391
Wenn der brave Schaffner heute noch lebt, — er befand sich noch in den besten Jahren, — und diese Zeilen kommen ihm zu Gesicht, dann möchte ich ihn bitten, mir frei nach Eichendorf einmal eine Gunst zu erweisen nnd trillernd wie die Lerche sich mit mir über Nanheim hoch in die Luft zu schwingen, um dort einen Augenblick in der Vogelperspektive neben mir Platz zu nehmen. Dann will ich ihm, dein ungläubigen Thomas, zeigen, wie die von ihm damals verneinte Bedürfnisfrage gelöst wurde, und wie Nauheim in neuester Zeit in das Zeichen des Verkehrs getreten ist.
Dort unten, wo noch vor wenigen Jahren Kartoffeln gebaut wurden und wo der Schuß der wilden Jäger auf den Feldern den Lauf der Hasen beschleunigte, da stehen jetzt prächtige saubere Straßenviertel mit eleganten Villen, umrahmt von den herrlichsten Wald- und Parkanlagen, und gartenumkränzte vornehme Hotel-Paläste, in denen der höchste Komfort herrscht. Nnd mehr als 60 Eisenbahnzüge, — das dürfte den Schaffner wohl am meisten interessieren, — verbinden durch direkte Fahrkarten das Bad mit allen großen Städten und Hafenplätzen der Welt, und dort aus allen Richtungen der hier oben besonders fühlbaren Windrose kommen die souveränen Beherrscher der Landstraße, die Automobile, mit langem Kometenschweif von Staub nnd aristokratischem Benzin-Parftim schnurrend herangeblitzt, nur dem einen Ziele, der Kurstadt, zustrebend. Auch sonst hat sich vieles, ja fast alles verändert. Da ragen zunächst zwei neue Kirchen, die katholische und die evang. Dankeskirche, Welch letztere vor kurzem eingeweiht wurde, in die Luft. Und dort die großen Gebäude im altdeutschen Stil sind nicht etwa neue .Empfangsgebäude für einen notwendigen Bahnhossneubau, sondern sie enthalten das große staatliche Elektrizitätswerk, seit ver Mitte des Monats der große Licht- und Krastspender für Stadt und Bad, ferner ein großes Fernheizwerk, wie ich es in ähnlicher Vollkommenheit nur noch in Dresden kenne, eine Eisfabrik und die große fiskalische D a m p s w ä s ch e r e i ; in Nauheim wird nicht nur viel gebadet, sondern auch — eins bedingt das andere— viel gewaschen. Die Gebäude mit den frischen roten Dächern uub den neustilartigen aparten, aber sehr praktischen Lufthauben darauf erzielen als westliche Silhouette im Panorama der Stadt einen eigenartig malerischen Effekt mit den sernen Höhenzügen des Bogelsberges im Hintergründe. Man betrachte das Ganze nur tubusartig durch die Hand.
An der Ludwigstraße sehen wir wieder zwei große „altdeutsche" Gebäude, von denen eine Freitreppe zu den Juwelen des Bades, den Sprudeln und Seit Badehäusern, hinab führt. In diesen Gebäuden befinden sich die Bureaus des viel- verzweigten Verwaltungs-Apparates und die Räume der'vielgeplagten Chefs der Kurverwaltung, die wie Josua jeden Tag bitten, die Sonne möchte ihnen doch auch einmal den Gefallen tun und stille stehen, um die zahllosen Wünsche und Gesuche, mit denen sie von den Kurgästen täglich bestürmt werden, in Ruhe erledigen zu können. Die sechs eleganten neuen Badehäuser mit 300 komfortablen Zellen — die ungeheure Zahl der vorjährigen Äther betrug etwa 400 000 — befinden sich noch im Neubau, ebenso wie das monumentale Grundmafsiv für die Sprudel. Außerdem werden aber noch gebaut ein großes Kou - z e r t h a u s, ein großes Cafb mit Kolonnaden, eine neue Saline und ein neuer Trink garten: „Herz, was begehrst Du noch mehr?" — Unverändert als ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht ist nur der schöne wohlgeHlegte Park mit seinen Alleen und lieblichen Rasenplätzen, und dem von Schwänen und Gondeln bunt belebten Teich mit dem Teichhaus, das abends weithinaus erglänzt. Auch die Parkstraße ist trotz zahlreicher eleganter Großstadtläden noch dieselbe wie ehedem mit den ehrwürdigen alten Bäumen, welche jetzt verwundert aus das fremdsprachige Gewimmel von 26 000 Kurgästen wie Heldenväter niederschauen. Eine ganz andere Physiognomie zeigt allerdings die Terrasse; sie ist, um die nötige Ellbogenfreiheit zu gewinnen, jetzt dreimal so groß wie vordem und kaum wieber- zuerkennen, wenn nicht die weiße Fassade des Kurhauses die Erinnerung wecken würde. In gefälligem Barockstil gehalten, begrenzt die Terrasse in breiter Front den Park. Von ihrer Brüstung, hinter sich die gespannten Schutzsegel der Glashalle zur Dämpfung der Hitze, blickt man —. wie von der Brüstung eines Ozeandampfers auf s grüne Meer — auf die grünen Matten des Parkes. Die Terrasse ist der Brodway des gesamten Kurlebens, welches hier in lebhafter Eigenart unter den Vertretenr aller Nationen sich abspielt. Nauheim hat zweifellos die schönste Terrasse der Welt. Und nirgends findet man so viel Annehmlichkeiten mit gesellschaftlicher Zwanglosigkeit gepaart. Man kann auf der Terrasse ebenso zwanglos umherlaufen, wie ein chinesischer Kuli in den Reisfeldern. Wer an gewichsten Stiefeln keinen Spaß hat, der trägt Strandschuhe, und wer keinen Panama besitzt, der trägt eine Reifemütze oder Strandkappe. In diesen Dingen herrscht hier vollkommenste Ungeniertheit; das schlichte Mouffe- line-de-laine-Kleid findet neben der mit Spitzen besetzten Robe der Amerikanerin dieselbe Gleichberechtigung, wie das nationale Gewand der Orientalin, aus deren Augen Blitzpfeile schießen, welche ähnlich, wie die Warnung vor Berührung der Nauheimer Kabel lautet: „Eine gefährliche innere elektrische Hochdruckspannung anzeigen". — Mannigfaltig ist auch die Art der Unterhaltung auf der Terrasse. Man hört interessante AuK-
länber konversieren und stellt Betrachtungen über Knigges Umgang — „mit Messer und Gabeln" an. Dort jene gebräunten Kurgäste aus der Türkei verzehren allabendlich Sam w.» totclet tes, — weil Mohammed es vorschreibt, wie ein Berliner! Börsianer bemerkte, denn seine Religion heißt — Ist a m! Natürlich beobachtet man auch die Toiletten, oder man ergeljt sich in gegenseitigen Leidensgeschichten. In diesem Thema wird Großes geleistet. Es gibt Kurgäste, welche mit einer redseligen Offenheit jedem, der es hören will, von ihren „Herzklappenfehlem" erzählen, als handle es sich um die Klappen einer Klarinette des Kurorchesters. Da bin ich bei der Musik, und es ist erquider bi hierüber nicht nur Gutes, sondern Vorzügliches berichten zu können. Das in dieser Saison neu engagierte „Leipziger Winderstein-Orchester" ist eine der besten Kapellen unsere c Zeit und in ihrem Dirigenten Winderstein hat der Kurort enblstfi einmal wieder einen „Markgrafen der Frau Musika in ihrei; blühenden Reichen" gewonnen, um mit dem Rattenfänger zt! sprechen. Nicht minderen Zuspruch hat auch das Großh. Siir<- theater, in dem man die neuesten Operetten und Schauspiel - sehr gut aufführt.
Jetzt möchte ich meinen Nachbar in der Vogelperspektive bitten, vorsichtig eine kleine Achsennmdrehung nach Südosten zu machen. Da liegen noch im Brunnenvark der Kurbrn n n e n und bet Karlsbrnnne n. Beide sind auch jetzt geschmackvoller getleibel als vor Jahren. Sie iverden als Unterstützung bet Knt sehr viel gegen Stoffwechielerkrankiingen, Gicht und Podagra geträntem Gegen letztere Leiden namentlich von Herren, die auf eine standesgemäß verlebte Jugend zurückblicken. Sie genießen die Flüssigkeit mit demselben Behage», wie die Kinder den Lebertran. Hinter bent Brunnenpark liegt das Gabrielsche Z a n d e r - I n st i t n t. Es ist vorzüglich geleitet, steht mit seinen Einrichtungen nach Zander und Dr. Herz-Wien auf der Höhe der Zeit und bildet eine wesentliche Unterstützung der .Nauheimer Kur", das ist die Methode bet ärztlichen Behanbluiig, wie sie in solcher Vollkommenheit auf der Grundlage der Nauheiiner Quellen in keinem anderen Orte ausgebildet ist. Diese Nauheiiner Schule ist ein bis auf die kleinste Gtädbiffeteiiz des Wassers und der Pulsfrequenz des Kranken ent- ivickeltes Anpassen der verschiedenen Bäderformen an den kranken Organismus und besonders an das kranke Herz. Seit Jahren versucht man sie überall zu imitieren. In jedem Frühjahr lieft man die Geburtsanzeige von bisher unbekannten Bädern, welche, ivie der Ballöwe auf der Reunion der Damen, den Lesern den Miind wässerig machen, indem sie auch Kurerfolge ivie Nauheim prophezeien. Gewöhnlich ist noch ein Appetitreizungsmittel dabei. Früher ivaren es die „Jone", der „negativ-elektrische Sauerstoff" im Wasser, seit zivei Jahren ist das Radium der moderne Hexenmeister im Wasser, welcher alle Wuiiden heilt. Habeant sibi!
Eine Nauheimer Kur ist nur an beit Nauheimer Heilquellen, welche die Vorbedingungen des Erfolges bilden, denkbar. Sämtliche T r i n k q n e l l e n, ebeiiso wie die „Creseenz" der kohlensauren Tafelwässer im benachbarten Schwalheim, sind seit kurzem in die General-Pachtung des Berliner Großindustriellen Eduard Schmidt übergegangen, der als siebenstellig versteuerter Staatsbürger es gar' nicht nötig hat, Wasser zu genießen. Wemi et trotzdem die Trinkquellen, deren geschäftliche Leitung dem Direktor Warnstedt aus Berlin mitersteht, gepachtet hat, so geschieht es namentlich auch in bet Zuversicht auf die nunmehr fettiggestellte, großartig gefaßte Schivalheimet Löwenquelle, welche ein vorzügliches Taselivasser mit enormer natürlicher Kohlensäure enthält, so daß schoi, nach Amerika bedeutende Abschlüffe durch einen alten Nauheimer Kur- und Stammgast, den Pros. Dt. Stark aus Neiv-Botk, erfolgt sind.
Es liegt mir nun fern wie Madrid, alle Vorzüge Nauheims, ivie in der Backstube die Semmel-Techniker den Teig mit dem Kratzeisen, hier zusammenzutragen. Dazu fehlt bet kostbare Raum. We>i bas alles interessiert, der lasse sich gegen ein paar Nickel Nachnahme das von bet „Verkehrskommission" in biesem Iahte heraus- gegebene „Album von Bad-Nauheim" durch die Kurverwaltung übersenden, in dem et alles Wissenswerte, die Aerzte, Wohnnngs- verhältnisse, Quellen-Analysen mit den wildesten Dezimalstellen, sowie einem sehr übersichtlichen Plan von Nanheim findet.
Wer die Umgebung des Babes noch nicht kennt, der studiere die vom Forstassessor Dr. Weber in Nanheim verfaßte Broschüre über „Park und Waldanlagen nebst Ausflügen in die Itmgegenb", welche außerdem mit einer vortrefflichen Wegekarte versehen ist.
Ausflüge! Einet der häufigsten ist wohl der Spaziergang nach der benachbarten Kreisstabt F t i e d b e r g. Auch hier war der wirtschaftliche Aufschwung in den letzten Jahren ein gewaltiger, daß ich eine Besprechung darüber mir für später einmal aufgehoben habe. Nauheim und Friedberg sind zivei Spielkameraden, die, wie es unter ihnen vorkommt, wohl nianchmal mit einander schmollen, aber in Wirklichkeit niemals ohne einander sein können. Wurzelt doch ihre Kraft im gemeinsamen vaterländischen Boden, welcher Nauheim die Quellen und Friedberg den Segen der fruchtbaren W e 11 e r a u bescherte. Und so gehören sie beide zusammen wie Alinentausch und Edeliveiß, wie Castot und Pollux, wie Schleswig und Holstein, unb die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo sie, ivie die siamesischen Zwillinge, auch ein gemeinsamer elektrischer Strang verbindet, wie es der Strang des gemeinsamen Wasserwerks demiiächst schon tut.
In diese» Tagen — mein Abreißkalender verriet es — waren


