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Suse setzte sich noch eine halbe Stunde ans Klavier und fang mit halblauter Stimme Schubert-Lieder.
„Dort, wo Du nicht bist, dort ist das Glück." Das wiederholte sie immer wieder.
Sie saug sich in eine ganz tragische Stimmung hinein, die aber auch diesmal nicht lange wahrte.
Als Heinz unwirsch herausplatzte:
„Nu hör' aber mal endlich mit dein Gegröhle auf, es könnt' den Hund jammern", da wollte sie sich ausschütten vor Lachen, und schließlich ging sie sehr vergnügt, noch irgend einen Gassenhauer trällernd, 311 Bett.
2.
Es war einige Wochen später. Ter Winter hatte frühzeitig mit einein leichten Schneefall eingesetzt und es war bereits empfindlich kalt. Ten ganzen Tag waren die nassen weißen Flocken unaufhörlich gefallen, in den Straßen der Großstadt nichts als schmutzige Nässe zurücklasseud.
Suse Meridies schritt eilig diirch das dünn« Flocken- gcriesel. Sic fror entsetzlich. Durch ihr dünnes Herbstjäckchen, das sie noch trug, weil ihre Winterjacke schon so fadenscheinig war, pfiff ein eisiger Novenkberwind und sie war froh, als sic an der Französischen Straße gerade auf ihre Elektrische traf. Sie kam von einer, ihre Geduld und Ruhe stark beanspruchenden Klavierstnnde, müde au. Leib und Seele. Tie Quälerei mit der unbegabten, noch dazu störrischen Schülerin hatte sie mürbe gemacht.
Ein ganz klägliches, niederdrückendes Gefühl lähmte die Schwingen ihrer leichtlebigen Seele. Zum erstenmal überkam sie eigentlich mit voller Wucht der Gedanke au die öde, aussichtslose Zukunft, der sie eutgegcnging. Was würde denn aus ihr werden? Aus ihrer Jugend und Schönheit? Ein altes, verbittertes, vergrämtes Mädchen, sich selbst zur Last, Keinem zum Nutzen.
Stärker, als vorher auf der Straße, überrieselte sie ein Frostschauer, -vrotzdein es nicht kalt war in der stickigen Luft des dicht besetzten Straßenbahnwagens. Sonst hatte es ihr immer Spaß gemacht, die Mitfahrenden zu beobachten, ihre Kleidung und ihr Benehmen zu kritisieren, ihre Gespräche zu belauschen und die Geschwister daheim daun durch drastische Beschreibungen und treffende Nachahmungen zu erheitern, heute fühlte sie nur, daß 0" Menschen, mit denen sie da in so naher Beruhen ihr fremd waren, daß keiner von ihnen sich um sw kümmerte. Blitzartig, wie in letzter Zeit so oft, tauchte das Bild eines lichtstrahlenden Ballsaals vor ihr auf, sic selbst mitten darin, umringt von galanten Offizieren, gefeiert, umworben — und nun so —
Wie verlassen sie doch war, ivie grenzenlos verlassen! Mit todtraurigen, matten Augen blickte sie durch die Glasscheibe auf den Vorderperron hinaus. Ter Wagen hatte Mit einem Ruck gehalten. ,,Potsdamer Platz." Eiu paar Aussteigende drängten an irr vorüber, eins trat auf ihren Fuß, flüsterte ein hastiges „Pardon", aber sie beachtete es nicht, noch immer war sie ihrer Umgebung weit entrückt.
Plötzlich däunuerte ein Leuchten in ihren müden Augen aus. Sie umfaßten die Gestalt eines Offiziers, der eben erst anfgcsticgen, ihr den Rücken zuweüdeud, auf der Platt- form draußen stand. Er ivar groß und schlank, der auf- geschlagene rotlcuchteude Mantelkragen ließ nur ein Stückchen eines dunkelhaarigen Männerkopfes frei. Ein wütender Schmerz schlug seine Krallen in die junge, kämpfesmüde Mädchenseele. Langsam stiegen bittere brennende Tränen in Suses Augen.
Genau so hatte Fritz Trautendorf ansgeschen, wenn er in seltenem Falle mal mit einer anderen' Tarne ans dem Rückweg von der Eisbahn vor ihr hcrgeschritten war, und sie sich nicht satt sehen konnte an seiner schlanken, eleganten Gestalt — genau so pflegte er den Kopf zurückzu- werfcn, wenn er lachte, ivie der Offizier draußen, der soeben mit dem Kondukteur sprach —
Suses Herz begann auf einmal wie rasend zu klopfen, in der Ahnung von etwas Unglaublichem, nie erhofftem —
„Es ist ja unniöglich!" widersprach sie sich selbst, „es kann doch nicht sein, ich täusche mich — ’
Ta machte der Offizier draußen eilte Bewegung zur Seite — hell fiel das Licht der vorüberglcitenden Straßen-, Laternen auf sein hübsches, gebräuntes Gesicht — ihre Munng hatte nicht betrogen — cs war wirklich Fritz Trautendors. Tie Gewißheit wirkte auf Suse wie eine Art Lähmung. Letchcublässe breitete sich! über ihr Antlitz,
während Schreck und Freude in seltsamem Gemische einen Glutstrom durch ihre Adern jagten.
Es blieb ihr keine Zeit mehr, irgend etwas zu überlegen oder zu bedenken, denn schon hielt der Wagen und die Stimme des in die offene Tür tretenden Schaffners klang herein:
„Steglitzer Straße!"
Ihr Ziel. Sie erhob sich taumelnd und schleppte die bleiernen Füße auf die Plattform hinaus. Würde er sie erkennen? Sollte sie ihn ansprechen? Aber sie hatte nicht den Mut, die Augen zu erheben, und der junge Offizier sah ahnungslos nach der anderen Seite hinüber, als das Mädchen, das er einst Braut genannt, dicht au ihm vorbeistrich.
Suses zitternde Knie versagten beim Absteigen plötzlich den Dienst, sie wankte und hielt sich an die Rampe der Plattform.
„Ra un, Freilein!" meinte der zu Hilfe eilende Schaffner gutmütig, „fallen Sie man bloß nicht, es ist so glitscherig bei der Nässe —"
Aufmerksam geworden, wandte der Offizier sich da um. Einen Moment stand er fassungslos, starrte in das totenblasse, verstörte Mädchengesicht — dann schlug eine Blutwelle in seine braunen Wangen. Ten verblüfften Schaffner! beiseite schiebend, sprang er rasch vom Wagen und reichte Suse beim Absteigen die stützende Hand.
Es war das Werk einer Sekunde. Im nächsten Moment glitt der Wagen davon. Tie beiden blieben zurück.
Sie sprachen zuerst kein Wort, sie sahen sich nur an. Er bemerkte auf den ersten Blick, ivie traurig ihre Erscheinung sich verändert hatte.
Zwar hatte sie noch immer dasselbe hübsche, pikante Gesichtchen, dieselben schönen, großen Blanaugcu, deren! Leuchten ihm einst den Sinn bezaubert hatten, aber sie ivar viel magerer geworden und er wußte nicht recht, Machte das ihm einen so trostlosen, rührenden Eindruck, oder die Nachlässigkeit, ivelche ihre ganze Erscheinung kennzeichnete. Sie sah aus, als fei es ihr ganz gleichgiltig, ivie sie gekleidet gehe, als lohne es sich nicht mehr, ihre Schönheit zur Geltung zu bringen.
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ch g. O ujumj. Es wäre
-..bi.Uuiiu gewesen, hätte er sich gesagt, daß er ihrer in all dieser Heit voll schmerzlicher Sehnsucht gedacht habe, aber nun bei ihrem Anblick sagte ihm doch sein Herz, daß die Liebe zu diesem kleinen süßen Mädchen die einzige, echte seines Lebens gewesen.
„Mein gnädiges Fräulein, welch unverhoffte Freude!" sagte er, endlich Worte findend und drückte fest die kleine Hand, die noch immer in der seinen ruhte. Sie vermochte nicht zu antworten.
Groh, fragend hingen ihre Augen an seinem bewegten Gesicht.
' Dann rang sich eiu leises Stöhnen aus ihrer Brust und helle Tränen perlten langsam über ihre blassen Wangen.
Da brach die alte Liebe bei dem Manne sich gewaltsam Bahn und siegte über jegliches Bedenken.
„Suse, Liebling, weine doch nicht!" beschwichtigte er zärtlich, „warum denn Tränen? Freust Du Dich denn nicht, mich.wieder zu haben?"
Während er sprach, hatte er ihren Arm durch den seinen gezogen und führte sie rasch, um nicht erst die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen, nach der stilleren Steglitzerstraße. Sie weinte nun doch fassungslos, das Gesicht an seinen Arm geschmiegt.
Er ließ sie ein Weilchen gewähren, langsam mit ihr weiterschreitend, voll den Reiz auskostend, den es ihm stets gewährt hatte, wenn er sich Suse gegenüber als ritterlicher Beschützer fühlen konnte.
Und eine unendliche, tiefe Zärtlichkeit ließ ihn innige Liebesworte finden, die er leise in das kleine, rotglühende Ohr unter dem schwarzen Pelzmützchen raunte.
Suse hatte noch kein Wort gesprochen. Nur das Erzittern des dicht au ihn gedrängten Mädchenkörpers gab ihm Antwort ans seine Zärtlichkeiten. .. üZ r-
v (Fortsetzung folgt.)


