhuslager, da bekommt einer einen Brief, in dem unter anderem steht, „daß in Deutschland jedermamr von dem Stieg zwischen Rußland unb Japan spräche, von uns aber spräche kein Mensch, ja man spotte über, uns unb unseren Jammer als über Leute, die für eine lächerliche oder verlorene Sache stritten, und man wolle nichts von uns wissen, weil wir das rasche Siegen nicht verständen. Ich wollte den Brief erst wegwerfen; dann aber dachte ich, ich wollte ihn Heinrich Hansen zeigen. Der kam aber nicht. Doch kam am anderen Tag ein anderer alter Schutztrnppler, da zeigte ich ihm den Brief; denn mir war aller Mut entfallen. Er las ihn und lachte und sagte: „Was wundert dich das? Ist es nicht immer so gewesen? Wie viele Frauen hat der König von Siam? Was für ein Strumpfband trägt die Königin von Spanien? Welche Antwort hast du auf die Postkarte bekommen, welche du dem japanischen Feldherrn geschickt hast? Sieh, das find die Dinge, welche die Deutschen interessieren. Du solltest mal hören, wie die Engländer über uns lachen, über uns Redesratzen unb Hanse in allen Gassen. Die Engländer fragen bei jeder Sache: „Was nützt es mir und England?" Damit ging er weg. Und gleich darauf Hingt mit müder Stimme über die oben Steppen hin das sehnsüchtige Lied von der teuren Heimat, das die Stieger im ersten Heimweh bereits aus dem Schisse anstimmten und das sich durch die ganze Erzählung hinzieht.
Es ist dies eine der wenigen Stellen, wo bei accer Einfalt und Anfpruchslosigkeit des Tones durch leise Kontrastierung aus einen Effekt hingearbeitet ist. Im übrigen ist die Erzählung von gesuchter Künstlosigkeit, und wenn nicht von vornherein die Persönlichkeit Frenssens es verbürgte, schon auf den ersten Seiten würde man den Eindruck gewinnen, daß trotz aller Aktualität die Wahl dieses Stosses keine Spekulation war, sondern daß sie für den Dichter eine Entsagung bedeutete.
Frenssen verzichtet darauf, seinen Helden, der nicyt meyr Held ist als jeder andere Mitkämpfer, interessant zn machen. Ein heller, aufnahmefähiger Kopf, aber wenig Individualität. Auch der Entschluß, als Dreijährig-Freiwilliger sich beim See- Bataillon zum Dienst zu melden, ist durch einen Jugendgespielen angeregt worden, und so ist überhaupt der ganze Peter Moor eigentlich eine unselbständige Natur, die unter den Kameraden niemals den Ton angibt. Sein bescheidenes, zuverlässiges Wesen erwirbt ihm das Vertrauen der älteren Krieger und der Vorgesetzten, und so bekommt er manches von anderen zu hören, was der einfache Soldat nie aus sich selbst geschöpft hätte. Unter den tiefen Eindrücken der äußeren Erlebnisse, in den einsamen Stunden des Wachtdienstes und der Patronillenritte reift allmählich auch sein eigenes Seelenleben zu immer größerer Selbständigkeit, und mit der glücklichen Durchführung dieses psychologischen Problems ergibt sich die Möglichkeit, dem Erzähler auch eigene Gedanken des Verfassers in den Mund zu legen. Freilich
*) Pete rMoo rs F ayrt n ach Südwest. Ein Feldzugsbericht von Gustav Frenssen. Berlin, 1906, G. Grote. 210 Seiten. Geh. 2 Mk.


