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SrttfaMe Dinge in Wogeknesiern.
Bon Dr. Curt Rudolf KreusHner.
Wenn der Aptil ins' Land geht, denken die Vögel an den Nest- ba« Der Poet, der sie Halm um 5)alm znfammentragen steht, bis das Genistc in der Gabelung eines BnnmzweigcS oder Mauerloches, hinter der Dachtraufe des Hauses oder im Gebüsch des Agunköuigreiches fertig ist, singt Dithyramben über die iit der kleincir Vogelbrust wohnenden zarten Gefühle.
Gewiß bietet das Leben vieler Bogclarten in der Zeit des Nestbaues, des Legens, des Brütens und der Aufzucht der jungen das Bild einer soliden, rechtschaffenen Haushaltung Es ist nicht immer dein angeborenen Egoismus abgerungcne Galanterie, die das VoqelmSnuchen, sonst einen.,mr auf seine Herreureckte pochenden Gesellen, veranlaßt, an diesem Werke mitzuarberten. Der elterliche Instinkt treibt zu gegenseitigen Hilfeleistungen. Das' Männchen schleppt Nahrung herbei, damit die Brüterin die Eier nur selten zu verlassen braucht. Und ist sie dazu gezwungen, so nimmt der Herr Gemahl wohl auch selbst ein Weilchen Platz im Nest. Ja nach dem Auskriechen der Jungen scheint das Pflichtgefühl noch eine Steigerung zu erfahren. Wenn der Nachwuchs aber flügge ist, dann verblassen die Eltcrninstinkte imb auch der letzte Funke von Gattenliehe verglimmt.
Das' alles sind Tatsachen, gegen die feine dichterische Phantasie aufkommen kann. Für den, der sehen tvill, bietet aber außer dein eben angedeutcten, das man nicht ohne weiteres mit mcuschlichcu Beziehungen vergleichen kann, das Vogelnest noch manche andere seltsame Dinge, di.e den Vorzug für sich haben, trotz ihrer Kuriosität und Wunderlichkeit buchstäblich wahr zu sein.
Halten ivir einmal eine Haussuchung in beit Behausungen verschiedener Vogelarten ab, so können ivir uns eine kleine Kollektion von Raritäten 'zusammenstellen, die den Reid eines jeden Sammlers erwecken muß. Allbekannt ist es ja, daß alle, die zum-Rabengeschlecht gehören, auf glitzernden Tand wie besessen find. Die zahllosen Geschichten, daß Dienstboten des Diebstahls an Kleinodien angeklagt wurden, die ein Rabe oder eine Elster ftit3 dem offen stehenden Fenster gestohlen hatte, sind nicht Schauermärchen, sondern haben einen recht ernsten und reellen Hintergrund. Ter indische Rabe schleppt in sein Nest alles und jedes, lvas er an absonderlichen Dingen transportieren kann. Teunant, ein unanfechtbarer Gewährsmann auf ornithologischem Gebiete, berichtet, wie eine in einem Garten weilende Gesellschaft ....... —c das furchtbarste erschreckt wurde, weil plötzlich kla-rm ln-iterem Himmel ein gowalti- 1 ••”s fütlb
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halb demoliertes Rabenneg,
gefallen war, und der Koch des nahen Hanieo v<; ! ihm eben dieses Messer kurz vorher von emeni mdu- Küche ein gedrungenen Raben gestohlen worden sei. er Verfasser dieser Zeilen aber kann als Selbsterlebnis mitteilen, da,; nn .^ahre 3899, als er am Ruckcrlberg bei Graz wohnte, im Garten das Rest eines Raben Feuer fing, den man schon wiederholt, beobachtet hatte, wie er glühende Stückchen Holzkohle aus oem Arbeitsraum eines Klempners (Spenglers) wegstibitzte. Em nur befreundeter Arzt, dem seine großen Mittel es erlaubten, sich außer prachtvollen Orchideenglashäusern große Volieren zu halten, hatte einen Teil seines Wintergartens exotischen Vögeln em- geräumt. Es befanden sich darnnter verschiedene asrikanrschss Webervögel aus der. Unterfamilie der „Witwen" und eine Papageienart mit prächtig blau gefärbten Federn. Letztere gewährten auch! außerhalb der Mauserzeit meistens keinen besonders glanzenden Eindruck. Von den binnen Federn, die doch nicht spurlos verschwunden sein konnten, wurde aber nur selten etwas gesunden, bis sich eines Tages die Lösung des Rätsels ergab, als eine ganze Reihe Nester der Webervögel durch ihr eigenes Gewicht mit dem sie tragenden allzuschwachen Aste herunterbrach. Es fand sich nun, daß die Witwen sämtliche, ihnen erreichbaren Papageien feder,: zur Ausschmückung und Tapezierung ihrer Nester znsammengetragen hatten, ja mein Freund sprach sogar vie Vermutung aus, daß die Räuber den Papageien ihre Federn vom lebendigen Leibe heruntergerissen haben möchten, was ick bei der unbedeutenden Kraft dieser Vögel bezweifle.
Eine JarbwarenNiederlage wie Drogisten legen jtnj bte brasilianischen Sonnenkolibris in ihren Nestern an. Sie benutzen die einen intensiven Farbstoff in sich bergende Rotfleckte, um damit die Außenwand ihrer Nester zu schmücken. Häufig findet man die Flechten aber auck im Nestinnern und daun nehmen her Regenwetter die sonst blendend weißen Eier dieser Kolibriart selber die rote Färbung an. Brehm und Burmeister glauben, Was von anderer Seite jedoch bestritten wird, daß die Vögel die Flechte in der Absicht sammeln, die Eier rot zu färben.
Seit Jahren besteht unter den Ornithologen ein wisseiischast- licher Streit über die Absicht, von der sich! die Bahaweber leiten lassen sollen, wenn sie ihre Nester nächlickerweile erleuchten, indem sic leuchtende Insekten mit Klebstoffen an der Innenwand ihrer Nester befestigen. Ob dies von den Webervögeln wirklich ;(Ui Absicht geschieht, oder nur ein.Werk des Zufalls in einer ast Äimpyriden überreichen Eggend ist, läßt fick bis heutigen Ta-fF nicht mit Sicherheit entscheiden. Tatsache ist, daß Leucht
käfer in den Nestern häufig gefunden werden und weil diese Vögel überhaupt alles 'glänzende lieben, hat der Volksglaube an eine von ihnen wohlüberlegt inszenierte Illumination manches! bestechende für sich. Es ist jedoch wahrscheinlicher, wenn hier wirklich Absicht vorliegt, daß die lebenden Laternen mehr dazu dienen, Ratten und noch mehr die zur Nachtzeit auf den Bäumen ihre Jagden nbhaltenden, zierlichen Banmschlangen zu verscheuchen.
Doch zurück zu unseren einheimischen Vögeln, in deren Nestern der mit ein paar tüchtigen Steigeisen Bewaffnete, der einige Findigkeit im Suchen besitzt, auch recht absonderlichen Trödelkram finden kann. Elstern haben es meist auf glänzende Münzen und glatte Metallstück« abgesehen, die sie, wenn sie in halb zahmem Zustande in unseren Baumgärten nisten, mit großer Dreistigkeit durch offene Fenster aus den Wohnungen holen. Andere Vögel bekleben ihre Nester gern mit den metall- glänzenden Flügeldecken farbenprächtiger Käser. Ganz tolle Dinge findet man aber häufig in den Nestern des in fast ganz Europa verbreiteten Fliegenschnäppers. Neben allerhand Federn fremder Vögel und Borsten und Haaren von Säugetieren ier verfolgt auf weite Entfernungen hin Schafherden, iim etwas Wolle zu ergattern) bevorzugt er seltsamerweise Schlangenhäute. Selbst- verstänblich greift er keine lebenden Schlangen an, die er weder überwältigen noch enthäuten könnte. Um Jo eifriger ist er dagegen hinter den Häuten her, die von Schlangen abgeworfen wurden. Zweifelhaft ist es dabei, ob er damit die Absicht verfolgt, andere Tiere von Angriffen auf sein Nest abzuschrecken oder ob ihm die Schlangenhaut, was das wahrscheinlichere ist, nur als Polsterungsmaterial wertvoll ist, wozu sie sich vermöge ihrer ungemeinen Weichheit vortrefflich eignet.
Unendlich ist das Thema von den „fremden Eiern im Rest". Daß Vögel, denen die Eier weggenommen werden, zuweilen mif recht sonderbaren, eiähnlichen Gebilden, wie großen runden Kiesels, steinen, brüten, ist bekannt. Eine starke Verirrung aber ist es, wenn eine Truthenne eine ans dem Boden herausstehende Zwiebel und ein Truthahn auf etlichen Kärtofselu brütet. H,---oMhner bebrüten gutwillig Eier von Raubvögeln, dlo.man ihnen..unterlegt. sind aber über das ausschtüpserwc Kroppzeug stcktlich indigniert. Umgekehrt sitzen auch gezähmte Raubvogel, namentlich Gabelweihen, wie Pau! Leverkühn in tlbhano.ung ,^Fre:ndo Eier im Nest" an der Hand zahlreicher, unanfecktbarer Betsprele nachweist, au? Hühnereiern. Eine Gabelweihe im Besitz des Be- zirksförsters von Girardi in Bruchsal Pflegte bte von ihr erbrüteten Hühnchen mit Sorgfalt und Treue und ein Uhu _ni der nordmährischen Stadt Zöptau, der eine nickt minder gute Mutter c->'ihnerkücken war, hatte sich sogar das Glucken der Hennen mt und ging gegen jebeit, der ihm die Hühnchen weg- tvvllte, mit Kampfbegier los. Bon einem in Gefangen- ehaltenen Mäusebussard, der fünf Hühnchen erbrütet hatte, teilt 9L Wilhelmi mit, daß er die Jungen mit Fleisch aufzog und ihnen nach Art aller Raubvögel auch das Verschlingen von Federn beibrachte, so daß die drei Monate alte Brut sich noch immer von Mäusen und Sperlingen nährte.
Man hat den Versuch gemacht, in die Nester von Krähen Hühnereier zu legen mit dem Erfolge, daß sie sofort von den Krähen gefressen wurden. Man färbte nun Hühnereier grünlich, wie diejenigen der Krähen sind, und die Vögel ließen lick auch wirklich düpieren und brüteten. Als aber die Kücken ansMnpf- ten, wurden sie schleunigst ausgefressen. ,
- Sehr selten ist der Fall, daß sich m einem Mte ohne menschliches Zutun Junge von zwei verschiedenen Vogelarten finden. Es kommt aber doch zmveilen vor; beim der unverdächtige. Macpherson fand im Neste eines sckwarzkopl,gen Flwgen- schnappers einen jungen Rotschwanz, der sich in dieser Geiell- schast sehr wohl befand. . c . . _.
Der Rabe, der sein Nett zu einer Niederlage seiner chievs- beuic macht, hat sogar ein Steindeukmäl gefunden. Es bejmdkt sich als Detail auf dem Grabe des Bischofs Thilo von Trotha nn Merseburger Dom, Von dem man erzählt, daß er einen niugen unschuldigen Menschen habe hiiirichten lassen, weil auf ihm der Verdacht eines Ringdiebstahls lastete, den em Rabe, begangen. Zur Erinnerung daran soll auf dein ^Grabmal der Rabe angebracht worden sein, der einen Ring im L-cknabcl tzntt.
VerWischtsK»
* Die Sprackverderb»iS im deutscke« Handc tä» ft n » b e. lieber das sogenannte Kaufmannsdentsch sprack kürzlich Herr Gustav Mettin in der Kölner Ortsgruppe des Leustchen Sprachvereins. Herr Mettin führte das „zünftige Kauverwelsch ■ des Handelsstandes auf die jahrhuuderlelange Neberlieseruiig, den Aiis'landsverkehr und den verichiedeiiartigen Bildungsgrad der Stnndesmitglieder zurück; es liegt nicht an entern Mangel an vaterländischer Gesinnung, an gutem Willen oder genügendem Verständnis! denn es ist niemals auch nur der Versuck gemacht worden das Sprachgewissen des Kausmanns autzurutteln und zu schärfen, da die Gesamtheit des Handelsstandes mit ihren verschiedenartigen Gesckästsztveigen nicht einer Oberleitung nnter- steht, die wie iw Heer-, Gerichts-, Post- und Eisenbahnwesen, durch ein Machtwort die Reinigung der Sprach« anordnen könnte.


