Ausgabe 
7.9.1906
 
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1906

AreiLag den 7. Septemöer

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Der Siern.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Tie Sonne war nntergegangen.

Nur ein mattvioletter, gelb umsäumter Streifen deutete cm, wo sie hinter den Hügeln verschwunden war.

Ein kühler Abendwind strich durch das Fenster.

Sie erschauerte leise. Er schloss das Fenster und stellte sich mit dem Rücken gegen das Jensterkreuz, so daß sein Antlitz völlig in den Schatten der rasch hereinbrechenden Dämmerung gehüllt war, während ihr bleiches Gesicht an§ dem Halblicht deutlich auftauchlc.

Jede Miene, jeden Zug konnte er genau studieren. Prüfend ruhte sein Auge auf ihr.

Er wußte, daß sie erwartet gehofft hatte, ihn anders zu finden! Er wußte, daß es ein gewagtes Experiment sei, ihr so zu begegnen . . . aber wie vor Monaten war auch heute die Pflicht stärker in ihm als das, was in tausend heißen Wünschen und stürmischen Regungen ihn zu ihren Füßen getrieben, wenn er den Eingebungen seines Herzens sich überlassen hätte.

Ihn Sieger zu sein, muß man sich selber besiegen können! Nach einer kleinen Pause sagte er:

Das alles muß hinter dir liegen, wenn du aufs neue an die Arbeit gehst. Diese Erlebnisse dürfen dir nur Episoden fein, über die du ruhig denkst."

Er hielt einen Augenblick inne, als wäge er noch ein­mal ab, ob er das Aeußerste sagen solle . . .

Ter Graf wird seiner Depression Herr werden. Karl Viktor sagte mir, daß er die Trennung seiner kinderlosen Ehe wünsche, er hat StandcSpslichtcn, er ist eine vornehme, im Kern gesunde Natur, die solche Erschütterungen verwinden kann. Er wird einer sorgfältigen Behandlung bedürfen, großer Aufmerksamkeit aber endlich wird er sich wiedersinden."

Eine Unruhe malte sich auf ihrem Gesicht. Er sah sie scharf an; die Dämmerung sing an, auch ihre Züge zu ver­wischen. Nur noch wenige Augenblicke hatte et Zeit.

Wittelsbach ist hoffnungslos!" Kaum unmerklich hatte er gezaudert.

Sie unterdrückte einen Aufschrei.

Der Größenwahn hat diesen reichen Geist zerstört. Sein überreiztes, jedem Genuß frönendes Leben hat ihn völlig entnervt, Dünkel, Uebermut und die absolute Unfähigkeit, sich zu disziplinieren, haben ihn bis an jenen unsäglich traurigen Abgrund geführt, in dem das Menschliche rettungslos ver­sinkt . . .«

Nun schrie sie doch auf und bedeckte, wie von Entsetzen ergriffen, ihr Gesicht nut beiden Händen.

Er ließ sie ruhig gewähren. Minuten auf Minuten ver­rannen. Völlige Dunkelheit erfüllte das Zimmer.

Sie saß mit herabgeneigtem Haupt, das sie noch immer in den Händen verbarg. Tiefes Schweigen herrschte. Es war, als gäbe es nichts mehr zu sagen nach diesem Letzten, Schrecklichem Und in dieser Tragödie hatte sie eine Rolle gespielt! Ter Gedanke durchschüttelte sie.

Das ist das Leben, Della", sagte er weich und mit unendlich sanftem Tone, als spräche jetzt ein ganz anderer. Tann nahm er ihre Hände vom Antlitz und hielt sie fest. Sie schluchzte auf.

Willst du mir jetzt anvertrauen, was dich bewegt? Jetzt darf ich dich hören."

Mich friert! Hans, mich friert! Die Erde ist so kalt, und ich habe immer nur im Winter gelebt, seit ich das Vater­haus verlassen habe."

Seine Augen leuchteten durch das Dunkel.

In diesem Augenblicke erschollen von nebenan die Klänge des Klaviers und Kantor Brandt sang zu einer alten Melodie:

Ter Frühling ist gekommen, Er stieg hinab ins'Tal.

Noch ist mein Herz beklommen . . .

Manu endet seine Qual?"

Die Kantorin aber betrat fast gleichzeitig das Zimmer mit der brennenden Lampe in der Hand.

Guten abend, Kinder! Ihr habt erich schön verplau­dert, cs ist stockdunkle Nacht."

Der helle Lichtschein siel blendend in Deltas Augen. Dr. Hübner sah sie an.Was hattet ihr euch denn so viel zu erzählen?"

Alte Geschichten, Frau Kantorin, die aber mm ganz vergessen werben."

So ein Doktor erfährt wohl alles?"

Ja, Frau Kantorin, wir Nervenärzte sind die Beicht­väter des modernen Geschlechts. Nicht wahr, Della?"

Sie lächelte etwas matt noch, aber doch wie zustimmend. Sein Experiment war geglückt. Er empfand es freudig.

Wieder blühte der Frühling und umkoste mit milden Lüften die Erde, Licht und Wärme weckten überall frische Triebe und die Natur war wie durchleuchtet von der sonnigen Schönheit des Lenzes. Es war im Mai. Ein Jahr war vergangen, seit Della Brandt wieder der Bühne angehörte. Sie hatte ein festes Engagement am König!. Opernhaus in Berlin angenommen. Die glänzendsten Gastspielanerbietungen hatte sie abgclehnt, weil sie nicht wieder der Unrast des