390
Sucie, die fehlte doch in Bernstadt. Die Mama vertrete ich und ..."
»Ja, und Papa." Wieder stiegen die Tranen empor.
„Nun aber nicht mehr weinen. Weißt du, Perlen be- deuten Tränen; bei dir aber ists umgekehrt, bei dir bedeuten die Tränen Perlen und Brillanten und Glanz und Luxus und Ruhm, und wenn du erst eine gefeierte Künstlerin bist, lachst du uns alle aus. Nicht wahr, mein Herzchen?"
„Ja, Tante!" kam es mit müder Stimme, wie ans weiter Seelenferne. Ein zerstreutes LäHcln gab dem Munde einen schmerzlichen Ausdruck, und ein verlorener Blick tauchte ins Unendliche, Ungewisse.
Lucie hatte inzwischen mit guten, Appetit ein zweites Stück Kuchen verzehrt.
*
Am Vormittag des darauffolgenden Tages hatte die Justizrätin ihre Nichte den, Professor Ranzoni vorgestellt. Der bewährte Gcsanglehrer hatte sich erst geweigert, die Ausbildung des jungen Mädchens zu übernehmen. Es bedurfte einiger Protektion, um ihn nur so weit zu bringen, daß er sie wenigstens höre und seine Meinung über ihre Stimme abgab.
Als Adele neben ihrer Tante durch die Straßen der großen, ihr fremden Stadt einherschritt, war ihr entsetzlich zu Mute. Eine tiefe Beklommenheit hatte sich ihrer bemächtigt, vor ihren Blicken drehte sich alles im Kreise, die hohen Gebäude, die Kirchen und Paläste, an denen sie vorüberkamen, wuchsen ins Riesenhafte und nahmen schreckhafte Formen an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt vor Angst und Verwirrung. Und in diesem Zustande sollte sie singen! Ein fürchterlicher Schrecken befiel sie. Wenn sie nicht könnte, wenn die stimme versagte — und dann war es wieder wie ein leises Hoffen, ein geheimer Wunsch, wenn der Professor finden würde, daß sie überhaupt kein Talent habe, wenn ihre Stimmittel sich als unzulänglich erwiesen, wenn man sie zurückschicken würde nach Hause . . . Ein Schwindel befiel sie. Tastend suchte sie die Hand ihrer Begleiterin: „Tante . . . ich . . . mir ist gar nicht wohl."
Erschreckt blieb diese stehen. Sic hatte, neben dem jungen Mädchen einhcrgchend, gar nicht bemerkt, welche Veränderung mit ihm vorgegangen war. In ihren Gedanken beschäftigt, was sie dem Professor für schmeichelhafte Dinge sagen wollte, um ihn geneigt zu machen, Della unter seine Schülerinnen aufzunehmen, hatte sie nicht darauf geachtet, wie still und mutlos diese neben ihr herschlich. Jetzt erst gewahrte sie, wie blaß und angstvoll ihre Begleiterin aussah.
(Fortsetzung folgt.)
157 Tage Raubmörder.
Erinnerungen au Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e >n a n n.
(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)
Nachher zeigte mir noch der Brigadier Frechinos fein vierkantiges Seitengewehr, das in runder Stahlhülse steckte, ein« furchtbare Waffe, zwischen deren Kanten runde Hohlkehlen hinliefen.. Im übrigen war er nicht so schlimm, wre er aussah. Zuerst wurde ich wegen meiner gebratenen „Drossel" verspottet, die ich mir als Poulet für 3 Fr. hatte aufhängen lassen. Später mußte jeder erzählen, weswegen er eingesetzt worden war . Mein Kettengenosse, dem endlich die ihm heimlich zugesteckte Zigarette erlaubt wurde, erzählte schmunzelnd, daß er früher beim Hammelschmuggel von Sardinien nach Bonifacio an einem Tage 150 Fr. gemacht hätte. Später bemerkte mein Ajaccioer Leibbarbier, der sich auch unter dem Transporte befand, daß er ebenso sicher wie ich freigesprochen tvürde. Wir wollten dann zusammen durch Korsika reisen. Ms dies der Brigadier hörte, lachte er fröhlich auf: „Oh ja, gewiß, 8—14 Tage geht das ganz schön und dann" . . . hierbei machte er eine eigentümliche symmetrische Bewegung an seinem Halse mit seinen beiden Händen . . . „Alles natürlich aus lauter Liebe, Güte und Verehrung."
„ ,/Nun, so Gott will, hofke ich, nie wieder mit meinen »eben Beppos und Angelos, die inzwischen ausgewachsen
sein werden, vom Ajaccioer Kiuderyof trotz ihrer Engels- köpfcheu, noch mit jenem meiner Gönner, der mich für ein halbes Pfund Weißbrot an seiner Brust ruhend, so häufia rasiert hat, wieder zusammenzutreffen. Ja, ich habe letzterem noch nicht einmal mein Rasiermesser dediziert, das er sich als Andenken erbeten hatte.
Die Fahrt durch die wunderliche Natur in üppigster Frühlingspracht, im sattesten Grün, Bäunie und Busche mit Blüten bestreut, über kühne Viadukte, durch endlos dünkende, kunstvoll ansteigende Kehrtunnel, war eine wahre Erlösung nach furchtbaren 130 Tagen Abgeschlossenheit zwischen hohen Gefängniswänden. Wie oft hatte ich danach gefragt, ob es nicht möglich wäre, daß ich irgendwie im Gartenbau beschäftigt werden könnte, wie freute ich mich jedesmal, wenn ein von anderen so gefürchtetes Verhör stattkand, wenn ich auch zu ihm immer mit schmählichen Handfesseln vorgeführt wurde. Aber das war eine amüsante Unterbrechung in der furchtbaren Eintönigkeit, und ich konnte mit meinem guten Gewissen fröhlich und freimütig aus die verkniffenen Fragen des Richters antworten, der, oft unter seinen Podagraschmerzen sich krünnnend, auf fernem Sessel kauerte. Und dann der prächtige Blick aus dem Verhörzimmer über die weite blaue Meeresbucht von Ajaccio, auf die mächtigen Berge, deren Fuß üppiges Grün kleidete, während ihre Gipfel noch von Schnee bedeckt in den Azurhimmel hineinragten.
Nach unserer Ablieferung im Gefängnis in Bastia mußte ich wahrnehmen, daß hier sehr strenges Regiment herrschte. Was soll ich noch erzählen von der ersten Nacht in diesem Gefängnis und der Zelle, die ich mit einem Wechselfälscher teilte. Als ich sie betrat, hörte ich unten vom Meere her die deutschen Worte in norddeutschem Akzent heraufklingen: „Ach, liebe Mutter, liebe Mutter, siehe!" Spornstreichs aufs vergitterte Fenster mich schwingend, sah ich gerade noch ein junges Mädchen mit seiner Mutter hinter der Mauerecke draußen am Meeresstrande verschwinden. Was soll ich schildern, tvie furchtbar trotz seines schlechten Gewissens mein Knmpan schnarchte und mir dadurch den Schlaf raubte, wie er tags daraus Muscheln und Schnecken zerknackend und ausschlürfend diese Speise neben Früchten als die gesündeste pries uns später in echt ciceronianischer Pose einen Stahlklemmer, dessen rechtes Glas zersprungen war, auf der Nase, mir riet, wie ich meine Verteidigung führen sollte. Was soll ich schreiben von der Massenwaschung an dem einzigen Morgen, den ich auf dem sechs Meter im Quadrat messenden Bastianer Gefängnishof verbrachte, auf dem 22 zerlumpte Gestalten wie die wilden Tiere in Menageriekäfigen hin und her stürmten, bei welcher Massenwaschung jeder aus dem verteilenden Kruge eine Handvoll Wasser zur Gesichtsreinigung erhielt, ivas davon, daß ich bei diesem kürzen Zusammensein, das Schrecklichste, was mir passieren konnte, Bewohner meiner Kopfhaare attrappierte, die erst nach tagelangen sorgfältigsten Säuberungen endlich verschwanden, was davon, daß mir eine neunschläfrige, zweifenstrige Zelle mit prächtigem Ausblick auf das Meer allein angewiesen wurde, an deren Wänden mir die früheren Bewohner einen stolzen Dreiniaster und wilde Verwünschungen auf die holden Frauen und tu die Matratzen unzählige Legionen schlimmen Ungeziefers zurückgelassen Hattert. Wie schwach war ich nach diesen durchwachten Nächten, die ich, ausgestreckt aus meinem Lager, am Tage nicht wieder einbringen konnte.
(Fortsetzung folgt.)
Wad MuHeiur aus der Vogelperspektive.
Von Ludwig Wichmann.
Es sind jetzt gerade 12 Jahre her, da kratzte ich mich in der Gegend zwischen Halle und Nordhausen sehr verlegen hinter den Ohren. Es war — ich weiß es noch genau — im Schnellzug B-erlm nach Frankfurt am 1. Oktober. Dieses Zeichen des Mißbehagens wurde ausgelöst durch eine Bemerkung des Schaffners, der meine Fahrkarte nach Bad-Nauheim kontrollierte und den ungeläufigen Stationsnamen so vorsichtig buchstabierte, als wären es griechische Vokabeln. „Heute, am 1. Oktober", sagte ei dann mit kalter Ruhe, „fft der Winterfahrplan in Kraft getreten, und da halten die Schnellzüge abends nicht mehr in Nauheim. „Wozu auch, es liegt ja gar kein Bedürfnis dazu por . —. Unglaublich, aber leider nur zu wahr! — So mußte ich also in Gießen, allerdings tricht studienhalber, aussteigen, und mit einem späteren Personenzug in Nauheint landen, older kleine Uhrzeiger längst tm Zenith stand.


