Ausgabe 
7.11.1906
 
Einzelbild herunterladen

654

Glaub' nur nicht, ich wüßte nichts, weil ich vom Laude komme," fuhr er gekränkt fort.Ich bin nicht so dumm, wie du dir vielleicht eiubildest. Ich habe wie sagen die Vornehmen doch gleich? aha, also ich habe meine Huldigungen einer sehr hübschen, jungen Dame dar­gebracht, einer von der Sorte, wie du eben sagtest, wo es immer heißt: Drei Schritt vom Leibe! Nichts lehrt einen so­viel Lebensart, wie so was. Gehst du heute abend mit zum Theater?"

Ich weiß noch nicht, glaube aber nicht, Jack. Lord Romscy sagte, er möchte mich heute abend noch mal sehen. Vielleicht habe ich zu tun. Ich werde dir aber ein Billet besorgen. Wo willst du am liebsten sitzen?"

Jack blickte nachdenklich drein.Am behaglichsten ist mir's immer im Parterre; vielleicht könnte ich aber zur Ab­wechslung mal auf den ersten Rang gehen; was meinst du?"

Ja, das wird sehr nett sein. Und jetzt also für eine Weile adieu, Jack. Brauchst tut mich, so schreib' mir eben eine Zeile; ich iverde dann gleich zu dir komiiien."

Verstehe, ich soll nicht vorsprechen."

Nein, wenigstens jetzt nicht. Wenn ich mal ein eigenes Haus habe, so ivirst du mir immer willkommen sein. Zu anderen Leuten kann ich dich nicht einladcn."

Sie trennten sich.

Groß mar Weriiers Ueberraschung und halb auch Ver­gnügen, als er, nach Haiise zurückgekehrt, Lord Romscy be­reits auf ihn ivartend fand.

Werner," sagte der Earl,können Sie heute den ganzen Abend opfern?"

Gewiß," war die schnelle Erividerung.

Lady Romsey möchte Sie mit Beschlag belegen, cs scheint, daß sie heute abend zum Theater gehen will, um Romeo und Julie" zu sehen. Lady und Miß Wayne gehen mit. Ich möchte, daß Sie meinen Platz einnähmen, ich habe eine Verabredung auf heute abend, die ich einhalten muß."

Es wird mir ein großes Vergnügen sein," erwiderte Werner, innerlich verlegen, was er wohl mit Jack an­fangen solle.

34. Kapitel.

Romeo und Julie.

Es kam nicht oft vor, daß Drury Lane besser besetzt war, wie an diesen: ereignisreichen Abend. Eine Loge erregte besonders die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, schmückten sie doch zwei der schönsten weiblichen Wesen in London Lady Wayne und ihre Tochter Elsic.

Worte können die Sensation nicht schildern, die die wunderbare Schönheit der Mutter und die liebliche Anmut der Tochter in der Gesellschaft hcrvorgerufen. Wohin sie nur gingen, drängten sich auch die Leute, uni sie zu sehen und zu bewundern, und an diesen: Abend, als bekannt wurde, Lady und Miß Wayne seien anwesend, war man auf ihr Erscheinen neugieriger und gespannter als auf das der be­rühmten Schauspielerin, die die Rolle der Julie spielen sollte.

Lady Wayne hatte nie schöner ausgesehen. Sie trug eine exquisite Abendtoilette von reichem, blauem Sammt, dazu Perlen. Ihr goldenes Haar schien und glänzte wie vor zwanzig Jahren, ihr Antlitz war noch ebenso schön und be­zaubernd. Sie hatte an persönlichem Reiz und Anziehungs­kraft eher gewonnen als verloren, denn obwohl die mädchen­hafte jugendliche Frische dahin, so war doch an deren Stelle der volle Zauber reifer, edelster Weiblichkeit getreten. Sie hätte kraft ihrer wunderbaren Schönheit und ihrer reichen Geistesgaben eine Königin sein können.

Wie sie da saß, in der prächtigen, so geschmackvoll mit Purpursammet und weißer Spitze dekorierten Loge, hätte sich niemand ein schöneres Bild als Lady Wayne denken können. Der blaue Sammet kontrastierte wundervoll mit ihrem gol­denen Haar und der zarten weißen Hant; die schimmernden Perlen waren nicht weißer wie der stolze Nacken und die Arme, die sie schmückten. Sie hielt ein Bouquet von dunkel­roten Rosen und Lilien in der Hand; der juwelenbcsetzte Fächer

lag neben ihr und das schöne Antlitz war gespannt auf die Bühne gerichtet.

Es siel etwas an Lady Wayne auf; dann und wann, wenn sie sich unbemerkt glaubte, überkam sie eine gewisse Zerstreutheit; die dunkelblauen Augen blickten wie abwesend, ein träumerischer Zug, halb Lächeln, halb Trauer, spielte um ihre Lippen. Sie schien dann weit, weit weg in einem Traumlaude zu weilen, wohin ihr nieinand folgen konnte.

Einer dieser Anfälle von Zerstreutheit mußte auch jetzt über sic gekommen sein. Sie saß ganz still. Werner Jefferies neben ihr betrachtete sie in stummer Bewunderung.

Vyn allen ihren Bekannten ging Lady Wayne vielleicht am liebsten mit dein jungen Dichter aus, dessen Name lang- sam berühmt zu werden begann. Es bestand ein so voll­kommenes Einverständnis, eine so tiefgehende beiderseitige Sympathie zwischen ihnen, daß sie da, wo andere Worte aus­tauschen müssen, einfach Blicke wechselten, um sich vollkommen zu verstehen.

Die Welt zögerte mit ihren: Urteile, ob die Mutter oder Tochter schöner aussehe.

Elsie Wayne brauchte weder Toiletten, noch Schmuck, um ihre Schönheit augenfällig zu inachen, an diesen: Abend jedoch trug sie eine weiße Spitzcn-Toilette, mit Rosenknospen besetzt; ein Diamant-Halsband, das Geschenk ihres stolzen Vaters, flimmerte und funkelte an ihrem schlanken, schneeigen Halse.

Unnötig zu sagen, daß der getreue Lord St. Gilbert an ihrer Seite saß. Lady Romscy mar in: letzten Augenblick noch verhindert worden.

Das Stück begann. Werner hatte bei der Erinnerung an Jack und sein merkwürdiges Aeußere mehr als einmal vor sich hingelächelt. Lady Wayne hatte es bemerkt, ihn angesehen und gefragt:

Was lächeln Sie eigentlich, Herr Jefferies? Schwelgen Sie in angenehmen Erinnerungen?"

Er erzählte» daß sein Bruder vom Lande hier sei, und gab mit wenigen Worten eine humoristische, aber wohlwollende Skizze von Jacks Eigentümlichkeiten, die Mylady sehr be­lustigte.

Wo ist er denn?" fragte sie, und Werner spähte im Hause umher, konnte aber keine Spur von Jack entdecken.

Vielleicht ist er schließlich doch nicht gekommen", äußerte er dann.

Sie müssen ihn mit zu uns bringen, sagte Lady Wayne. Seine Absonderlichkeiten tun nichts; er wird uns Ihretwegen willkommen sein."

Und dann verfolgten beide wieder gespannt den Lauf des Stückes. Inzwischen war Jack, der nur, un: sich eine kleine Stärkung zu gönnen, hinausgcgangen war, wieder zurückgekehrt. Er sah, wie die Herren und Damen in seiner Nähe und auch auf anderen Plätzen sehr gespannt eine be­stimmte Loge fixierten und sich Bemerkungen darüber zu- flüstcrten, und Jack, der glaubte, es gäbe etwas Außer­ordentliches zu sehen, und der ja natürlich alles sehen wollte, stand auf und starrte ebenfalls mit aller Macht hinüber. Zu sagen, daß er verblüfft war, hieße seine Gefühle mir schwach ausdrücken; er war mehr als das. Betsy war hübsch, in einer gewissen groben, wilden Art, aber diese zwei Damen da, die er anstarrte, wie jemand, dem plötzlich Schuppen von den Augen fallen, waren mehr als das.

Verflt, sie haben ein Fell wie Seide und Haare wie Gold", dachte er bei sich.Daß es so was auf der Welt giebt, habe ich nicht gewußt."

Dann lächelte Elsie Wayne über eine Bemerkung, die Lord St. Gilbert ihr zuflüsterte, und dies Lächeln blendete Jack, als ob es ein plötzlicher Sonnenstrahl gewesen. Er war verzückt, verzaubert, feiner Sinne nicht mehr mächtig. Es schien Wahnsinn, aber als er sie anblickte, schien sich ihm das Herz in: Leibe herumzudrehen, und die ganze Vergangen­heit schien ihm zu versinken. Er hatte gemeint, in Betsy verliebt zu fein. Betsy hatte ihn angelächelt und ihn mit ihren glänzenden schwarzen Augen geködert, sie hatte seine Sinnlichkeit und seinen Ehrgeiz gleich mächtig angestachelt,