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die für uns Lehrer ja an und für sich betrübende Beobachtung, daß einer der Unseren vor aller Oeffentlichkeit in dachelbe Vorn stößt, soll uns nicht gegenseitig entsremden. Im Gegenteil! Schauen wir genauer zu, so steckt in Ihnen em Kollege, der sich der Verantwortlichkeit seines Beruses m hohem Maße bewußt ist und edler Mensch, dessen Brust erfüllt ist von dem „Sehnen nach dauerndem Frieden, den die Friedensfreunde anstreben! Ferner aber, und das macht uns Ihre Persönlichkeit noch anziehender, kritisieren Sie nicht bloß, sondern Sie zeigen uns auch, wie zu bessern ist. . „
Zunächst machen Sie einen, manchen unterer Mitourger erschütternden Vorschlag: Weg mit der Schulfeier mit Sedantag! Ihre persönlichen Gründe kennen wir; dazu fügen Sie noch einen Grund formeller Art. Der Sedantag bringt uns „eine Erinnerungsfeier, die kaum noch gefeiert wird, außer in den Schulen. Schon in den letzten Jahren hat man in Lehrerkreiscil stets erwartet, daß endlich diese Siegesfeier aufhören werde, aber alljährlich erscheint im August wieder die bekannte amtliche Verfügung, die dem Lehrer die Abhaltung einer Schulfeier zur Pflicht macht." So scheine die Sedanseier für die Schule allein gewissermaßen unter Denkmalschutz gestellt. Ob Sie nun aber Glück haben werden mit Ihrer Anregung bei der Schulverwaltung? Sie scheinen es vorerst selbst nicht zu glauben und wie ich vielleicht vermuten darf, in den tiefsten Falten Ihres Herzens auch nicht ernstlich zu wünschen. Sie tun nur so, als wollten Sie das Kind mit dem Bade ausschütten, in Wirklichkeit aber wollen Sie ja nur den Kriegsbengel herausschleudern und dadurch Ihrem Liebling, bent Friedensengel, Platz machen.
Das ist Ihr zweiter wirklich ernst gemeinter Vorschlag, daß wir den Friedensboten am Sedantag neben uns auf ben Katheder setzen. „Eine rechte Sebanfeier sollte nicht bas betonen, was bie Völker trennt, sondern was sie eint, was sie hinführt zu den gleichen Zielen der Humanität. Man erwecke Abscheu gegen den Krieg, dieses „furchtbar wütende Schrecknis" durch lebendige Schilderung all des Elends, das er über tausende von Faniilien und Kriegern, ja über ganze Völker bringt. Der Lehrer soll der Jugend wahre Sittlichkeit und Nächstenliebe, Achtung vor Leben und Eigentum der Nächsten einpftanzen usw." Was ist damit erreicht? „Auf diese Weise kann man den Boden vorbereiten, der Nächstenliebe, Menschenliebe und Duldsamkeit erfreulich sich entfalten läßt, aber nationaler Selbstüberhebung und Kriegslust keinen Raunr bietet." Nuir Herr Kollege, ich werde jede Diskussion über Ihr Lieblingsthema vermeiden. Ich weiß, Sie kämen b ann gleich wieber bei etwa hcrvortretenbem mangelhasten Verstäubnis meinerseits kopfschüttelnd zu bem Schluß, daß nur gewisse Jugenbeinbrücke usw. Ich bin also ganz bamit einverstanden, wenn die Herren Kollegen in Zukunft ihre Phrasen mehr nach dieser Richtung hin sich entwickeln lassen sollen. — Wer nun daran keinen Geschmack findet, dem zeigen Sie noch einen anderen Weg. „Der Freude darüber, daß Deutschland besonders nach dem letzten Kriege wieder einig, groß und mächtig geworben ist, kann gewiß auch Ausdruck gegeben werben." Daß aber bieses Thema gegen Ihrem Haupt- und' Lieblingsthema etwas an Güte zurücksteht, enthalten Sie uns nicht vor, benn Sie fahren fort: „Doch bie Greuel unb Sck)recken bes Krieges sollen mehr unb mehr bas Sehnen nach dauernbem Frieden wecken, ben bie Friebensfreunde anstreben." Bertha v. Suttner kann wahrlich mit ihrem Jünger zufrieden sein!
Hoffentlich werden Sie mir nicht bös, wenn ich mich im Folgenden dieses Themas zweiter Güte etwas annehme. Betonen wir z. B. einmal, daß Deutschland „einig" geworben ist, so eröffnet sich uns eine weite Perspektive. Die Geschichte bittet Anhaltspunkte genug, zu zeigen, wie sehr Deutschlanb von seinem wahren Erbfeind, ber inneren Uneinigkeit, gelitten hat. Deutschland in seiner Zerrissenheit unb Ohnmacht fand aber auch unter seinen Söhnen eble Naturen, bie biesen wahren Erbfeind ihres Volkes erkannten unb bem darnieberliegenben Lanb „Einigkeit" prebigten unb biese Sehnsucht unablässig nährten. Dieser. Traum der Besten warb Wirtlichkeit, als ber Krieg 1870/71 ausbrach unb baß biese Einigkeit, bie Napoleon wiber Erwarten vorfanb, eine Tat war für bie beutschen Stämme, bas fühlen wir aus Freilig- rath's Begeisterung heraus, bie singt:
„Da rauscht bas Haff, ba rauscht ber Belt,
Da rauscht bas deutsche Meer, Da rückt die Ober breist in's Feld, Die Elbe greift zur Wehr. Neckar unb Weser ftiitmen an. Sogar bie Flut bes Mains, Vergessen ist ber alte Span: Das deutsche Volk ist eins!" „Schwaben unb Preußen, Hand in Hand, Der Norb, ber Süb, ein Heer, Was ist bes Deutschen Vaterland — Wir fragen's Heut nicht mehr.
Ein Geist, ein Mm, ein einz'ger Leib, Ein Wille sind wir heut, Hurra, Germania, stolzes Weib, Hurra, du große Zeit!"
Nicht seit dem letzten Kriege also ist Deutschland einig geworden, sondern der Krieg selbst verlief ja schon unter der
Einigkeit der deutschen Stämme. Und wenn nun die Kapitulation Sedan's als Glanzpunkt aus dem Verlauf des Krieges hervorragt, so ist sie uns, als Teil für das Ganze, ein großartiges, weltgeschichtliches Beispiel dafür, was die Einigkeit des deutschen Volkes vermag. In Versailles wurde die erprobte Einigkeit als Grundlage für die Zukunft des deutschen Volkes geheiligt und dieser Grundlage wollen wir uns stets wieder aufs Neue bewußt werden. Ich darf Ihnen daher als ein weiteres Thema für Sedansciern „National-Einigkeit der Deutschen" nennen, obzwar ich mir gleichzeitig bewußt bin, das Ihrige an Güte nicht erreicht zu haben. Sie werden von „internationaler Einigkeit", von „dauerndem Völkcrfrieden über den Erdball hin" reden können vor Ihren Schülern, während mein Thema ben Slblerflug ber Geister etwas e inengt. Aber trotzbem liebäugeln beide Themen doch miteinanber. Es gehört unter bie Zahl meiner Jugend- eiubrückc — wer bafür verantwortlich ist, weiß ich nicht mehr — baß ein einiges, starkes unb mächtiges Deutsches Reich zugleich eine Garantie für ben Frieben, wenn auch nicht auf bem Erdball, so doch in Europa sei. Dieser Jugendeindruck ist in mir hasten geblieben und hat durch die Tatsache eines 36 jährigen Friedens sogar noch etwas an Macht für mich gewonnen. Sie sehen also, Herr Kollege, daß ich von Ihnen sachlich doch nicht so weit mehr entfernt bin, wenn ich meinen Schülern in feierlicher Stunde sage, daß es gut sei, wenn Deutschland stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhalte.
Dagegen entferne ich mich jetzt methodisch etwas von Ihnen. Mit Recht tadeln Sic bie „Kriegsbusel erweckenden,^säbelrasselu- ben Phrasen"; bafür empfehlen Sie uns „lebenbige Schilderung" bes Kriegselcnbs nnb wahrer Humanität; eine Sebanfeier nach Ihrem Geschmack müßte also bann, wenn ich recht verstehe, mit „Friebensbusel erweckenben Phrasen" bestritten werben unb ich selbst würbe bann mit „Einigkeitsdusel erweckenben Phrasen" ber dritte im Bunde werden. Aber ehe dieser Bund sich schließt, schwenke ich seitwärts ab. _ , . _ _
Es ist ein altes Eigentum pädagogischer Lehre, daß „Worte' kein so gutes Lehrmittel sind. Wie man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Vielmehr gilt, was Jesus vom Beten sagt, auch vom Unterrichten. „Wenn Ihr unterrichtet, so sollt Ihr nicht plappern wie die Heiden, denn sic meinen, sie würden erhöret, wenn sie viele Worte machen." Wir stellen vielmehr höher als das „Wort" des Lehrers „die eigene Tätigkeit, das eigene Erlebnis" des Schülers. c .
So müßten wir also folgerichtig unser Thema von der Einigkeit, Einigung und Einheit der deutschen Stämme Jür unsere Schüler umsetzen in ein Erlebnis, das ihnen die Sache nahe brächte. Bei diesem Versuch geraten wir. aber, — Herr Kollege, erschrecken Sie nicht! — in verschwindend kleine Dimensionen. Indessen dieser Abstieg in den engen Erlebniskreis unserer Kinder ist ja für uns eine methodologische Notwendigkeit bei all unserer Unterrichtstätigkeit. In ber Geographie müssen uns ja auch bie kleinen Berge unserer Heimat als anschauliche Grunblage bienen zur Konstruktion einer Vorstellung alpiner Bergriesen, bie kleinen Bäche für breite Ströme; unter bent anschaulichen Vilbstz ber Familie lehren wir unsere Schüler bie Gemeinbe, ben Staat begreifen u. s. f. So können wir auch unsere Schüler einmal gelegentlich erleben lassen innerhalb ihres kleinen Änschauungs- kreises, was wir mit ber „Einigkeit ber beutschen Stämme" meinen, zumal sie häufig auch schon auf Kriegspfaben wanbeln.
Die internationalen Beziehungen unserer Schuljugeub be- ginnen ja schon, wie jedermann weiß, von den Gemarkungs- grenzen des heimatlichen Dorfes und meistens werden bie Differenzen von Dorf zu Dorf nicht int Sinne ber Friebensfreunde eriebigt, sonbern bie auswärtige Politik bebient sich hier sehr rasch ber ultima rat io in Gestalt ber Chausseesteine. Gewiß Herr Kollege, haben Sie schon einmal ein solches Kriegsbitz in kleinsten Dimensionen sich an einem Sonntagnachmittag ent» wickeln sehen, unb gewiß ist Ihnen in raschem Gedankenslug bieselbe Sache in ben Ihnen geläufigen großen Dimensionen ber Völker bes Erbballs vor bie Seele getreten.
Internationale Einigkeit ist aber Ihrer Seele Sehnsucht und bie Kulturvölker suchen ja auch in biefer Richtung praktisch fortzuschreiten. Sie suchen gegenseitige Annäherung, um sich keur unb verstehen zu lernen. Ich barf vielleicht bescheiben erinnern an bes Prinzen Heinrich von Preußen Amerikafahrt, an ben Professorenaustausch zwischen Deutschlanb unb Amerika, an bie jüngste Reise beutscher Journalisten nach Englanb, an ben gegenwärtigen Besuch schwebischer, bänischer unb russischer zßriegsschisfe int Kieler Hafen usw.
Kehren wir wieber, bereichert bnrch biese Beobachtungen in unsere kleinsten Dimensionen zurück, so werben wir in 'Analogie dazu bie Kinber verschiebener Ortschaften gelegentlich einmal zusammenführen, bamit sie sich kennen lernen, zusammen spielen, zusammen fingen unb zusammen fröhlich finb. Dann Werben sie fühlen, was wir Lehrer meinen, wenn wir von „Einigkeit" zu ihnen sprechen.
Nennen wir ein berartiges Erlebnis eine „Bezirksschnlsahrt", so kann man eine solche allerdings an jedem Tage veranstalten, denn sie besitzt ja, wie Wir sahen, einen selbständigen Wert. Ich glaube aber, es gibt keinen passenderen Tag dafür als gerade der Sedanstag, weil sie an. diesem Tage ihren Wert noch durch


