Ausgabe 
7.7.1906
 
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Der Stern.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

Warst du bet Dclla drin?" wendete sich die Fran Justizrätin Handtke an ihre Tochter, die soeben, von einem Ausgang heintgekehrt, ins Zimmer trat.

Nein, Mama, Christine sagte mir draußen, sie sei mit dem Auspacken ihrer Sachen beschäftigt und habe ge­weint."

Natürlich! Etivas nervös! Der Abschied vom Hause wird dem Prinzeßchen nicht leicht geworden sein. Ich kann mir denken, was die Tante ausgestellt hat, als es Ernst wurde mit dem Hinausgehen ins feindliche Leben."

Gott, eigentlich heißt es auch ivirklich nur: ,Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben', und daß es der armen Della schwer geworden sein mag, so von allem fort, an was sie gewöhnt war, was sie lieb hatte, kann ich mir wohl denken" ... sie hatte bei diesen Worten den Hut abge­nommen und trat an den Kaffeetisch, an dein die Mutter saß und eine dick mit Butter bestrichene Semmel in den Kaffee tauchte.

Die Della, das ist ivas anderes", antwortete sie mit vollem Munde,diese hat eine Mission, eine Aufgabe; wenn man Talent besitzt, kann man nicht daheim hinter dem Ofen hocken."

Ja, aber bequem ists doch! Du hast leicht reden, 'Mama, hier in der warmen Stube vor deiner Riesenkanne, die unerschöpflich ist, mit ben dicken Butterbemmen, ah und Napfkuchen gibts auch." Sie schnitt ein großes Stück von dem Gebäck ab und' biß mit starken Zähnen hinein.

Der ist wegen Della. Du tust gerade so, als ob der arme Wurm nicht zu essen bekäme, und ich dächte doch ge­rade . . . seit wann findest du denn übrigens, daß man nicht genug mit ihr hermache, das war doch ganz anders, als wir zu Bestich in Bernstadt waren, da warst du ja ge­radezu eifersüchtig auf Della."

Früher war ich dumm! Aber jetzt, seit ich weiß, daß diese ganze Hermacherei gar nicht ihrer Person gilt, sondern ihrem Talent, beneide ich sie nicht mehr."

In diesem Augenblick klopfte es leise an der Tür. Die Justizrätin erhob sich hastig:Das ist sie, sei still mit deinem albernen Geschwätz."

Darf ich eintreten, Tantchen?"

Aber natürlich, mein Liebling. Lueie wollte dich eben rufen. Wir warten eigentlich schon auf dich. Komm, trinke eine Tasse Kaffee, das Auspacken hat wirklich keine Eile, Lutz hilft dir dann dabei. Du mußt ja reisemüde sein, erst

ausrtthen." Sie sprach mit süßlichen: Tone, goß indes den Kaffee ein, schob den Kuchenteller vor und war in geschäftiger Sorge um das Behagen ihres Gastes.

So!"

Danke, liebe Tante!" Es klang wie von unter­drückten Tränen, und mit zaudernder Bewegung ließ sie sich nieder.

Aber Dellchen, du wirst doch nicht! Das wäre ja noch schöner! Lutz soll dir's dann sofort gemütlich machen in beinern neuen Hein: und dich später ein bißchen in der Stadt rumführen . . . das wird dich auf andere Gedanken bringen. Tust gerade, als ob du unter Fremden wärst. Dabei bist du bei deinen nächsten Verwandten . . . was sagst du nur dazu, Lutz?"

Diese sah die Cousine mit einem atts Mitleid und Neu­gier gemischten Blick an.

I, das halt' ich mir auch anders gedacht. Du kamst doch freiwillig her, Della? Du tvölltest doch und nmßtest doch und ja ..."

Nun aber war es mit der mühselig behatlpteten Fassung des jungen Mädchens vorüber.

Gewiß", schltichzte sie,und ja . . . aber es tut weh, so von Hattse fort von Mama und Papa ich muß mich erst daran gewöhnen, habt nur Nachsicht mit mir und Ge­duld ... cs wirb schon werben, das ist nur vorüber­gehend."

Das sind die Nerven, nichts als die Nerven . . « Künstlernaturen sind immer nervös", tröstete die Taute.

Das Wort Künstlernaturen schlug an ihr Ohr, wie aus tveiter Ferne und doch bekannt. Seit zwei Jahren hatte sie es gehört, wieder und immer wieder, in allen möglichen Ton­arten. Bald lockend und schmeichelnd, in- heiterem Klange, bald ernst und schwer, mahnend in ergreifenden Lauten. Jauchzend heut, voll verheißungsvoller Bilder, schwermütig morgen, wie aus unerreichbaren Sphären. Kunst! Künstler! Seit die Tante die erste Anregung gegeben, ihre Stimme ausbilden zu lassen, hatte man zu Hause in allen Varia­tionen davon gesprochen, bis der Entschluß zur Reife ge­diehen. Mit der Hand streifte sie eine Träne ab, die an der Wimper hing.

Und bann ... ja arbeiten muß ich, arbeiten!*

Das ist ber beste Zeitvertreib. Nicht wahr, ßucie?"

O, natürlich", antwortete biese gedehnt, als fände sie es verwunderlich, etwas zu bestätigen, was sie nie erprobt hatte.

Aber nun sei lustig, Dellchen, und denk nicht mehr an den Abschied, bei uns bist du so gut wie zu Hause. Eigent­lich hast du hier noch etwas mehr. Eine Schwester an