Ausgabe 
7.11.1906
 
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Mittwoch den 7. Hlovemöer

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Im Wanne des Geheimnisses.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck tierboteit (Fortsetzung.)

Betsy hatte ihn auch schwer geärgert. Zuweilen tobt sie munter und freundlich, wie früher, nett und lieb gegen ihn gewesen, hatte sich gefreut, wenn er gekommen war, und wieder, und weit öfter, hatte sie ihn verspottet und ausgelacht über den gänzlichen Mißerfolg all' seiner groß­artigen Bemühungen, ein feiner und reicher Mann zu werden.Bloß gut für mich, daß ich arbeiten kann", hatte sie gesagt.Wenn ich erst warten soll, bis du für mich arbeitest, kann ich lange warten."

Somit war es in jeder Beziehung eine angenehme und willkommene Veränderung für Jack, als Werner ihn nach London einlud.

Geh", sagte Kate Jefferies,geh, wenn du willst, meinetwegen; aber merk dir, läßt du gegen Werner auch nur ein Wort davon aus, was du mir gesagt, so richtest du ein Unheil an, das du bis an deinen Tod bereuen wirst. Das merk dir wohl!"

Sie gab ihm zwar noch etwas Geld, aber Mutter Und Sohn trennten sich kühl.

Du kannst doch ebensogut ein freundliches Gesicht dazu machen", sagte Jack beim Abschied.Du weißt doch, daß ich nicht für meine« eigenen Kopf hin gehe, sondern daß ich dahin eingeladen bin."

Werner Hatte Jack sehr deutlich geschrieben:

Ich kann Dich nicht nach Lord Romseys Haus ein­laden; es ist bereits überfüllt mit Besuch; auch mochte ich mir überhaupt diese Freiheit nicht gern nehmen; ich werde aber an der Bahn sein und Dich abholen. Ich suche Dir dann eine Wohnung und werde Dir soviel von meiner Zeit widmen, wie ich kann. Du sollst alles sehen, was es in London nur zu sehen gibt. Mehr wie das kann ich nicht versprechen."

Jack war äußerst zufrieden damit; er hatte damals noch nicht halb genug gesehen und gierte immer nach Ver­gnügen.

Was wahr ist, ist wahr; als Werner seinen Bruder am Bahnhof traf, schämte er sich einigermaßen. Die Tat­sache, daß Jack ungewöhnlich plebejisch, ja, ordinär aus­sah, ließ sich nicht bemänteln.

Die lodderige, unternehmend sein sollende Art und Weise, wie er feinen Hut aufgesetzt hatte, seine großen, groben, roten Hände, nnbehaudschuht und voll billiger Ringe, der unerträgliche Geruch von schlechten Zigarren Und noch schlechterem Tabak, der ihn umgab, fein über­lautes Sprechen und Lachen kurz, sein ganzes Wesen stieß Werner ab. Werner war kein feiner Herr, kein Stutzer nie im Leben hatte er sich feiner gegeben, wie er war, Pder etwas Besonderes vorstelleu »vollen, aber er hatte

unter feingebildeten Leuten gelebt; sei« Geschmack hajW sich gehoben und verfeinert. Es war nicht zu verwundern, daß die merkwürdige Gestalt da neben ihm ihn abstieß,

Vcrflt, ich hätte dich nicht wiedergekauut", sagte Jack, mit neidischer Bewunderung seines Bruders hübsche Gestalt und seines Gesicht betrachtend,du hast dich ver­ändert, und nicht zu deinem Schaden."

Ja, wir haben uns lange nicht mehr gesehen", ver­setzte Werner ausweichend und sich heimlich die bittersten Vorwürfe machend, daß et nicht brüderlicher gegen Jack empfand. Er haßte sich beinahe, weil er sich von dem Manne, den er für seinen Bruder hielt, abgestoßen und angewidert fühlte. Er zwang sich zu vertraulicher Unters- Haltung mit ihm und wunderte sich all die Zeit über, warum er fein wärmeres Gefühl gegen ityn empfand warum er seinen Bruder nicht einfach deshalb liebte, tofeil er fein Bruder war, und aus feinem anderen Grund.

Er hatte zwei nette Zimmer in Islington gemietet,; und sie begaben sich zunächst dahin.

Nun, Jack", sagte Werner, als sie es sich in der Wohnung bequem gemacht,mußt du dir alles ansehen. Lord Romsey hat jetzt gerade nicht viel zu tun, und ich werde somit mit dir ausgehen können. Sag' mir, was meinst du, wird dir am besten gefallen?"

Jack erwiderte mit einem Augenzwinkern; er hatte eine Vorliebe dafür und glaubte, es sei ein königlicher Weg zum Witz.

Das Theater", sagte er dann, und darnach ein Souper mit Lüftern/'

Werner lächelte unwillkürlich.Augenblicklich wird ant Drury Lane-Theater Shakespeare gegeben würde dir das für heute abend gefallen?"

Shakespeare?" sagte Jack zweifelhaft;hm, er ist 'n bißchen langweilig, was? Ich sehe gern was Sensationelles, so was Packendes, weißt du; aber ich will's 'mal mit Shakespeare versuchen."

Die beste Schauspielerin von ganz England tritt heute abend auf, als Julie inRomeo und Julies

Ist sie hübsch?"

Wenige, wenn überhaupt welche, übertreffen sie," war die ruhige Antwort.

Ahl Dann gehe ich natürlich hin. Um ein wirklich hübsches Frauenzimmer zu sehen, ginge ich überall hin. In­teressieren dich denn keine netten Weiber?"

Doch," lächelte Werner,ich habe einer jungen Dame, namens Poesie, den Hof gemacht, finde sie aber etwas schüchtern."

Hm, schüchtern habe ich sie selbst gern," sagte Jack mit der Miene eines Vielerfahrenen.Es ist viel pläsierlicher, weißt du, als ivenn sie gleich so drauf losstürmen."

Er glaubte wnnders was Kluges gesagt zu haben uni» fühlte sich einigermaßen beleidigt, als Werner laut auflachte.