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Relationen erhöht. Denn vereinigen wir intfere Vorschläge für hie Gestaltung der Sedanfeier, so gibt's deren drei:
1. Internationale Einigkeit,
2. Nationale Einigkeit der Deutschen,
3. Einigkeit der Schuljugend von Gemeinde zu Gemeinde, ober: cs ist dasselbe Thema, nämlich Einigkeit und Friede, variiert durch Anwendung auf verschiedene große Lebenskreise. Gerade am Sedantage aber ergänzt eine Anwendung die andere. Die Bezirksschulfahrt mit ihrer frischen, lebendigen Unmittelbarkeit ist die Grundlage, von der aus die Kinder ahnen können, was „nationale Einigkeit" und „dauernder Völkerfriede" heißt; und der Ausblick auf diese großen und größten Verhältnisse gibt der einfachen Bezirksschulfahrt eine eigentümliche Weihe, eine tiefe Bedeutung: sie tritt damit ideell weit aus ihrem engen Rahmen heraus, dafür haucht sie aber den Ideen, die uns der Sedantag nahelegt, frisches Leben und Lebenskraft ein.
Von diesen Gedanken geleitet, unternahm der Bezirkslehrerverein Großcn-Liuden znr Feier des Sedantages eine Bezirksschulfahrt auf die schönen Waldwiesen hinter der Rinsmühle bei Leihgestern. Prächtiges Wetter schenkte uns der Himmel, als in der Frühe die jugendlichen Scharen von verschiedenen Seiten unter Trommelschlag und Gesang mit fliegenden Fahnen dem Sammelpunkt zustrebten.
„Wallfahrer ziehen durch das Tal Mit fliegenden Standarten, Hell grüßt ihr doppelter Choral Den weiten Gottesgarten."
Zwar nicht alle waren mitgewallt und konnten daun mit Scheffel, allerdings unter umgekehrter Motivierung, weitersingen: „So muß ich weiter durch den Wald Ms räudig Schäflein traben."
Aber immerhin fanden sich zehn Klassen mit rund 650 Kindern zusammen, ein prächtiges Bild für die rings mit der Grunnneternte beschäftigten Landleute. Lehrer Lotz-Leihgestern betonte in einer kurzen schlichten Ansprache die Gedanken, die wir bereits oben erörtert haben. Gemeinsame Vaterlandslieder folgten, und es war erhebend, den zweistimmigen hellen Gesang der großen Schar durch Wald und Au schallen zu hören. Inzwischen hatten sich auch Erwachsene zugesellt und erfreuten sich mit daran, wie die gleichaltrigen KnabeN aller Orte und ebenso die Mädchen, in Gruppen verteilt, unter Leitung der Lehrer fröhlich zusammen spielten. Zum Schlüsse trugen noch die älteren Schuler klassenweise je ein Lied vor und kurz nach 11 Uhr bliesen die Trompeter zur Heimkehr. Diese Bezirksschulfahrt ivird allen Kindern ein schönes Jugenderlebnis bleiben, znmal das einzige Unglück, das dabei passierte, darin bestand, daß ein kleiner Knirps seinen alten Strohhut, dem er beim Schmetterlingfangen auf den weiten Wiesen zudeni schon den Deckel eingedrückt hatte, beim Abmarsch als „vermißt" meldete. Nächstes Jahr aber will er doch wieder mitgehen !
Nun, Herr Kollege, wollen Sie unserem barhäuptig heim- gekehrten kleinen Freund auch noch das Herzeleid antun, daß er durch Ihre Anregung nächstes Jahr womöglich das ganze Sedanschulfest verliert? Ich glaube kaum. Sie sehen ja, wir haben einen Inhalt für die Feier dieses Tages, mit dem Sie gewiß auch als Friedensfreund sich werden einverstanden erklären können. Wir predigen keine „Mordlust und keinen Menschenhaß" und „erhitzen auch nicht die Köpfe unserer Kleinen durch Kckngs- dusel erweckende, säbelrasselnde Phrasen". Wir suchen vielmehr die Herzen unserer Schüler zu erwärmen durch Eindrücke und Erlebnisse, wie sie ihrem Alter angemessen sind und weisen bei diesen schlichten Gelegenheiten ans das hin, was unserem Volke not tut. Aehnliches werden wohl unsere Kollegen alle tun.
Und nun noch eins: Eine rechte Sedanfeier wurde Ihnen zum Problem: wir erkannten Sie als einen Kollegen, der sich der vollen Verantwortlichkeit seines Berufes bewußt ist und als einen edlen Menschen, der seine stillen Stunden mit den: Ideale des Bölkerfriedens nährt. Aber gerade ihre ofsenbar intensive Beschäftigung mit diesem Ideal bringt Sie in Konflikt mit der Wirklichkeit: Sie urteilen hart und einseitig über Ihre Kollegen und trunken von dem Ideal des Völkerfriedens verblassen Ihnen die Ideale Ihres eigenen Volkes. Ein zu hohes Ideal bannt Ihren Blick und so kann es geschehen, daß Sie einem flüchtigen Auge als ideales erscheinen. Alles dies macht uns Ihre Persönlichkeit sympathisch. Hatten Sie nötig, sich zu verbergen? — Hoffentlich steigen Sie bald aus dem rosigen Gewölk Ihrer idealen Träume zu uns hernieder, dann sehen Sie uns auch wieder mit anderen Augen an. —
Gro ßen-L in d en, 4. September 1906.
F. Bach, Lehrer.
Kunst.
— Lange Jahre war Peter Cornelius fast der Vergessenheit anheimgefallen: die Kunstgeschichte sprach von ihm mit kühler Würdigung, die Jüngeren lächelten etwas von oben herab über den „Gedankenmaler", der eigentlich gar kein Maler, sondern nur ein Zeichner gewesen sei. Erst in den letzten Jahren ist ein Umschwung eingetreten: man
hat Cornelius Meder verstehen, man hat ihn schätzen' gelernt. So kommt denn ein Werk grad zur rechten Zeit, das uns Wesensart und Kunst des Meisters trefflich erschließt: in der Sammlung der Künstler-Monographien (Vel- hagen & Kinsing, Bielefeld und Leipzig) erschien zum Preise vou 4 Mk. als 82. Band Peter Cornelius von Christian Eckert, der in feinsinniger Weise das Leben und das Schaffen des Kiinstlers schildert. Der Band 'ist wundervoll illustriert; grad die Schöpfungen von Cornelius eignen sich ja so recht für die Reproduktion in Schwarz. 130 Abbildungen, alle Hauptwerke umfassend, begleiten und ergänzen die "fesselnde textliche Darstellung.
■— Aus der Monographien-Sammlung „D i e D i ch t u u g", herausgegeben von Paul Remer (Verlag von Schuster und Löffler, Berlin, Preis des kart. Bändchens 1.50 Mk.) liegt uns eine sehr sympathische Charakteristik Heinrich Heines durch Wilhelm Holzamer vor, der namentlich dem Wahn von dem „vaterlandslosen Gesellen" energisch zu Leibe geht, und auch die tiefwurzelnde Religiosität des Dichters, der freilich allen Dogmatismus gründlich haßte, betont. Wenn etwas an diesem Büchlein stört, so ist es der etwas abgerissene Stil, der oft nur in kurzen Sätzen ohne Zeitworte spricht. Aber echt und tief nachempfunden hat Holzamer das tragische Geschick des vom Vaterlande verlassenen Dichters..
— Bab, Julins, „W ege zum Dram a". Preis 1.50 Mk. Berlin 1906. Verlag von Oesterheld u. Co. — Wege zum Drama sind die zarten Entwicklungslinien im Schaffen unserer modernen Dramatiker, die zu einer neuen Kunstform des Dramas hinleiten. In Hofmannsthal, Wedekind u. a. sieht Julius Bab die Vorbahner einer neuen klassischen Periode der dramatischen Dichtung. Ihr Ringen nach Form und Gestaltung wird hier mit tiefgehender Psychologie und in liebevoller Durchdringung aller poetischen Probleme klargelegt.
Für die Jugend.
—■ Neue Märchen für die Jugend, ausgewählt und herausgegeben von' Emil Weber, Köln, Verlag Schafstein u. Cie. — Während die Romantiker von Novalis bis Amadeus Hoffmann das Märchen für den Brennpunkt dichterischen Schaffens hielten, ist es in unseren Tagen an die Grenzen der eigentlichen Literatur gedrängt worden und berührt nur bisweilen und scheinbar zufällig das Schaffen eines bedeutenden Künstlers. Der Dilettantismus tummelt sich auf dem Gebiet der Märchendichtung nach Herzenslust, die echten Dichter aber legen eine begreifliche Scheu an den Tag, für Märchendichter zu gelten und verstecken die Märchen, die sie spielend erfunden, hinter hohen Titeln, hinter denen sie niemand vermutet. Im vorliegenden Büchlein (Bilder hat es keine, aber Druck, Papier und Einband zeugen von feinem Geschmack) erweckt Emil Weber einige solcher Schöpfungen aus ihrem Veilchendasein, und bringt damit zugleich den erfreulichen Beweis, daß es um die neuere Märchendichtung nicht so schlecht bestellt ist, wie man das vielfach behauptet. Seine Auswahl zeugt von Umsicht, Geschmack und selbständigem Urteil. Aus Büchern von sieben namhaften Auwren hat er sieben Märchen ausgewählt. Trotz der Unähnlichkeit der Autoren (man denke nur: Wildenbruch und Seidel, Dehmel und Baumbach!) reihen sich die einzelnen Stücke harmonisch aneinander. Die Märchen sind für Kinder vom 10. Lebensjahre ab geeignet.
Bilderrätsel.
Nachdruck verboten.
Auflösung in nächster Nummer.
Echtes rfren.
Auslösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Eines andern Pein empfiitben, Heißet nicht barmherzig sein;
Recht barmherzig sein will heißen:
Wenden eines anderen Pein. Logau.
Redaktion; Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universttäts-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen-


