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Wanderlebens sich aussetzen wollte. Stetig und ruhig wollte sie ihren künstlerischen Aufgaben leben.
In einer hübschen Villa im Tiergartenviertel hatte sie ihr Heim aufgeschlagen, und dort empfing sie soeben den Besuch ihrer Cousine Lucie, die von ihren Eltern aus Bernstadt Grüße überbrachte.
Della war in ihren kleinen Salon getreten.
Die Glastüren, die auf einen Balkon führten, waren geöffnet.
Im Vorgarten blühten die Hyazinthen und Tulpen und Krokusse in zierlichen Beeten und strömten einen süßlichen Dust aus, der sich eigentümlich dem herben Erdgcruch vermischte, der aus dem Tiergarten herüberkam. Das zarte, noch sehr dünne Grün der Baume vermochte den Sonnenstrahlen kaum zu wehren. Alles erschien wie in Licht getaucht. In echtem Arühlingsglanze!
Diese Stimmung durchdrang auch die junge Künstlerin. Die köstliche Maienherrlichkeit erfüllte sie mit Entzücken. Freudig und herzlich begrüßte sie ihren Gast.
„Das ist prächtig, liebe Lucie, daß ich dich bei mir sehe," kam sie ihr entgegen.
„Eine reizende Ucberraschung! Seit wann bist Du in Berlin ?"
„Seit heute früh und nur für ein paar Stunden/'
„Die du mir aber schenken mußt."
Sie war ihr beim Ablegen von Hut und Mantel behilflich und klingelte dann der Zofe, bei der sie ein Frühstück bestellte.
„Und von Vater und Mutter kommst du, aus Bernstadt? Aus der Heimat?" Ein heller Strahl glitt über ihr Gesicht.
„Wie hast du die Lieben dort gefunden und verlassen? Steht dort auch schon alles im Frühlingsschmuck? Das ganze Tal — und blühen die Kastanienbäume vor der Kirche?"
In ihrer freudigen Aufregung beachtete sie gar nicht, wie zurückhaltend und gemessen Lucie war und daß ihr herzliches Entgegenkonnnen kaum Erividerung fand.
„Es muß ja jetzt herrlich sein dort unten . . ♦ wenn hier in der Großstadt der wunderbare Zauberer Frühling schon solche Wunder wirkt."
Dabci hatte sie ihren Gast in die offene Balkontür gezogen.
„Sieh das an, Lucie! Ist es nicht entzückend? Der in jungem Grün prangende Park drüben, hier — mein blüten- durchduftctcs Gärtchen, in das ich direkt vom Balkon aus gelange ... Ist es nicht schön, Lucie?"
„O ja! Sehr niedlich!"
Sie sah sie erstaunt an.
„Ach ja, Della, du mußt dich nicht wundern, wenn mir alles klein erscheint, seit ich im Schloß Giersdorf war."
Della lächelte bei diesen stolz prahlerischen Worten.
„Wahrhaftig, das hatte ich beinahe vergessen, in der Freude, dich hier zu sehen und Neuigkeiten von zu Hause zu hören. Aber nun sollst du auch ordentlich erzählen."
Sie wendete sich ins Zimmer zurück, ivo inzwischen das Mädchen den Tisch gedeckt und ein Frühstück serviert hatte.
Luciens Augen glänzten. Für Tafelfreuden war sie noch immer sehr empfänglich.
„Du mußt Appetit haben, nach der Reise."
„O ja!"
„Also, dann laß es dir gut schmecken. Und während wir essen, plaudern wir und du berichtest getreu, was du erlebt hast in meinem lieben, alten Neste."
Sie legte ihr bei diesen Worten ein Stück Geflügelpastete auf den Teller und reichte ihr die Spargelschüssel, in der die weißen, zarten Stengel dicht aneinander lagen.
„Spargel ist das schönste Frühlingsgericht," begeisterte sich endlich auch Lucie und lud eine ganze Menge auf ihren Teller ab.
Della goß Wein in die grünlich schillernden Gläser.
„Rüdesheimer," las Lucie mit Kennermiene von der Etikette.
(Fortsetzung folgt.)
Sedantag und Schulfeier.
Daß die rechte Sedanfeier für einen ernst denkenden Lehrer zum Problem werden kann, zeigt der „Sedantag und Schulfeier" überschriebene Artikel in Nr. 204 dieser Zeitung; zumal wenn man den Wert der Jngendeindrücke fürs Leben so hoch einschätzt, wie der Verfasser und wie es wohl bis zu gewissem Grade jeder Lehrer und Erzieher überhaupt muß, der den Glauben an seinen Beruf nicht verlieren will. (cf. Jesu Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat, Markus 4, 26—29.) „Darum sollte der Lehrer wohl überlegen, wie er eine solche Feier abhalte."
Das Resultat der Ueberlegnngen des Verfassers geht nun zunächst ^ahin, daß der Inhalt der seitherigen Schulfeiern im allgemeinen nicht der richtige war. Man gefiel sich darin, „den Erbfeind mit Hohn und Spott zu überschütten, Kriegsbegeisterung, Mordlust und damit Menschenhaß zu predigen, nationalen Hochmut in die Kindesseele cinzuflößen, der für andere Völker nur Geringschätzung und Verachtung übrig hat und immer tatendurstig bereit ist, loszuschlagen". Kurz, die Sedanfeier war ein Haufwerk „Kriegsdusel erweckender, säbelrasselnder Phrasen". Sieben die Lehrer bei ihren Schulfeiern tatsächlich ein solch blutiges Kolorit? Seit nahezu zwei Jahrzehnten werden offenkundig deutscherseits Bemühungen gemacht, ein gutes nachbarliches Verhältnis zu den Franzosen herznstellen. Unser Kaiser hat keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um die Beziehungen zwischen beiden Völkern freundlicher zu gestalten; man denke z. B. an die gestrandeten Franzosen in den nordischen Gewässern. Ebenso arbeiten unsere amtlichen Kreise nach dieser Richtung hin; französische Reisende und Reisegesellschaften genießen in Deutschland die zuvorkommendste Aufnahme, wie die jüngste Reise französischer Aerzte in unserem Laude bewiesen Ixit. Deutsche Bergleute gruben jüngst ihre verunglückten Arbeitsgenossen auf französischem Boden aus Nacht und Verderbnis hervor, u. f f. Sollten unsere Kollegen das alles nicht merken? Wo alles liebt, sollten die Lehrer allein hassen? Ich glaube, hier hat sich der Ber- sasscr, wenn nicht gar in der Farbe, so doch ganz gewiß in der Nuance stark vergriffen. Er entpuppt sich nämlich als eifriger Jünger von Bertha v. Suttner und so sei es ihm verziehen, wenn er seiner Feder, die jedenfalls sonst nicht so dicke Striche macht, hier offenbar einmal des wirkungsvollen Gegensatzes halber etwas zu viel Freiheit ließ.
Noch schrecklicher aber, als jene blutfrohen Sedanfecern selbst sind ihre Folgen, die dem scharfen Auge des Verfassers nicht verborgen bleiben konnten. Zwar hat sich der diplomatische. Dienst des auswärtigen. Amtes dadurch nicht schwieriger gestaltet, wohl aber sind betrübende Erscheinungen in der deutschen Volksseele nicht ausgeblieben. „Wenn mittelalterliche Vorurteile iubezug auf Krieg" und Kriegsnotwendigkeit noch so manches Gehirn umdunkeln und wenn heutzutage so viele den Friedensbestrebungen so wenig Verständnis entgegenbringen, dann kommt man kopfschüttelnd zu dem Schluß, daß nur gewisse Jugendeindrücke, von denen sie sich nicht mehr losmachen konnten, zu solchen Ansichten führten, ja bestimmend - wirkten für seine ganze Ent- wicklung nach dieser Richtung." Aber Herr Kollege! Auch hier hat Ihnen wieder die Friedensschalmei falsche Töne in die Melodie geschmuggelt. Führen Sie Ihr zureichendes Verständnis für die Friedensbestrebungen nur auf gewisse Jugendeindrücke zurück, von denen Sie sich nicht mehr losmachen konnten? Sollen wir mit' Ihnen glauben, daß alle diejenigen, die dem Ab- rüstüngsgedanken kritisch gegenüverstehen, für diese ihre Stellungnahme ebenfalls nur gewisse Jugendeindrücke verantwortlich machen, von denen sie sich nicht mehr losmachen konnten? Ich vermute, die Friedensfreunde sowohl wie die unglücklichen Opfer blutfroher Sedansfeiern werden kopfschüttelnd diesen Schluß abweisen. Lebte der Mensch nur von Jugendeindrücken, so hätten wir Lehrer aller Kategorien das geistige Leben unseres Volkes am Seil wie der Handelsmann das Kälbchen. Hier hat ofsenbar der Lehrer in Ihnen die Macht der Jugendeindrücke überschätzt und der Friedensfreund in Ihnen die Denkkraft der Friedensfreunde sowie der Gegenseite unterschätzt. Wer den Friedensbestrebungen wenig Verständnis entgegenbringt, der muß, das ist für Sie sounenllar, unter einem geistigen Bann stehen, sonst ist so etwas gar nicht zu verstehen. Jugendeindrücke aber hasten meistens fürs Leben, sie werden zu einem Banne,, davon ist der Lehrer in Ihnen überzeugt. So ist geistiger Bann die physische Erscheinung, die der Lehrer schafft und der Friedensfreund gelegentlich bedauern muß. Weihen Sie Ihre Schüler nicht auch einmal ab und zu zur Abwechslung in die Geheimnisse des .selbständigen Denkens ein?
Wenn Sie. nun auch die Schuld an dem großen, bedauerlichen, nach Ihrer Ansicht selbstverständlich unheilbaren Riß, der durch die deutsche Volksseele geht, der Schule in die <sd)uljie schieben, so sind wir doch weit entfernt, Ihnen darob die Kollegialität zn kündigen. Die Schule ist ja, das ist eine alte Jacke, an gar Vielem Schuld, was diesem oder jenem als ein Krebsschaden am Volks körper erscheint. Da macht es nicht viel aus, wenn auch daran, daß die Friedensfreunde gar oft nicht das wünschenswerte Verständnis für ihre Bestrebungen vorfinden, ine Schule ihren Teil der Schuld haben soll durch ihre „Mordlnst- predigenden" Sedanfeiern, die mit „Kriegsdnsel erweckenden, säbel- rasselndcn Phrasen" bestritten zu werden pflegten. .Und auch


